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03.10.2008

Landesregierung warnt vor chinesischen Lebensmitteln

STUTTGART. Der Skandal um verseuchte Karamellbonbons aus China weitet sich aus. In Baden-Württemberg tauchte die mit der Industriechemikalie Melamin belastete Süßigkeit in Asia-Shops in Stuttgart, Karlsruhe und Göppingen auf. Die Packungen der Marken „White Rabbit“ (Weißer Hase) und „White Rabbit Chocolate“ wurden beschlagnahmt.

Nach dem Milchskandal in China forderte der baden-württembergische Verbraucherminister Peter Hauk (CDU) am Donnerstag in Stuttgart die EU und die Bundesregierung auf, den verhängten Importstopp für Milchprodukte auch auf Produkte mit weniger als 50 Prozent Anteil Milch auszuweiten.

Über das europäische Schnellwarnsystem und von einem betroffenen Importeur in den Niederlanden seien bereits am Mittwoch weitere Produkte aus China zurückgerufen worden, sagte Hauk. Dabei handele es sich um Schokoladenkekse und Maronen-Gebäck der Marke „Koala“ (Hersteller: Lotte China Foods Co). Er rief die Verbraucher auf, verdächtige Ware sofort zu melden.

„Bei einem hohen Verzehr der Bonbons über einen längeren Zeitraum ist eine Schädigung der Gesundheit nicht ausgeschlossen“, sagte Verbraucherstaatssekretär Gert Lindemann in Berlin. Ein dreijähriges Kind könne bei sieben Bonbons pro Tag über längere Zeit die Menge der giftigen Chemikalie Melamin überschreiten, die noch geduldet werden könne. Die Bonbons der Marke „White Rabbit“ enthalten nach Angaben des Bundesverbraucherministeriums ein Vielfaches der zulässigen Menge an Melamin. Darin seien 150 Milligramm der Chemikalie pro Kilogramm registriert worden, was Anlass zu Besorgnis gäbe. Mehr als 2,5 Milligramm Melamin sind verboten. „Wir warnen Verbraucher davor, diese Bonbons zu essen“, sagte Lindemann.

„Koala-Kekse“, die in China hergestellt wurden, sollen über die Niederlande nach Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg geliefert worden sein. Sie enthielten 5 Milligramm Melamin pro Kilogramm. Die Händler wurden informiert und werden von den Länderbehörden angewiesen, die Ware zu vernichten.

In Österreich fanden die Behörden Melamin in einem Milchshake, der in einem Chinarestaurant in Graz angeboten worden war. Der Restaurantbesitzer habe das Getränk von einem Asia-Händler in Wien bezogen; dort seien alle Getränke dieser Art vom Markt genommen worden, berichtete die Nachrichtenagentur APA.

Die Chemikalie Melamin, die in der Industrie als Bindemittel benutzt wird und günstig herzustellen ist, wurde in China in großem Stil Milchpulver beigemischt, um damit einen höheren Eiweißgehalt der gepanschten Milch vorzutäuschen. Nach offiziellen Angaben sind in der Folge in China mehr als 50 000 Säuglinge an Nierensteinen erkrankt, drei Todesfälle sind bestätigt.

Produkte mit einem Milchgehalt von mehr als 50 Prozent dürfen nicht in die EU eingeführt werden. Hauk warnte die Verbraucher auch vor Produkten mit einem geringeren Milchgehalt. Dazu zählten nicht nur Bonbons und Kekse, sondern zum Beispiel auch Milchschokolade oder Frühlingsrollen. Die Milchanteile sind in der Regel im Zutatenverzeichnis aufgeführt, das auf allen Packungen stehen muss. Bei den Karamellbonbons „White Rabbit“ liegt der Milchanteil bei 45 Prozent.
Nach dem Milchskandal und dem Skandal um gefährliches Spielzeug müsse man die Verbraucher generell zur Vorsicht im Umgang mit Lebensmitteln und technischen Geräten oder Spielzeug aus China warnen, sagte Hauk.

Das Chemische- und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr ein spezielles Melamin- Nachweisverfahren entwickelt, das auch in anderen Bundesländern angewendet wird. „Hätten wir das nicht schon in der Schublade gehabt, hätten die Tests Tage dauern können“, hieß es dort. Das Verfahren war entwickelt worden, weil Melamin in Hundefutter aus den USA auftauchte. Mehrere Hunde seien damals gestorben.

Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg wertete die Aufdeckung des Bonbon-Skandals als positives Zeichen: „Es belegt, dass die Lebensmittelüberwachung schnell reagiert und effizient arbeitet“, sagte die Ernährungsexpertin Christiane Manthey in Stuttgart. Trotzdem kritisierte sie den Personalmangel der Kontrollbehörden. Der wachsende globale Markt erfordere immer umfangreichere Betriebskontrollen, insbesondere für Importprodukte. Gerade bei dringenden Fällen gebe es kaum Kapazitäten für die eigentliche Arbeit. „Die regelmäßig stattfindenden Stichproben werden lahmgelegt, wenn sich jetzt alle auf Milchprodukte konzentrieren“, warnte Manthey. dpa