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Datum: 02.09.2010
Eindringlich: Tilman Jens las aus seinem Buch „Demenz – Abschied von meinem Vater“.
Foto: Hägele

Tilman Jens über seinen Vater Walter Jens

PFORZHEIM. Walter Jens ist einer der streitbarsten Köpfe des 20. Jahrhunderts. Geboren 1923, hat er sich als Rhetorikprofessor, Literaturwissenschaftler und Altphilologe ab den 1960er-Jahren einen Namen gemacht. Als scharfsinniger und bisweilen auch unbequemer Schriftsteller und Kritiker bezog er zu vielen kulturgeschichtlichen, gesellschaftspolitischen und theologischen Themen Stellung und ging dabei keiner Diskussion aus dem Wege. So kennt man ihn.

Protokoll des Verfalls

Doch Walter Jens hat sich durch seine Krankheit stark verändert. Sein ältester Sohn Tilman hat in seinem Buch „Demenz – Abschied von meinem Vater“ ein leises, trauriges und zuweilen auch witziges Protokoll des langsamen Verfalls geschrieben. Am vergangenen Freitag las der Journalist im Hohenwart Forum aus dem 2009 erschienenen Band, der im deutschen Feuilleton sehr unterschiedlich diskutiert wurde.

„Er wird nicht mehr erwachen aus seinem tiefen Seelenschlaf“, mit solchen und anderen Vergleichen versuchte Tilman Jens den für ihn so schmerzlichen wie unaufhaltsamen Fortschritt der Demenzkrankheit seines Vaters zu beschreiben. Dabei nahm er kein Blatt vor den Mund, alle Facetten dieser Erkrankung wie Inkontinenz, den Verlust fast aller Erinnerungen oder auch unkontrollierbare Wutausbrüche detailliert zu beschreiben.

Demenz und Sterbehilfe

Doch es ist nicht nur die Auseinandersetzung mit der auch heute noch nicht gänzlich erforschten Krankheit, die der Sohn mit knappen aber anrührenden Worten zur Sprache brachte. Er setzte sich auch intensiv mit dem Thema einer menschenwürdigen Sterbehilfe auseinander, für die sein Vater unter anderem in der gemeinsamen Vorlesung mit dem Theologen Hans Küng gekämpft hatte. Doch Walter Jens hat den „freundlichen Tod“, wie er ihn selbst bezeichnete, nie ernsthaft für sich selbst eingefordert und auch seine Familie glaubt fest daran, dass er auch heute noch ein würdiges Leben führt.

Ausführlich ging der Journalist auch auf die 2003 aufgedeckte NSDAP-Mitgliedschaft seines Vaters ein, an die dieser sich angeblich nicht mehr erinnern konnte. Im Gespräch mit dem Publikum äußerte sich Jens zu den Vorwürfen seiner Kritiker, er habe mit dem Buch das Trauma seiner Kindheit verarbeiten wollen. Dies, so der Autor, sei niemals sein Anliegen gewesen. Vielmehr hoffe er, der bisher weitgehenden Tabuisierung der Demenzerkrankung entgegenzuwirken. Sabine Hägele

Tilman Jens: „Demenz –

Abschied von meinem Vater“. Gütersloher Verlagshaus.

142 Seiten. 17,95 Euro.

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