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12.12.2008

Todesschuss in der Kneipen-Toilette

STUTTGART/NÜRTINGEN. Im Mordprozess um den Amoklauf in einer Nürtinger Gaststätte mit einem Toten und einem Schwerverletzten ist ein 52-jähriger Mann am Freitag zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Geleitet von Hass rüstet sich der Angeklagte aus „wie Arnold Schwarzenegger als einsamer Rächer im Kino“, geht in seine Stammkneipe in Nürtingen, terrorisiert 30 Gäste und tötet einen Menschen – so beschreibt der Vorsitzende Richter des Landesgerichts Stuttgart gestern den geplanten Amoklauf des Angeklagten am 17. Mai und schickt ihn unter anderem wegen Mordes lebenslang hinter Gitter. Die Tat sei „sittlich auf tiefster Stufe stehend“ und aus „vergleichsweise nichtigem Anlass“ geschehen. Das Motiv war Rache.

Der mehrfach vorbestrafte, arbeitslose Mann hat trotz seiner jahrelangen Drogensucht kaum eine Möglichkeit nach 15 Jahren aus der Haft auf Bewährung entlassen zu werden. „Es ist von einer geplanten Tötung auszugehen, weil er sich rächen wollte. Die Schuld des Angeklagten wiegt besonders schwer“, sagt Richter Wolfgang Pross. „Er wollte sich an allen Menschen rächen, die ihm jemals wehgetan hatten.“
An jenem Samstagnachmittag im Mai erreicht der Angeklagte mit einem mit mehreren Waffen gefüllten Gitarrenkoffer, mehr als 80 Schuss Munition in der Tasche und seiner 18 Jahre alten Freundin als Geisel im Schlepptau die Kneipe. Er legt jedoch erst nach dem Schlusspfiff eines im Fernsehen übertragenen FußballBundesligaspiels los. Seine Freundin bedroht er mit dem Tode: „Und wenn du ein Wort sagst, bist du die Erste.“ Im Gitarrenkoffer wird später ein Zeitungsbericht über den Amoklauf in einer Realschule im westfälischen Emsdetten gefunden. Ein ehemaliger Schüler hatte dort wild um sich geschossen, 37 Menschen verletzt und sich dann selbst erschossen.

In Nürtingen streckte der Angeklagte sein erstes wehrloses Opfer in einer Toilette nieder: Es ist ein 52 Jahre alter beruflich erfolgreicher Bekannter, der ihm laut Pross früher mal eine Freundin ausgespannt haben soll. Zudem argwöhnte der zu Depressionen neigende 52-Jährige, dass sein Bekannter ein Auge auf seine aktuelle Freundin geworfen hatte. Der 52-Jährige hat keine Chance. Vor dem Urinal sinkt er getroffen von einem Kopfschuss in der Schläfe sofort tot zusammen.
Seine Abrechnung will der 52-Jährige schließlich in der Kneipe fortsetzen: Laut Pross gilt als sicher, dass der Angeklagte weitere Menschen aus „vergleichsweise nichtigem Anlass“ töten wollte. Einem 50-Jährigen, der „zu Recht“ vermitteln will, schießt der Angeklagte dann in den Bauch. Der Mann überlebt, verliert aber Teile seiner Darms und eine Niere. Den meisten Gästen gelingt später die Flucht aus dem Lokal.
Die Polizei nimmt den 52-Jährigen am Tatabend vor dem Lokal fest – er kniet auf dem Boden. Der Mann hat eine langjährige Alkohol- und Drogenkarriere hinter sich. In seinem letzten Wort entschuldigt er sich.
Im Prozess macht er jedoch keine  Angaben zur Tat, spricht aber über seine schwere Kindheit und Jugend. „Meine Mutter hat mich geschlagen.“ Sein Vater starb, als er 15 war.

Die Kammer folgte weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Mann wegen Mordes, versuchten Mordes, Geiselnahme sowie unerlaubten Waffenbesitzes. Von der von Staatsanwalt Thomas Schek beantragten Sicherungsverwahrung nahm das Gericht jedoch Abstand. Die Staatsanwaltschaft sprach in ihrer Anklage von einem Amoklauf. dpa