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Nerd mit Visionen: Jan Lutz. privat
Nerd mit Visionen: Jan Lutz. privat
Zwei Rohrbögen, ein Sensor, ein WLAN-Chip, ein Steckernetzteil und ein paar Kabel – mehr braucht man nicht für die selbstgebaute Messstation.
Zwei Rohrbögen, ein Sensor, ein WLAN-Chip, ein Steckernetzteil und ein paar Kabel – mehr braucht man nicht für die selbstgebaute Messstation.
07.03.2017

Basteln und sammeln: Stuttgarter Tüftler entwickeln Bausatz für Feinstaub-Messstation

„Aus einem hässlichen Thema etwas Schönes machen.“ So nennt es Jan Lutz. Der 41-Jährige hat vor zwei Jahren das OK Lab in Stuttgart ins Leben gerufen.

OK – die Abkürzung steht für Open Knowledge, also frei zugängliches Wissen. Das Ziel der Programmierer, Designer und anderen Interessierten ist es, digitale Anwendungen für das öffentliche Leben zu entwerfen. OKs gibt es unter anderem in Berlin, Leipzig, Hamburg, Ulm. Sie stellen die Kitaplatz-Situation dar oder Bebauungspläne für das Tempelhofer Feld – alles schön grafisch. So dass für jeden ersichtlich wird, was die gesammelten Daten bedeuten. Die Stuttgarter Gruppe um den freiberuflichen Kommunikationsdesigner Lutz hat sich den Feinstaub zum Visualisieren auserkoren – aber nicht nur das. Sie sorgt dafür, dass die relevanten Daten erhoben werden.

Denn es ist gar nicht so leicht, an die Messwerte ranzukommen. Außerdem wird ja nur an wenigen Stellen gemessen. Offiziell. Dank Lutz und den anderen hat sich das inzwischen geändert. Sie haben ein kostengünstiges Messgerät zum Selberbauen entwickelt. Für 30 Euro bekommt man die nötigen Teile, eine Viertelstunde Arbeitseinsatz – fertig. „Sogar mein neunjähriger Sohn schafft das“, sagt Lutz. Und wer alleine nicht zurechtkommt, dem wird bei den OK-Treffen alle 14 Tage geholfen. 400 Bausätze haben Lutz und Kollegen bestellt, 150 fertige Messanlagen sind bereits im Betrieb, nicht nur in Stuttgart – und liefern Daten, die im Internet für jedermann abrufbar sind.

Gemessen werden zwei verschiedene Feinstaubwerte – PM 10 und PM 2,5. Überschreitungen der Grenzwerte finden sich in Stuttgart allenthalben – keineswegs nur am berühmt-berüchtigten Neckartor. „Wir konnten schon Punkte in der Stadt identifizieren, die noch schlimmer sind.“ Und die Daten können offenbar mit offiziellen Messungen mithalten, das habe ihnen die Materialprüfanstalt der Uni Stuttgart bestätigt. Als nächstes wollen sich die Bastler und Computernerds der Stickoxide annehmen.

Anfragen haben die Feinstaub-Messer mittlerweile aus Polen, Frankreich, Thailand oder der Dominikanischen Republik. Selbstbaukurse veranstalten sie auch an Schulen. Nur die Stadt Stuttgart zeigt sich zurückhaltend. „Die betreiben eine Vogel-Strauß-Politik“, sagt Lutz. Interesse an den erhobenen Daten hätte die Verwaltung nicht. Und auch nicht an Lutz’ sonstigen Visionen. „Meine Idee ist es ja, Stuttgart zu einem Standort für Zukunftsmobilität zu entwickeln“, sagt der 41-Jährige, der im Monat 1000 Kilometer mit dem Rad zurücklegt.

Bauanleitung: www.pzlink.de/sensor