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25.03.2010

Opfer schildert Missbrauch in Kinderheim

KARLSRUHE. Biologieunterricht am lebenden Objekt: Eine Frau erzählt, wie sie vor mehr als 40 Jahren in einem evangelischen Kinderheim missbraucht wurde. Die damals Zwölfjährige musste sich vor dem Heimleiter nackt ausziehen und sich präsentieren, während er sich selbst befriedigte.

Marion Schuler (Namen der Opfer geändert) ballt ihre Hände zur Faust, ihre Stimme zittert. „Er verhielt sich, als würde er in ein Kaufhaus gehen und sich dort bedienen“, sagt sie. „Ein Mann mit pädophilen Neigungen ist als Heimleiter im Schlaraffenland.“

Die Pein begann, als Marions ältere Schwester Maria 1968 im Biologieunterricht aufgeklärt werden sollte. Das Kinderheim der evangelischen Kirche unterhielt eine eigene kleine Sonderschule. Obwohl der Heimleiter kein Biologielehrer war, wollte er seine Schützlinge unbedingt selbst aufklären. Maria zeigt ihr Schulheft von damals: Neben liebevollen Zeichnungen von Blüten und Bienen beschreibt eine schnörkelige Mädchenschrift, wie Blüten bestäubt werden. Doch bei Blumen blieb es nicht.

Hinter verschlossenen Türen ging nach dem Unterricht die Aufklärung am lebenden Objekt weiter. Wie der systematische Missbrauch ablief, schildert Marion Schuler so: Immer wieder holte der Heimleiter das damals zwölfjährige Mädchen in sein Büro. Hinter verschlossenen Türen wollte er vorgeblich überprüfen, wie Marion körperlich entwickelt sei. Sie musste sich nackt ausziehen und ihm verschiedene Körperteile präsentieren. Dabei befriedigte sich der Heimleiter selbst.

Falls Marion jemandem etwas erzählen sollte, käme sie ins gefürchtete Erziehungsheim nach Bretten, so seine Drohung. Aus Angst schwiegen die Mädchen. Heute leben Marion und Maria in Karlsruhe und wollen nicht länger schweigen. Sie haben vor kurzem gelesen, in der evangelischen Kirche habe es bisher nur wenige Hinweise auf Missbrauch gegeben. Tatsächlich sei nur ein einziger Hinweis aus einem badischen Heim eingegangen, sagt Angelika Schmidt, Sprecherin des Diakonischen Werks Baden. „Auch die Fälle, die länger schon bekannt waren, machen uns heute betroffen“, sagt Marc Witzenbacher, Sprecher der evangelischen Landeskirche in Baden. „Alles, was geschehen ist, ist furchtbar.“

Die Kirche biete allen Betroffenen Hilfe an, es sei unter anderem ein Vertrauenstelefon eingerichtet worden. 1973 war es ein Mädchen aus dem südbadischen Heim, das mit einem Tagebucheintrag der Polizei auf die Spur half. Der Heimleiter wurde verhaftet und kam vor Gericht. Nach Angaben von Maria Schuler wurde er auch wegen „Unzucht mit Abhängigen“ verurteilt, wie es damals noch hieß. Die Taten sind gesühnt, die Erinnerungen aber bleiben.

Die Schwestern erzählen von Schlägen, Ohrfeigen, Demütigungen. Ein Mädchen habe der Heimleiter mit einem Handfeger halb tot geschlagen. „Wir dachten, das sei normal“, sagt Maria. Zu allem Leid gesellt sich bei den Opfern ein weiteres Gefühl. „Ich merke erst nach 40 Jahren, dass ich viel Schuld auf mich geladen habe“, sagt Maria. „Hätte ich damals schon den Mund aufgemacht, wäre den anderen Kindern nach mir vielleicht nichts passiert.“ Dabei erschien ihr damals alles ganz normal.

Zum ersten Mal in ihrem Leben interessierte sich ein Mensch ernsthaft für sie, die bis dahin ihr ganzes Leben in Heimen verbracht hatte. Zum ersten Mal empfand sie so etwas wie Nähe und Geborgenheit, was sie bis dahin nur aus Liebesromanen kannte. „Ich glaubte wirklich, er würde sich von seiner Frau scheiden lassen und ich würde die neue Gattin des Heimleiters“, sagt Maria. Oft habe der Heimleiter zu den Mädchen gesagt: „Wenn Ihr hier rauskommt, landet Ihr sowieso gleich in der Gosse oder im Puff.“

Soweit ist es mit den Schwestern nicht gekommen. Beide haben ein Kind bekommen und sind mit ihrem Leben heute zufrieden, auch wenn Marions Ehe in die Brüche ging. Ihr Ex-Mann verprügelte sie, noch vor der Hochzeit brach er ihr die Nase. Der Missbrauch habe sie „knallhart“ gegenüber anderen Menschen werden lassen, sagt Marion. Das sei ein Schutz, damit sie nicht zugrunde gehe. „Ich habe eine harte Schale und einen sehr weichen Kern“, sagt sie. Aber ausnutzen lassen wolle sie sich nicht mehr. Wenn Maria heute aufwacht, gilt ihr erster Gedanke den schrecklichen Erlebnissen. „Das hat sich tief in meinen Kopf gefressen“, sagt sie. Erst der zweite Gedanke am Morgen gilt ihrer eigenen Tochter.