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13.05.2011

Kultusministerin: Auch komplette Rückkehr zu G9 möglich

STUTTGART. Die neue Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) will in den kommenden Jahren auch eine vollständige Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium zulassen. «Wenn es einen entsprechenden Antrag einer Schule geben sollte, könnte auch das möglich sein», sagte sie der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. Grün-Rot gehe es aber vor allem darum, ein Nebeneinander von acht- und neunjährigen Zügen zu genehmigen.

Um den Unterrichtsausfall an den Schulen zu vermindern, will das Land 400 weitere Krankheitsvertreter einstellen. Die neue Ministerin plant zudem, Ethikunterricht als Alternative zum Religionsunterricht schon in der Grundschule einzuführen. Muttersprachlicher Unterricht soll Bestandteil des regulären Schulangebots werden.

In Nordrhein-Westfalen seien zwar nur 13 Anträge auf Rückkehr zu G9 eingegangen. «Wir wollen aber im Unterschied zu Nordrhein-Westfalen auch parallele G8- und G9-Züge genehmigen», sagte Warminski-Leitheußer. «Ich rechne deshalb damit, dass die Zahl der Anträge im Südwesten deutlich höher liegen wird.» Der Wechsel zu neunjährigen Zügen könne im Wettbewerb der Schulen untereinander auch eine Marketing-Strategie sein.

Der Philologenverband lobte die neue Offenheit und sieht seine jahrelange Forderung erfüllt. «Es gibt Kinder, die kommen mit G8 problemlos klar, und Kinder, die ein Jahr mehr brauchen», sagte Verbandschef Bernd Saur der dpa. Er erhalte von Lehrerkollegen die Rückmeldung, den G8-Schülern fehle häufig die Reife für bestimmte Themen. Er bezweifle, dass mit G8 die Qualität des Abiturs gehalten werden kann. «Unser klassisches Abitur ist eine Supervorbereitung auf alle Studiengänge mit einer breiten Allgemeinbildung im Humboldt'schen Sinne.»

Die deutschen Abgänger des neunjährigen Gymnasiums schnitten in internationalen Studiengängen stets besser ab als ihre Kommilitonen, berichtete Saur. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich würden die Schulabgänger durch ein zusätzliches Vorsemester auf das Studium vorbereitet. «Deshalb pfeife ich auf das Argument, die achtjährigen Ausbildungszeiten seien europäischer Standard», sagte Saur.

Warminski-Leitheußer steht dem sogenannten Turbo-Gymnasium sehr kritisch gegenüber. Der Leistungsdruck könne bei Kindern und Jugendlichen zu psychischen Problemen führen: «Wir produzieren viele junge Menschen, die mit 20 ausgebrannt sind.» Nach ihrer Überzeugung kann das achtjährige Gymnasium nur bei einer Verknüpfung mit rhythmisiertem Ganztagsunterricht erfolgreich sein. «Dadurch gibt es erheblich bessere Möglichkeiten, die Schüler zu fördern.»

Die Ganztagsschule ist der ehemaligen Mannheimer Schulbürgermeisterin ein Herzensanliegen. Sie soll so schnell wie möglich als Regelschule im Schulgesetz verankert werden. Dafür sollen Mittel für 1500 Lehrer bereitstehen, die Schulen abrufen können, wenn sie auf Ganztagesbetrieb umsteigen wollen.

Im Ethikunterricht, den es bislang nicht an baden-württembergischen Grundschulen gibt, soll die «Herzensbildung» der Kinder im Mittelpunkt stehen. «Wir brauchen nicht nur die kognitive Bildung, sondern auch eine ethisch-moralische», erläuterte Warminski-Leitheußer. Einfühlungsvermögen, Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit: an diese Kompetenzen könnten schon Kinder herangeführt werden.

Als weitere Neuerung will Grün-Rot muttersprachlichen Unterricht ins reguläre Schulangebot einführen. «Wir wollen diese Ressource heben, denn es ist doch super, wenn einer perfekt Türkisch kann und dazu noch Deutsch, Englisch oder Französisch. Bislang haben wir viele doppelte Halbsprachler, die weder die Muttersprache noch Deutsch richtig beherrschen.» Muttersprachlicher Unterricht helfe den Kindern mit Migrationshintergrund, ihre Herkunftskultur nicht als Last zu empfinden, sondern als Bereicherung. Ein Einfallstor für extremistische Tendenzen sieht Warminski-Leitheußer nicht: «Die Lehrer werden hier nach unseren Standards ausgebildet.»