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07.12.2010

Amokprozess: Zeuge zieht Aussage zu Waffentresor zurück

STUTTGART. Der Amokläufer von Winnenden hat den Zahlencode zum Waffentresor seines Vaters womöglich doch nicht gekannt. Ein früherer Klassenkamerad von Tim K. zog am Dienstag vor dem Stuttgarter Landgericht seine frühere Aussage zurück. Tim K. habe ihm mal Patronen gezeigt, aber ob er diese wirklich aus dem Tresor geholt habe, wisse er nicht. «Ich habe es nicht gesehen», sagte der heute 20 Jahre alte Lehrling.

In einer früheren Polizeivernehmung hatte der Klassenkamerad noch behauptet: «Er hat immer zu uns gesagt, dass er den Safe-Code kennt.» Auch dies wollte er nun vor Gericht nicht bestätigen. Der Vater des Amokläufers muss sich vor Gericht verantworten, weil er eine seiner Pistolen unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt hatte. Damit hatte sein 17-jähriger Sohn am 11. März 2009 an seiner früheren Realschule in Winnenden und auf der Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen. Die Anklage lautet auf Verstoß gegen das Waffengesetz, doch das Gericht hat zu Prozessbeginn auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung nicht ausgeschlossen.

Der Klassenkamerad an der Albertville-Realschule sagte vor Gericht, er könne sich nicht erinnern, dass Tim K. ihm gesagt habe, dass er den Code kenne. Der Vorsitzende Richter Reiner Skujat zweifelte die Glaubwürdigkeit des Zeugen an: «Ich weiß nicht, ob sie ein Schwätzer sind oder jemand, auf dessen Wort man sich verlassen kann.»

Eine Lehrerin des Berufskollegs von Tim K. bestätigte, dass sie das Thema Amoklauf rund zwei Monate vor der Tat in dessen Klasse behandelt hat. Grundlage sei ein Magazinartikel über die Gewalttat von Erfurt im Jahr 2002 gewesen. Tim K. habe sich nicht zu dem Thema geäußert. Auch Waffen seien einmal im Unterricht behandelt worden. Was der spätere Amokläufer dazu erzählt habe, habe geklungen wie aus einem Lehrbuch für Schützenvereine. Der Schüler sei zwar recht zurückgezogen gewesen, doch habe sie keinerlei Anhaltspunkte für die spätere Tat gehabt und sei total geschockt gewesen.

Für eine Lehrerin, die bei dem Amoklauf fliehende Kinder betreut hatte, ist die Tat ein Dienstunfall. Das Regierungspräsidium Stuttgart hat die Belastungsstörung der Pädagogin als Folge der Tragödie anerkannt, wie das Verwaltungsgericht Stuttgart mitteilte. Bei einem Dienstunfall greift bei möglichen Spätfolgen eine bessere versorgungsrechtliche Regelung. Auch werden sämtliche Kosten für die Heilbehandlung übernommen.

Die erkrankte Lehrerin hatte sich beim Regierungspräsidium zunächst eine Abfuhr geholt und war vor das Verwaltungsgericht gezogen. Dieses musste nach dem Umschwenken des Regierungspräsidiums nur noch über die Kosten des Verfahrens entscheiden. Insgesamt gab es etwa einDutzend Anträge von Lehrern aus Winnenden auf einen Dienstunfall, die teilweise bewilligt wurden.