01. November 2010

Stuttgart 21

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Bahnchef Rüdiger Grube hat sich ein ganzes Wochenende Zeit genommen, um die Neubaustrecke Karlsruhe-Basel abzureisen und mit Gegnern des Ausbaus der Güterverkehrsstrecke zu reden.
Bahnchef Rüdiger Grube hat sich ein ganzes Wochenende Zeit genommen, um die Neubaustrecke Karlsruhe-Basel abzureisen und mit Gegnern des Ausbaus der Güterverkehrsstrecke zu reden.

Nach Stuttgart 21 plant Bahnchef Grube bei Baden 21 um

BADEN. Bahnchef Rüdiger Grube nimmt sich ein ganzes Wochenende Zeit, reist die gesamte Neubaustrecke Karlsruhe-Basel ab. Unterwegs trifft er wütende Anwohner, hunderte Protestierer säumen seinen Weg. Grube geht ihnen nicht aus dem Weg. Nach der Kontroverse um das Bahnprojekt Stuttgart 21 will er bei der nicht weit entfernten Rheintalbahn - auch Baden 21 genannt - die Weichen neu stellen.

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„Ich will in meinem Leben nicht noch einmal ein Stuttgart 21 erleben“, sagt Grube. „Ich will verhindern, dass es hier ein zweites Stuttgart 21 gibt.“ Der geplante Ausbau der sogenannten Rheintalbahnstrecke ist neben Stuttgart 21 das größte Bahnprojekt in Baden-Württemberg. Für die Bahn ist Baden 21 die wichtigste Neubaustrecke. Mit dem Güterverkehr kann sie Geld verdienen, die jetzige Strecke ist an der Kapazitätsgrenze angelangt.

Doch gegen die Pläne gibt es bei den Behörden mehr als 172 000 Einwendungen. „Die Zeiten, in denen Großprojekte gegen den Willen der Menschen durchgesetzt werden, sind vorbei“, sagt der Bahnchef. Seine zwei Tage dauernde Informationsreise am Samstag und Sonntag zwischen dem badischen Offenburg und dem 120 Kilometer entfernten Weil am Rhein steht unter dem Eindruck der angeheizten Debatte im Stuttgart.

Grube will die bis zum Jahr 2020 geplante Erweiterung der Bahnstrecke Karlsruhe-Basel von zwei auf vier Gleise zum Modellprojekt machen. Er startet jetzt eine Charme-Offensive. Er verspricht eine neue Dialogkultur. Und lebt sie vor: Er geht auf seine Gegner zu, hört zu, diskutiert. „Ich will auch meinem Unternehmen zeigen, dass man es anders machen kann“, verspricht er Anwohnern, Kommunalpolitikern und Vertretern von Bürgerinitiativen. „Ich will, dass das hier wie im Lehrbuch läuft. Das Lehrbuch habe ich aber noch nicht gefunden.“

Grube muss sich zwar Buh- Rufe und Trillerpfeifen anhören. Im Gegensatz zu Stuttgart werden die Baupläne am Oberrhein aber nicht generell abgelehnt. Gefordert werden Änderungen - mehr Lärmschutz und eine veränderte Trassenführung.

„Ich habe Angst um die Zukunft meiner Kinder. Ich möchte nicht, dass die Güterzüge durch unser Schlafzimmer rollen“, sagt Karina Florido Martins. Die 32 Jahre alte Hauswirtschaftsmeisterin aus der knapp 2200-Einwohner-Gemeinde Ringsheim im Ortenaukreis wohnt in der Nähe des örtlichen Bahnhofs, ärgert sich über die Bahn und hat Grube zum Kaffee eingeladen. Der Bahnchef schaut vorbei, setzt sich neben Martins neun Jahre alte Tochter Lilliana, macht sich Notizen.

„Es geht um unsere Existenz“, sagt ein Tag später auch Peter Fräulin (59), der im Kurort Bad Bellingen direkt an der Bahnstrecke ein Gasthaus betreibt. „Helfen Sie uns.“ In 15 Jahren, so die Prognose, wird alle zweieinhalb Minuten ein Güterzug durch den Ort rollen. Das sind mehr als 300 Züge pro Tag. Baden 21 ist die bedeutendste Güterschienenstrecke zwischen Rotterdam und Genua.

Am Ende seines Besuchs am Sonntag in Weil am Rhein verspricht Grube, die bestehenden Pläne kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ende 2011 sollen Ergebnisse vorliegen. Vor allem geht es um den Bau eines Tunnels in Offenburg, den Stadt und Anwohner fordern. Und es geht um veränderte Trassenführungen und um mehr Lärmschutz. So könnten die beiden zusätzlichen Gleise auch parallel zur Autobahn geführt werden. Würden alle Forderungen erfüllt, würden Extrakosten zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro entstehen. Zusätzlich zu den schon jetzt feststehenden Gesamtkosten von 5,7 Milliarden Euro.

Grube will zwar auch in die Kasse greifen, in der Pflicht sieht er aber auch die Politik. Die Bundesregierung müsse sich bewegen. Das Land Baden- Württemberg hat bereits zugesichert, die Hälfte der Mehrkosten zu übernehmen, die durch veränderte Pläne entstehen. Grube verspricht, regelmäßig wiederzukommen. Spätestens bis Januar will er seine Reise wiederholen. Dann will er Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus und dessen Verkehrsministerin Tanja Gönner (beide CDU) mitnehmen. Und auch Bundesverkehrsminister Ramsauer (CSU) sollte sich vor Ort blicken lassen.

„Ich bin dankbar, dass ich nicht auf meine Berater gehört habe“, sagt Grube. „Denn die haben mir dringend davon abgeraten, hierher zu kommen.“ Für ihn habe es sich gelohnt, es soll der Anfang eines neuen Weges sein. „Ein solches Projekt kann man nicht vom 25. Stockwerk des Bahnhochhauses entscheiden.“ dpa

 

01.11.2010

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