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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Geschickt gesetzte Pointen



Webmaster
10.04.2008, 19:25
PFORZHEIM. Carl Zuckmayers Lustspiel „Der fröhliche Weinberg“ scheint einfach: Weinlese, Wirtshaus, Verlobungen. Die Gliederung der Akte hält sich an die Tageszeiten Spätnachmittag, Nacht und Morgen. Doch doppelbödig zeigt es auch menschliche Missgunst und Schadenfreude in seinen volkstümlich derb gezeichneten Charakteren.

Und hintergründig die nach dem 1.Weltkrieg desaströs heraufdämmernde „Volksgemeinschaft“ in Nazi-Deutschland.

Differenzierte MittelDiese Vielschichtigkeit ist nicht mit bloßem Klamauk zu haben, sondern erfordert einen differenzierten Einsatz der komödiantischen Theatermittel. In deren Handhabung erweist sich Jan Friso Meyer als ein Meister des Fachs. Der langjährige Pforzheimer Oberspielleiter und Schauspieldirektor, der sich mit seiner Inszenierung des „Fröhlichen Weinbergs“, die gleichzeitig seine 100. Regiearbeit ist, in den Ruhestand verabschiedet, bringt im besten Sinne des Wortes ein „Volksstück“ auf die Bühne. Das regt zum Lachen und Nachdenken an, setzt die bäuerlich-grobianischen Pointen und Obszönitäten wirkungsvoll um und spielt geschickt mit der erdigen Sprachmelodie rheinländischer Dialekte. Auch diesmal bleibt sich Meyer treu: Er hält wenig von Regie-Fisimatenten und beachtet viel lieber die umfangreichen Szenen-Anweisungen des Autors. Das reicht von den antisemitischen Sprüchen des „gesunden Volksempfindens“, die nicht nur am Stammtisch ihr Unwesen treiben, bis hin zum „blökenden Gesinge“ beim Marsch der uniformierten Kriegsveteranen.

Inszenierung und Ausstattung (Werner Brenner) ergänzen sich kongenial. Der sonnig-herbstliche Weinberg des ersten Aufzugs, in dem das bunte Ernte-Treiben zu spüren und zu hören ist, präsentiert sich in Form frontal übereinander geschichteter Bruchsteinmauern und mit Rebstöcken bestückter Terrassen. In dem naturalistischen Bühnenaufbau turnen und singen muntere Weinleser(innen) herum, aber auch der stolze Weingutsbesitzer, der den wie in einem Satyrspiel posierenden Interessenten seines Gefolges – darunter jüdische Weinhändler – einen Teil seiner Weinberge verkaufen will.

Richtig heimelig, an eine Besenwirtschaft erinnernd, geht es in der Gasthausstube des zweiten Akts zu. Vor allem wenn die (geschickt auch als Pausenfüller eingesetzten) Musikanten (Akkordeon Ina Hennig, Klarinette Florian Schüle, Trompete Sebastian Krystek) lustig zum Tanz aufspielen. Im letzten Akt, der die Liebespaare zusammenführt, scheinen sogar Apfelbaum, Misthaufen und Hahnenschrei echt zu sein. Mit Personen-Gespür hat Meyer die Rollen besetzt. Winfried Hübner ist (als Gast) der bauernschlaue Weingutsbesitzer Gunderloch, der mit weinseliger Jovialität, aber auch mit handgreiflicher Entschlossenheit, wenn es sein muss, die dörflichen Eitelkeiten und Liebeshändel (einschließlich der eigenen) in seinem Sinn dirigiert. Fredi Noel spielt den Gastwirt, der mit blut-rünstiger Lust nur davon beseelt scheint, beim bevorstehenden Schlachtfest eine fulminante Sau abzustechen. Ziemlich überdreht, aber das gehört zu seinem Part, gibt Michael Meichßner den eingebildeten „Knuzius“, der aus Bereicherungsgründen die gretchenhafte Tochter Gunderlochs (Isabel Baumert als „Klärchen“) haben will, aber von der Sinnlichkeit der Wirtstochter (Maja Müller als „Babettchen“) berauscht ist. Trotz oder wegen seiner martialischen Angebereien landet der Corpsstudent dort, wo er hingehört, auf dem Mist. Die autoritäre Steifheit des Standesbeamten „Kurrle“ steht John Peter Altgelt gut zu Gesicht. Der lispelnde Studienassessor Bruchmüller wird von Jens Peter mit Borniertheit dargestellt. Als Rheinschiffer Jochen Most und zu guter Letzt auch erfolgreicher Liebhaber Klärchens setzt sich Vincent Wojdacki herzhaft zupackend durch. Als „Annemarie“, seine kupplerische Schwester, die sich schließlich den Witwer Gunderloch angelt, agiert Kerstin Sasowski. Außerdem sind mit von der Partie Markus Löchner (Weinhändler Rindsfuß), Ralf Grobel (als Stenz), Ursula Simon (Frau Rindsfuß), Martina Duffner (Fräulein Stenz) Dario Krosely und Aki Tougiannidis (als Weinreisende).

Überzeugende TempowahlIn der gut zweistündigen Aufführung stehen den rasanten Übersteigerungen, die in einer lärmenden Wirtshauskeilerei ihren Höhepunkt finden, ruhige Szenen gegenüber, fast anrührend die Liebelei zwischen Annemarie und Gunderloch. Da kommt bis zum allgemeinen Versöhnungstrunk keine Langeweile auf. Sogar die Schunkelei bleibt erträglich, mit der die Mimen schlussendlich ein Weinlied anstimmen: „Heut gehen ma aber garnit haam“. Nach alter Lehre soll Theater erfreuen und nützen. Diesen Leitsatz hat der verdiente Pforzheimer Schauspielchef über 27 Jahre lang mit hoher Professionalität befolgt. So nimmt es kein Wunder, dass Jan Friso Meyer vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert und vom Sprecher der Schauspieler, Fredi Noel, mit Dank und riesigem Blumenstrauß ein herzliches, wehmütiges Ade gesagt wurde. R.Uhlig

Phil
10.04.2008, 19:25
An dieser Stelle ein großer Dank an den Schauspieldirektor Jan Friso Meyer. Mit großem Engagement holte er das Theater zusammen mit zwei Kollegen das Stadttheater Pforzheim aus der Krise.
Über viele Jahre hinweg hat er uns mit tollen Inszenierungen Freude bereitet. "Linie 1", "Der kleine Horrorladen", "Rashemon" und am gestrigen Abend "Der fröhliche Weinberg" um nur eine Hand voll zu nennen.
Und wenn ich meinen Dank nun ein wenig persönlicher gestalten darf:
Jan Friso, vielen Dank für Deine großartige Arbeit.
Du wirst fehlen!