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Webmaster
07.03.2008, 09:07
PFORZHEIM. Die neunjährige Dillweißenstein-Schülerin Lelika hat gestern um 7 Uhr in der Nordstadt vergeblich auf den Bus der Linie 3 gewartet. Vom Warnstreik der Stadtbusfahrer hatte sie nichts gehört. Wie ihr erging es Tausenden.

Trotz umfangreicher Vorabinformation über den angekündigten Warnstreik kamen gestern viele zu spät zur Arbeit, die keine Zeitung gelesen hatten. Wenn man die Stimmung in der Bevölkerung über den Streik erfahren möchte, ist ein Kaffeetrinken beim Bäcker eine gute Gelegenheit, denn da wird lebhaft über das Tagesthema „Nummer 1“ diskutiert. Die einen sprachen sich leidenschaftlich für diesen Streik aus, die anderen hielten lebhaft dagegen. Eine Minicar-Fahrerin sagte, die Streikenden sollten erst einmal fragen, was sie verdiene. Ein junger Mann erklärte, er nehme wegen des Streiks doch keinen Urlaubstag und marschierte von seinem Wohnort Büchenbronn bis zu seinem Arbeitsplatz – einer Gärtnerei auf dem Wolfsberg – quer durch die ganze Stadt.

Bettina Voltin, eine Hausfrau und Mutter aus Eutingen, deren Siebtklässler Adrian die Konrad-Adenauer-Realschule besucht, zerbrach sich stundenlang den Kopf, wie ihr Sohn in die Schule kommt. Schließlich hat nur ihr Ehemann Andreas, ein Goldschmied, ein Auto. Und der musste gestern arbeiten. „Mein Mann hat unseren Sohn eine halbe Stunde früher als gewöhnlich geweckt und ihn mit zur Arbeit in die Allgemeine Gold- und Silberschmiedeanstalt gefahren. Von dort musste Adrian mit seiner schweren Schultasche den steilen Weg bis zur Schule hochlaufen“, so Voltin. „Es ging nicht anders. Ich bin aber froh, dass Adrians Tante Birgit, die in Niefern wohnt, ihn mit dem Auto nach dem Schulende wieder abholen konnte“, so Voltin. Sie hatte vorher erfahren, dass gestreikt werde und Vorsorge getroffen. „Ich kann die Streikenden ja verstehen, aber die Schulbusse hätten sie ruhig fahren lassen können“, meinte sie. Da die Überlandbuslinien der privaten Unternehmer fuhren, hatten die auswärtigen Schüler gestern keine Probleme nach Pforzheim zu kommen. „Die Eltern konnten sich auf den Streiktag einstellen, weil wir einen Tag zuvor mit Durchsagen während des Schulbetriebs die Schüler informiert hatten“, erklärt Schulsekretärin Sonja Kaminski vom Reuchlin-Gymnasium. „Es wurden meist Fahrgemeinschaften gebildet. Auch ich habe einen Schüler, der in meiner Nachbarschaft wohnt, mitgenommen“, sagte sie. Die wenigen, die sich über einen Streik der Stadtbusfahrer freuen und möglicherweise davon profitieren, dürften die Taxiunternehmen sein. „Normalerweise haben wir an Wochentagen zwischen 6 und 10 Uhr rund 70 Fahrten, am Streiktag waren es rund 100 zu dieser Zeit“, so Gisela Doll von der Pforzheimer Taxifunk-Zentrale. „Alle unsere 33 Fahrzeuge waren im Einsatz, weil wir besonders in der Zeit zwischen 7.30 und 8.30 Uhr auch viele Stammkunden befördern und Patientenfahrten haben“, erklärt sie. Aber dank der guten Vorabinformation sei alles problemlos verlaufen, auch was die Vorbestellungen betraf. „Wir hatten zwar etwas Hektik und Stress, aber keine wirklichen Engpässe.“ Das betraf auch die weitere Hauptverkehrszeit der Taxiunternehmen zwischen 11 und 13 Uhr.

Viele Radfahrer unterwegsEiner, der von Berufs wegen immer den Slogan „Pforzheim fährt Bus“ auf den Lippen hat, Pressesprecher Tobias Demmel vom Stadtverkehr Pforzheim (SVP), war gestern erstaunt, wie viele Radfahrer ihm auf dem Weg zur Arbeit begegnet sind. Tags zuvor hätten sich Hunderte Bürger im SVP-Callcenter bestätigen lassen, dass das, was in der Zeitung stehe, auch stimme. Tenor der Anrufer: Das könne ja wohl nicht wahr sein, dass keine Stadtbusse fahren.

„Aber ich habe auch den Eindruck gewonnen, dass in der Bevölkerung breiter Konsens darüber besteht, ganz ohne Streik in einer Gesellschaft nicht auskommen zu können“, so Demmel. Obwohl gestern keine Busse fuhren, drehe er nicht Däumchen. „Ich bearbeite viel Schriftverkehr, zum Beispiel Reklamationen, die aber nichts mit dem Streik zu tun haben und schicke einem Bürger, dem wir eine falsche Fahrkarte verkauft hatten, dir richtige zu“, so der Pressesprecher. Für den heutigen Freitag kündigte er wieder den gewohnten Busfahrbetrieb an, worüber er sich sehr freue.

buhacont
07.03.2008, 09:07
Kleiner Hinweis an den Redakteur: Es heißt "Allgemeine Gold- und Silberscheideanstalt AG, nicht Silberschmiede.

Gruß
buhacont