

Jan H. ist einer von 13 Patienten, die täglich zur Karlsruher AWO-Ambulanz kommen – jeden Morgen, jeden Abend. Dort erhält er innerhalb der Heroin gestützten Behandlung die Dosis Opiate verabreicht, die er benötigt, um den Tag zu überstehen. Die Patienten setzen sich „den Schuss“ in der Regel selbst. Eine Krankenschwester zieht die Spritze auf und überwacht den Vorgang. Kein schmutziges Heroin von der Straße, sondern das synthetisch hergestellte Diamorphin.
Bereits um acht Uhr morgens herrscht reger Betrieb in dem unscheinbaren Gebäude aus den 50erJahren, das direkt neben einer viel befahrenen Straße in der Innenstadt steht. Seit vier Jahren nimmt Jan H. an dem Pilotprojekt teil. Er war einer der ersten überhaupt, die mit dabei waren. Ursprünglich waren es einmal 48 Menschen. Die Bedingungen lauteten: Die Patienten mussten seit fünf Jahren drogenabhängig sein, mindestens 23 Jahre alt sein, und zwei Therapieversuche erfolglos abgebrochen haben. Doch bereits beim Start 2002 sprangen etliche ab.
„Wir haben damals zwei Gruppen gebildet. Die einen haben am neuen Heroinversuch teilgenommen, die anderen haben auf herkömmliche Art Methadon bekommen. Per Zufallsprinzip haben wir dann ausgewählt. Viele, die nun in die Methadon-Gruppe kamen, waren völlig entsetzt. Die sind zum Teil schreiend und weinend weg gerannt und haben das Projekt abrupt abgebrochen“, berichtet Martin Gauly, stellvertretender Leiter der Substitutionsambulanz der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Jan H. weiß, was in den Abbrechern damals vorging. „Das Problem bei Methadon ist, dass die Gier nach der Droge nicht befriedigt wird. Man hat zwar keinen Entzug, aber das reicht nicht. Viele werden wieder rückfällig oder nehmen andere Drogen. Bei dem Heroinprojekt ist das ganz anders.“ Jan H. war – bevor er an dem Projekt teilnahm – neben seiner Heroinsucht stark alkoholabhängig. Heute leidet der 34-Jährige, der einst Zahntechniker gelernt hat, an einer Leberzirrhose. Wo er heute wäre, wenn es das Projekt nicht gäbe, das es neben Karlsruhe bis dato noch in sechs weiteren Städten in Deutschland gibt? Der Mann mit dem blonden Schopf überlegt lange: „Um ehrlich zu sein, das möchte ich mir lieber gar nicht erst ausmalen. Vielleicht wäre ich in einer Therapie, vielleicht aber auch ganz woanders.“
Sozialarbeiter Martin Gauly drückt das etwas weniger prosaisch aus: „Sehr wahrscheinlich wäre er jetzt wie viele andere tot. Für die Patienten geht es in diesem Projekt oft um das nackte Überleben.“ Jan H. hat schon als Jugendlicher so ziemlich alles genommen, was ihm in die Finger kam: Bier, Pillen, LSD, Haschisch, Medikamente und schließlich Heroin. Mit 16, 17 Jahren hatte er angefangen. „Wir waren damals so eine Mofaclique. Irgendwann ging es los. Ich habe ‚Christiane F. – wir Kinder vom Bahnhof Zoo‘ gelesen. Das war alles ein schleichender Übergang zu den harten Drogen“, erinnert sich der gebürtige Karlsruher, der sich gerade unter ärztlicher Aufsicht „einen Schuss“ gesetzt hat und nun entspannt in einem Bürostuhl lehnt. Was es denn überhaupt für ein Gefühl sei, was die Droge mit ihm mache? „Das ist so eine angenehme Wärme. Man ist einfach gut gelaunt, negative Empfindungen werden ausgeblendet. Da ist natürlich nicht mehr die Euphorie wie am Anfang, aber man fühlt sich wohl.“
Seit der 34-Jährige an der Heroin gestützten Behandlung teilnimmt, hat er wieder einen strukturierten Tagesablauf, macht bei einer Arbeitstherapie der AWO mit, trinkt keinen Alkohol und hat sich zunehmend stabilisiert. Früher undenkbar. „Ich war einfach immer auf der Suche nach der Droge, der psychische Druck war enorm. Hinzu kam ja, dass ich das Geld dafür auftreiben musste. Das meiste, was ich machte, war illegal“, räumt er rückblickend ein. Er saß mehrfach im Gefängnis. Wenn er raus kam, ging er zurück in die Szene. Dieser hat er längst den Rücken gekehrt, seit er an der kontrollierten Drogenvergabe teilnimmt.
Was er von dem Argument halte, dass der Staat quasi nicht als Dealer auftreten solle. Zum ersten Mal schüttelt der sanftmütig wirkende Mann vehement den Kopf: „Leute die so denken, haben keine Ahnung. Ich meine einfach, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, auf die bestmögliche Behandlung – und gerade auch Schwerstabhängige. Denn auch wir haben ein Recht auf Lebensqualität. Viele finden erst hier wieder eine Perspektive“, sagt er, ehe er sich verabschiedet. Er muss noch einkaufen gehen, dann zum Zahnarzt. Abends wird er wieder kommen, sich nochmals „einen Schuss zu setzen“.
Gauly lässt Zahlen sprechen. „Wir haben für einen Patienten im Jahr einen Kostenaufwand von rund 10 000 Euro. Wenn die Menschen rückfällig werden, ins Gefängnis kommen, sind die Kosten für die Gesellschaft um ein Vielfaches höher. Deshalb ist es so wichtig, dass dieses Projekt fortgesetzt wird.“ Volker Knopf





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