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07.08.2011

Lehrerverband: mehr Personal für behinderte Schüler

STUTTGART. Der Lehrerverband GEW fürchtet, dass für die Eingliederung von behinderten Schülern in die Regelschulen (Inklusion) im kommenden Schuljahr nicht genügend Lehrerstellen bereit stehen. «Wir sehen einen Verteilungskampf voraus, weil es keine zusätzlichen Ressourcen für Inklusion gibt und es zu Umschichtungen kommen wird» sagte die Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. «Nach unserer Überzeugung ist Inklusion nicht kostenneutral zu haben. Die Lehrerressourcen an den Regelschulen müssen dafür ausgebaut werden, ohne an den Sonderschulen Stellen einzusparen.»

Im September werden in fünf an einem Schulversuch beteiligten Modellregionen insgesamt 350 behinderte Schüler von den Sonder- an die Regelschulen wechseln. «Allein dafür bräuchte man rund 110 zusätzliche Lehrerstellen.» Nach Worten von Moritz haben sich Eltern, Lehrer und Experten bei den sogenannten Bildungswegekonferenzen häufiger für einen Besuch der betroffenen Kinder in der Regelschule entschieden als erwartet. «Man hatte mit weniger als der Hälfte gerechnet», sagte Moritz. Baden-Württemberg hinkt ihrer Einschätzung nach bei der Integration von behinderten Schülern in das allgemeinbildende Schulwesen bundesweit hinterher.

Nach Angaben des Kultusministerium ist auch in den anderen Regionen des Landes der Wunsch nach Inklusion groß, so dass vom neuen Schuljahr an insgesamt rund 1500 Kinder gemeinsam mit Nicht-Behinderten die Schulbank drücken werden. Ein Änderung des Schulgesetzes ist zum Schuljahr 2013/14 geplant. Danach sollen die Eltern den Förderbedarf ihrer behinderten Kinder formulieren; wenn es dem Wohl der Kinder und den Möglichkeiten der Schulen und Schulträger entspricht, sollen die Wünsche erfüllt werden.

Die ersten behinderten Schüler werden in Kleingruppen von durchschnittlich drei Kindern ihre Sonderschulen verlassen. Überwiegend gehen sie dann an Grundschulen, gelegentlich an Hauptschulen und vereinzelt an Realschulen. Aus Sicht von Moritz werden vor allem dann Probleme entstehen, wenn eine solche Gruppe die Klasse über den Klassenteiler hinaus vergrößert. «Die behinderten Kinder werden nicht als reguläre Grundschüler gezählt, deshalb besteht kein Anspruch auf einen zusätzlichen Lehrer», sagte Moritz.

Im Koalitionsvertrag stehe aber, dass eine Klasse mit behinderten und nicht-behinderten Kindern immer von zwei Pädagogen unterrichtet wird, darunter ein Sonderschullehrer. «Zum Start der Inklusion sollten die Rahmenbedingungen so sein, dass die Lehrer motiviert sind und sich nicht überfordert fühlen und die Kinder ohne Abstriche lernen können», forderte Moritz. Auch die sogenannten Fachlehrer, zu deren Aufgaben die Pflege der Kinder gehört, müssten mit den behinderten Kindern an die Regelschulen kommen. Die angemessene Ausstattung der Inklusions-Klassen sei auch ein Zeichen der Toleranz und Wertschätzung von Behinderten im Südwesten. dpa