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Datum: 02.09.2010

Landrat Riegger: „Wir müssen als Einheit auftreten“

Seit dem 1. Februar ist Helmut Riegger Landrat im Kreis Calw. Mit den PZ-Redakteuren Holger Knöferl, Ralf Steinert und Viola Krauss sprach er über seine häufigen Aufenthalte in Pforzheim, Potenzial für eine Zusammenarbeit, den Stellenwert des Tourismus und weshalb er für die Wirtschaft im Kreis mehr auf die Schiene und die Datenautobahn setzt.

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PZ: Herr Riegger, als Landrat des Landkreises Calw sind Sie derzeit auch Verwaltungsratsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw. Gibt es noch einen anderen Grund für Sie, nach Pforzheim zu kommen?
Helmut Riegger (lacht): Ich bin in meiner Funktion als Landrat wirklich sehr oft hier. Das liegt zunächst in meiner Tätigkeit als Verwaltungsratsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw. Der zweite Grund ist, dass ich mich mit meinem Landratskollegen Röckinger und Pforzheims Oberbürgermeister Gerd Hager sehr gut verstehe. Wir stimmen uns auch eng ab, weil wir alle drei Verwaltungsratsvorsitzende sind. Und mir gefällt auch die Stadt und vor allem der Wildpark sehr gut. Hierher gehe ich seit Jahren.

PZ: Aber Tatsache ist doch, dass der Kreis Calw eher in Richtung Böblingen/Sindelfingen, Stuttgart tendiert und nicht in Richtung des Oberzentrums Pforzheim. Beschreiben Sie doch mal, wie Pforzheim im Kreis Calw wahrgenommen wird. Was für eine Rolle spielt das Oberzentrum?
Riegger: Da möchte ich zunächst ein bisschen widersprechen. Wenn ich den Raum Schömberg sehe, wird dort schon stark Richtung Pforzheim tendiert. Pforzheim wird als starke Großstadt wahrgenommen, mit guter Industrie, sehr guten mittelständischen Unternehmen und das hat auch Einfluss auf den Landkreis Calw. Aus meiner Sicht als neuer Landrat fühlt sich der Landkreis Calw eingezwängt zwischen den Ballungszentren Stuttgart, Karlsruhe und Pforzheim. Und man schaut da noch zu sehr drauf. Ich sage, wir müssen selbstbewusst unsere Stärken darstellen. Selbstbewusst, aber nicht arrogant. Das heißt: nicht nur auf andere schauen und auch sagen, was wir im Landkreis bieten können. Dann ist auch eine Win/Win-Situation für andere gegeben. Wir haben zum Beispiel auch sehr gute Unternehmen, mit denen die Pforzheimer zusammenarbeiten können. Wir haben wunderschöne Bäder und tolle Landschaften, die die Pforzheimer sicher gerne nutzen. Und es kommen sicher auch viele aus dem Landkreis Calw nach Pforzheim.

PZ: Nochmal zurück zur Ausrichtung der Region. Sie planen eine Wiederbelebung der Bahnstrecke Calw – Weil der Stadt und schließen damit Ihren Landkreis über die Schiene an den Großraum Stuttgart an. Das ist ja schon eine klare Aussage, oder etwa nicht?
Riegger: Ich halte es für zwingend notwendig, dass der Landkreis Calw eine hervorragende Infrastruktur hat. Das ist für mich der Schlüssel für einen Wirtschaftsstandort. Viele pendeln Richtung Stuttgart, Sindelfingen, Böblingen. Ich möchte, dass die Menschen nicht mit dem Auto fahren, sondern die Bahn nutzen. Dass heißt aber nicht, dass wir uns zu sehr an den Großraum Stuttgart hängen. Wir sind im Norden über Bad Herrenalb mit dem Raum Karlsruhe verbunden. Und von Pforzheim aus können Sie auch mit der Bahn bis Bad Wildbad fahren. Die Anbindung muss stimmen.

PZ: Noch hapert es aber damit. Fahrgäste mit einer VPE-Karte können von Pforzheim nicht mal bis Bad Liebenzell oder Calw fahren. Muss also für die Infrastruktur mehr getan werden?
Riegger: Diese Anregung nehme ich gern mit, ich werde mich darum kümmern. Die Infrastruktur ist ein zentrales Thema, aus wirtschaftlicher, wie auch aus demografischer Sicht. Ich möchte, dass die Leute, die ja immer älter werden, irgendwann aufs Auto verzichten können und trotzdem nicht in einen Ballungsraum wie Pforzheim ziehen, weil hier kulturelles Leben ist. Das heißt nicht, dass es in Calw keines gibt, aber in einer Großstadt ist das Angebot vielfältiger. Ich möchte, dass die Leute sagen können, ich wohne in einer schönen Gegend, aber ich brauche kein Auto, weil ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln alles erreichen kann.

PZ: Nochmal zurück zur Bahnlinie Richtung Stuttgart. So könnten auch Touristen mit dem Zug in den Kreis Calw kommen. Sie wollen ohnehin das Tourismusthema weiter ausbauen. Warum?
Riegger: Der regionale Tourismus wird weiter zunehmen, das sagen viele Experten. Und ich bin der festen Überzeugung, das der Kreis Calw sehr viele interessante touristische Ziele zu bieten hat. Auch weil wir sehen, dass viele Besucher nicht mehr eine Woche Urlaub buchen, sondern übers Wochenende kommen. Diese Menschen kommen aus Pforzheim, Karlsruhe oder Stuttgart. Genau, das ist die Zielgruppe. Wir müssen den Raum Stuttgart so erschließen, dass Kur- und Bäderkreis Calw interessant ist. Wir müssen uns einen anderen Begriff überlegen.

