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23.03.2011

Schweizer Atomaufsicht hat Erdbebengefahr unterschätzt

FREIBURG. In der Freiburger BUND-Geschäftsstelle herrscht Hochbetrieb. «Wir haben derzeit einen 14-Stunden-Tag», sagt Axel Mayer, Geschäftsführer des BUND südlicher Oberrhein. Im Hintergrund hört man die Pressmaschine, die pausenlos Atomkraft-Nein-Danke-Anstecker fertigt. Die Nachfrage steigt. Die Unsicherheit auch. Täglich gehen Hunderte von Mails ein. Die Fragen drehen sich nicht nur um die Katastrophe in Japan, sondern auch um die Sicherheit hier.

Allein in den Schweizer Grenzkantonen Aargau und Solothurn stehen vier der fünf Schweizer Atomreaktoren. Die Anlagen sind diesseits wie jenseits der Grenze umstritten. «Der Schweizer Kraftwerkpark dürfte der älteste der Welt sein», sagt Umweltschützer Mayer. Die beiden Reaktoren des Kraftwerks Beznau, wenige Kilometer von Waldshut-Tiengen, sind seit 1969 und 1971 am Netz.

Seit Jahrzehnten bündelt das Nachbarland seine nuklearen Anlagen entlang der deutschen Grenze. Zu den vier kommerziellen Reaktoren kommt das Zwischenlager Würenlingen, samt einem Forschungsreaktor im benachbarten Villingen (Kanton Aargau). Das Endlager Benken bei Schaffhausen ist wie die beiden Reaktorneubauten nahe den Kraftwerken Gösgen und Beznau ebenfalls in Grenznähe geplant.

Auf deutscher Seite registriert man dies mit gemischten Gefühlen. Die Katastrophenstellen spielen zwar regelmäßig nukleare Zwischenfälle durch, sagte ein Sprecher des Landratsamtes Waldshut-Tiengen. Nach Japan erwarte man, dass insbesondere Beznau sicherheitstechnisch überprüft und Defizite «schnellstmöglich behoben werden.»

Kritik an der Sicherheit der alten Meiler gibt es immer wieder. Das fast 40 Jahre alte Kraftwerk Mühleberg bei Bern hat Risse im Kernmantel und muss mit einer Stahlklammer geschützt werden. Gegen die unbefristete Betriebsgenehmigung haben Umweltschützer ein Verfahren angestrengt, sagt Ralph Schulz, Chef der Abteilung

Sicherheitsanalysen der schweizerischen Aufsichtsbehörde Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI).

Es gibt auch geografische Bedenken. «Wir sind in einem Erdbebengebiet», sagt der Konstanzer Landrat Frank Hämmerle. Ein Endlager im nahe gelegenen Benken sei daher nicht geeignet. Der Atommüll könne jedoch nicht ewig oberirdisch in Würenlingen lagern. «Das Zeug muss unter die Erde», sagt Hämmerle.

Mit der Erdbebengefahr beschäftigte sich auch eine 2007 veröffentlichte Studie der Atomaufsichtsbehörde. «Die Risiken sind bekannt», sagte ENSI-Sicherheitsexperte Schulz. «Wir wissen schon lange, dass Erdbeben die größte Gefährdung für Kernkraftwerke in der Schweiz sind.» Am größten sei die Gefahr am Rheingraben und im

Wallis. Die Studie zeige, dass die «Risiken größer sind, als wir dachten», sagt Schulz.

Die schweizerischen Kernkraftwerke wurden daher nachgerüstet. Zuvor mussten sie lediglich Beben der Stärke 5 standhalten. Jetzt muss es Stufe 7 sein. Ein solches Erdbeben gab es in der Schweiz zwar zuletzt im Jahr 1356 in Basel. Die Studie zeigt aber auch, dass die Gefahren weniger von starken, weit entfernten Beben ausgehen, sondern von mittleren Erdbeben in 10 bis 20 Kilometern Entfernung.

Die Ereignisse in Japan haben jedoch auch bei der Schweizer Regierung zu einem Kurswechsel geführt. Laufende Reaktoren werden überprüft und die Rahmenbewilligungsanträge für die drei neuen Kraftwerke liegen auf Eis. Geplante Volksabstimmungen wurden abgeblasen. Noch vor wenigen Wochen hatte die Bevölkerung im Kanton Bern mit hauchdünner Mehrheit von 51 Prozent grünes Licht für ein neues AKW in Mühleberg gegeben. Doch die Abstimmung muss nach den aktuellen Ereignissen möglicherweise wiederholt werden.

Umweltschützer Mayer glaubt, dass die Chancen für ein neues AKW dann deutlich schlechter aussehen. Die Landräte in Konstanz und Waldshut-Tiengen begrüßen das vorläufige Aus für die neuen Meiler. Falls sie irgendwann doch noch bewilligt werden, sollten die Nachbarn wenigstens wie beim Endlager in Benken an der Planung beteiligt

werden, fordert der Tuttlinger Landrat Guido Wolf. dpa