



Die Flugzeugkollision bei Überlingen jährt sich am Sonntag zum zehnten Mal. 71 Menschen starben, darunter viele Kinder, die in Urlaub fliegen wollten.
Als Daniela Einsdorf auf dem Gräberfeld im russischen Ufa steht, wird ihr die ganze Dimension des Flugzeugunglücks von Überlingen am Bodensee erst richtig bewusst. Auf dem Friedhof reiht sich Grab an Grab, daneben stehen Angehörige – Vater, Mutter, Oma, Opa. Daniela Einsdorf sieht die Porträts der Kinder, liest die Namen der Opfer.
71 Menschen sind bei dem Zusammenstoß kurz vor Mitternacht am 1. Juli 2002 ums Leben gekommen – unter ihnen mehrere Dutzend Schulkinder aus der russischen Teilrepublik Baschkortostan. Die Tupolew ist unterwegs nach Spanien. Die Kinder wollen zwei Wochen Urlaub an der Costa Dorada machen. An Bord der zweiten Maschine, einem Frachtflugzeug, sind ein britischer und ein kanadischer Pilot. Auch sie sterben bei dem Absturz.
Nach der Katastrophe, die sich morgen zum zehnten Mal jährt, hat Einsdorf den künstlerischen Teil der ersten Gedenkfeier in Überlingen gestaltet. Als sie mit einer deutschen Delegation den Heimatort der Opfer besucht, ist ein halbes Jahr vergangen. „Da habe ich die Tragik dieses Unglücks erst richtig tief verstanden und empfunden.“
Das Unglück – so wird die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung 2004 in ihrem Abschlussbericht feststellen – geht auf technische Mängel und menschliche Fehler bei der Schweizer Flugsicherung Skyguide zurück. Um 23.30 Uhr fliegen beide Maschinen auf 36000 Fuß (11500 Meter) Höhe. Bei Überlingen am Bodensee sollen sie kreuzen – eigentlich Routine. Zu diesem Zeitpunkt sitzt im Zürcher Kontrollzentrum ein Fluglotse. Er ist allein für den Luftraum über Süddeutschland zuständig, wegen Wartungsarbeiten stehen ihm Radar und Telefon nur eingeschränkt zur Verfügung. Das drohende Unglück bemerkt er erst, als es zu spät ist: Um 23.35 Uhr und 32 Sekunden kollidieren die Flugzeuge. Für seinen folgenschweren Fehler wird der Fluglotse mit dem Leben bezahlen. 2004 ersticht ihn ein Hinterbliebener.
Wrackteile der Flugzeuge stürzen über dem nordwestlichen Bodenseeufer ab, die Trümmer liegen kilometerweit verstreut. Während die Bevölkerung noch fassungslos vor den Ereignissen der Nacht steht, bereiten sich mehr als 1000 Einsatzkräfte auf ihre emotional außerordentlich belastende Aufgabe vor: Sie müssen Wiesen, Wälder und Felder nach Resten der Tragödie absuchen. Den Rettungskräften bietet sich im Morgengrauen ein furchtbares Bild: Zerfetzte Körper, Teile von Toten, hier ein Turnschuh, dort eine Tasche liegen verstreut um ausgebrannte Flugzeugteile.
Christian Gorber ist einer der Feuerwehrleute, die vor Ort im Einsatz sind. Er hilft bei der Bergung der sterblichen Überreste von Opfern aus einem zerstörten Kabinenteil, das in eine Apfelplantage gestürzt ist. „Ich habe mich zwischendurch immer wieder gefragt, was für einen Sinn das noch hat“, erinnert sich Gorber. Neben ihm steht ein Seelsorger. „Er hat mir gesagt: Das ist ungeheuer wichtig, was ihr da macht. Ihr gebt den Toten ihre Würde zurück, ihr helft den Angehörigen.“ Ein halbes Jahr später steht auch Gorber bei den Angehörigen auf dem Gräberfeld in Ufa. Zu sehen, dass die Opfer ordentlich bestattet sind, hilft ihm bei der Verarbeitung des Geschehens: „Ich konnte damit abschließen.“
Autor: Kathrin Streckenbach






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