PZ: Sie sprechen es selbst an: Der Kreis Calw gilt als der Bäderkreis. Doch bislang treten die Touristik- und Kurkommunen nur zögerlich gemeinsam auf. Wird sich das unter Ihrer Führung ändern und wenn ja, wie?
Riegger: Zum einen müssen wir uns besser vernetzen. Der Landkreis muss als eine Einheit auftreten. Nicht als Stadt Bad Liebenzell oder Schömberg. Wir müssen eine gemeinsame Vermarktung starten. Und wir müssen an einem Strang mit den Gastronomen ziehen. So können Gäste sagen, hier habe ich ein hervorragend ausgebautes Radwegenetz , ich habe tolle Bäder, ich habe schöne Städte und ich habe eine tolle Gastronomie und Hotellerie. So lässt sich das Thema Wellness verbinden. Hierfür müssen wir eine Infrastruktur schaffen. Teilweise gibt es sie ja , aber es muss wieder mehr investiert werden. Das haben zum Glück fast alle verstanden. Dann sind wir am Zug der Zeit.

PZ: Radfahren ist auch ein Wellness-Thema. Was halten Sie von einer Verbindung des Radwegenetzes vom Enztal zum Nagoldtal?
Riegger: Die Verbindung der beiden Täler stimmt noch nicht. Da werde ich mich noch darum kümmern. Das Thema Rad-Tourismus ist ein wachsender Markt. Früher waren das die Mountainbiker. Mit den Elektrobikes können wir eine ganz neue Zielgruppe erschließen. Deshalb werden wir in der nächsten Zeit an vielen Orten die notwendigen Lade-Stationen einrichten. Eben weil der Tourismus ein wirklich wichtiger Wirtschaftsfaktor im Landkreis Calw ist. Deshalb möchte ich das Thema Wirtschaft und Tourismus auch miteinander koppeln.

PZ: Wie gehen Sie das praktisch an, nehmen Sie dafür auch Geld in die Hand?
Riegger: Ja, das werden wir tun. Wir haben jetzt eine Mitarbeiterin dafür eingestellt, und die benötigt natürlich auch Mittel, um werben zu können. Wir müssen auch wieder gemeinsam auftreten und dazu eine Konzeption erarbeiten. Das Gleiche gilt für die Wirtschaftsförderung. Ich habe von meinem ersten Tag an gesagt, dass wir die Unternehmen pflegen müssen, gerade auch in schwierigen Zeiten.

PZ: Es gibt ja auch noch die Wirtschaftsförderung der Region Nordschwarzwald?
Riegger: Das stimmt. Der oberste Wirtschaftsförderer ist aber immer der Landrat. Ich lege großen Wert auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landkreises, dass es vor Ort Arbeitsplätze gibt, dass die Bewohner abgesichert sind, dann bleiben sie auch im Kreis. Die Kommunen leben von der Gewerbesteuer. Ich kann Vorort einfach noch genauer hinschauen, so kann ich am Ball bleiben. Ich sehe das Engagement der WFG aber nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung.

PZ: Die Region Nordschwarzwald ist also nicht nur ein Kunstgebilde?
Riegger: Wir müssen in Wirtschaftsfragen als Einheit auftreten, genauso wie im Tourismus, da kann ich nicht als Landkreis Calw kommen und sagen, wir sind der Nabel der Welt. Da muss schon eine Marke drüberstehen. So sehe ich das auch bei der WFG, die über den vier Landkreisen steht und so beispielsweise auf der Hannover Messe als attraktive Wirtschaftsregion auftritt.

PZ: Wichtig für die Wirtschaft ist auch das Internet. Da war der Landkreis Calw in Sachen Internetförderung in der Region führend mit dem Breitband-Atlas. Andere, wie der Enzkreis, sind da gerade erst dabei. Wie sehen ihre nächsten Schritte aus?
Riegger: Damit ein Landkreis gut aufgestellt ist, braucht es eine gute medizinische Versorgung und gute Internetversorgung . Eine Autobahn durch den Schwarzwald ist nicht nötig, aber eine Datenautobahn. Ich möchte, dass alle Gemeinden besser heute als morgen mit einem guten, schnellen Netz versorgt sind. Das ist für Firmen heute die wichtigste Frage. Ich werde das Thema mit großer Energie vorantreiben. Das ist keine Zukunftsaufgabe, die Umsetzung muss jetzt geschehen.

PZ: Mit welchen Mitteln?
Riegger: Ich lasse mir gerade die weißen Flecken im Landkreis zusammenstellen und will mich von externen Fachleuten beraten lassen. Und dann müssen wir mit den Kommunen und der Telekom ganz schnell zusammenkommen. Ich bin auch bereit dafür eigenes Geld in die Hand zu nehmen.

PZ: Sie sind im Gegensatz zu Ihren Vorgängern Mitglied einer Partei, nämlich der CDU. Spielt das in der Zusammenarbeit, etwa im Kreistag, eine Rolle?
Riegger: In der Kommunalpolitik spielt die Mitgliedschaft in einer Partei eine untergeordnete Rolle. Ich war zehn Jahre Bürgermeister, da habe ich nie aufs Parteibuch geschaut. Ich habe immer mit allen Mitgliedern der Gremien gut zusammengearbeitet. Das werde ich auch im Kreistag in Calw. Ich habe zu allen Fraktionen ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis und soll es auch in Zukunft bleiben.

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