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11.10.2011

Ohrfeige für IG-Metall-Spitze - Vorstandsreform abgelehnt

Karlsruhe. Es ist nur ein einziges Wort in der Satzung der IG Metall - aber seine Sprengkraft ist groß. Paragraf 18 regelt bisher, dass es neben dem Führungsduo an der Gewerkschaftspitze und einem Finanzchef noch vier weitere geschäftsführende Vorstände gibt. Eine Satzungsänderung - angeschoben vom Vorstand persönlich - sollte nun diese Zahl vier auf zwei kürzen. Doch die Delegierten auf dem Gewerkschaftstag in Karlsruhe erteilten der Reform am Dienstag eine Absage. Das ist eine herbe und obendrein unerwartete Niederlage für das Führungstandem Berthold Huber und seinen Vize Detlef Wetzel. Und besonders pikant ist, dass jetzt ausgerechnet die CDU frohlockt.

Eigentlich gibt es ganz nüchterne Gründe für die Reduzierung von insgesamt sieben auf fünf geschäftsführende Vorstandsmitglieder: Man wolle sparen und das Geld lieber in die Fläche stecken - so die offizielle Begründung hinter dem symbolischen Reformschritt. Kritiker aus den eigenen Reihen beklagen schon seit längerem, dass die IG Metall vor allem an ihrem Hauptsitz Frankfurt einen aufgeblähten Zentralismus pflege, anstatt besser die Basis im Land zu stärken.

Vor allem Chefstratege Wetzel kümmerte sich hinter den Kulissen um den Umbau der internen Organisation. Das Machtzentrum der IG Metall - ein rot getünchter Wolkenkratzer direkt am Mainufer mit Panoramablick auf die phallusartigen Bankentürme des Kapitals - sollte weniger im Zentrum stehen. Mehr Gewicht bekommen sollte die Arbeit an der Basis, die Verzahnung mit den Betriebsräten, Aktionen in der Fläche und die Mitgliederwerbung direkt am Ort. Als Symbol sollte daher auch der gut bezahlte Vorstand ein Päckchen abgeben und zusammenschrumpfen.

Doch es ging eben um mehr als um die bloße Zahl in Paragraf 18, Ziffer 1. Unter anderem war die Entscheidung deswegen umstritten, weil die einzige CDU-Politikerin, Regina Görner Regina, in der IG-Metall-Spitze wegen der schwindenden Vorstandsplätze ausscheiden sollte. Dabei ist es seit Jahrzehnten in der tief sozialdemokratisch geprägten Gewerkschaft Tradition, auch die Christlich-Sozialen in der Führung dabeizuhaben.

Görner hatte am Montag zwar erklärt, die Entscheidung respektieren zu wollen. Gleichzeitig erinnerte sie aber auch daran, dass die Christlich-Sozialen nach dem Zweiten Weltkrieg extra auf eine eigene Arbeitnehmervertretung verzichtet hätten, um eine durchsetzungsfähige Einheitsgewerkschaft zu ermöglichen. «Es war der Respekt vor dieser Entscheidung, der seit mehr als 60 Jahren Gewerkschaftstage veranlasst hat, Mitglieder aus der christlich-sozialen Bewegung in die Spitzengremien der Gewerkschaften und des DGB zu wählen.»

Wie viel das angebahnte Ausbooten Görners zur Ablehnung der Reform beigetragen hat, ist unklar. Sicher ist, dass es bei der Abstimmung weniger um den harten inhaltlichen Kurs der IG Metall ging - sondern dass die Befragung dazu einlud, der Vorstandsebene einen Denkzettel zu verpassen. Einige Kritiker hatten nämlich auch moniert, dass es bei der Umorganisation hin zu mehr Gewicht für die Fläche einfach zu autoritär zugehe und die Mitsprache der Basis zu kurz komme. Dabei ging es auch um die Frage, wie viel Autonomie die Vertretungen am Ort erringen - und das alles vor dem heiklen Hintergrund der regional ohnehin höchst unterschiedlich verteilten Machtbalance der IG Metall.

Nach der Ohrfeige für die Führungsspitze gab es erst einmal eine gut zweistündige Pause - der Zeitplan für die eigentlich anstehenden Vorstandswahlen geriet völlig aus dem Ruder. Vor der Auszeit trat Huber noch ans Mikrofon und mühte sich, die Wogen zu glätten: «Das ist zu respektieren und dafür werde ich als überzeugter Demokrat auch immer einstehen», sagte er und betonte noch: «Es geht nicht um Sieger oder Besiegte.» Von existenzieller Bedeutung seien ganz andere Dinge auf der Agenda der IG Metall. Nach außen wirkt das nun anders. dpa