PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Nach 78 Jahren im Briefkasten



Webmaster
14.03.2008, 14:45
BAD LIEBENZELL. Sie ist alt, grau und hat eine lange Reise hinter sich. Wo die 78 Jahre alte Postkarte überall herum- gekommen ist, kann niemand mehr so genau sagen. Doch sie hat ihren Weg nach Bad Liebenzell gefunden.

Der Briefträger kam – wie jeden Tag – vormittags in das Bad Liebenzeller Hotel Adler. Doch gestern war alles anders. Denn der Mann von der Deutschen Post hatte eine 78 Jahre alte Postkarte für Hans-Jürgen Bacher, den Hotel-Betreiber, dabei. Mit einem kleinen Eselsohr hier und einem Knick dort, aber ansonsten tadellos erhalten. Adressiert an Frau Emilie Böhm und Tochter, Bad Liebenzell (Württemberg Schwarzwald), Hotel Adler. Poststempel: 9. August 1930.

Das große Los gezogen„Schade, dass diese Postkarte keine Geschichten erzählen kann“, sagt Bacher und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Der 58-jährige gebürtige Birkenfelder fühlt sich ein wenig so, als habe er in der Lotterie das große Los gezogen, sagt er. „Man hört von solchen Geschichten ja immer wieder“, sinniert er. Aber dass gerade ihm eines Tages ein solches Zeitzeugnis ins Haus flattert, damit habe er nicht gerechnet.

Mit der Lesebrille auf der Nase studiert Bacher die Vorderseite der Postkarte. Sie zeigt eine Stadtansicht der Schweizer Stadt Genf. Er gerät ins Schwärmen – über den Genfer See und über Nizza. Denn Verfasser Walter, der die Karte am 9. August 1930 von Genf aus an seine Mutter und seine Schwester Erna nach Bad Liebenzell auf den Weg gebracht hat, schreibt folgendes: „Morgen Abend sind wir in Nizza, wo wir eine Woche bleiben werden.“ Außerdem hofft Walter, dass es den beiden gut geht und das Wetter wieder besser ist. Er teilt mit, dass er nun nicht mehr nach Bad Liebenzell schreiben wird und endet mit dem Satz: „Seid herzlich gegrüßt und gedrückt, Euer Walter.“

„Es kommt hin und wieder mal vor, dass solche alten Karten im regulären Briefstrom auftauchen“, sagt Hugo Gimber, Pressesprecher der Deutschen Post in Stuttgart. Eine 78 Jahre alte Postkarte habe er allerdings noch nicht gehabt, meint er sich zu erinnern. Gimber erzählt eine kleine Anekdote zu einer ebenfalls sehr alten Karte, die vor einigen Jahren mit Liebesschwüren von der Ostsee reichlich verspätet beim Adressaten angekommen ist.

„Wir haben jedenfalls mit dem Zusteller telefoniert, der die Karte heute Morgen an den Hotelier übergeben hat“, so Gimber. Der habe bestätigt, wie gut die schriftlichen Grüße aus Genf noch erhalten gewesen seien. Der Post-Pressesprecher geht daher auch nicht davon aus, dass die Karte die vergangenen 78 Jahre hinter irgendeinem alten Schrank in einem Schweizer Postamt verbracht hat. Viel mehr vermutet er, dass sie aus Versehen erneut in den Postkreislauf geraten ist, oder sich irgendein Sammler einen Scherz erlaubt hat. „Das lässt sich aber nur selten nachvollziehen“, sagt Gimber und fügt an: „Vielleicht ist sie aber doch 78 Jahre lang um die Welt gereist.“ Jedenfalls sei die Deutsche Post gesetzlich dazu verpflichtet, auch solche Karten an den Empfänger auszuliefern oder gegebenenfalls an den Absender zurückzugeben.

Dem glücklichen Empfänger Hans-Jürgen Bacher aber ist etwas ganz anderes wichtig: „Diese Karte beweist einmal mehr, dass die Deutschen schon früher reiselustig und neugierig waren – und, dass die Post doch funktioniert.“

Hengstberg
14.03.2008, 14:46
Hier hat sich bestimmt jemand einen Scherz erlaubt!