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    Jan Weilers Reisetagebuch „In meinem kleinen Land“ sorgt für Wirbel. Auch in Pforzheim, denn nicht allen ist seine subjektive Sicht der Goldstadt genehm. Über seine Eindrücke und seine Lesung sprach PZ-Redakteurin Sandra Pfäfflin mit dem Autor.

    PZ: Herr Weiler, wie schmeckt Ihnen das Tournee-Leben?

    Jan Weiler: Danke, gut. Ich bin inzwischen sehr gerne unterwegs, sehe eine Menge und lasse mich davon inspirieren. Das ist viel weniger mühevoll, als immer nur zuhause am Schreibtisch zu sitzen. Da fällt mir nichts mehr ein.

    PZ: Was unterscheidet „In meinem kleinen Land“ von ihren bisherigen Büchern, wie „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ und „Antonio im Wunderland“?

    Weiler: Es ist ein Tagebuch, ein Reisetagebuch und damit nicht fiktional. Das ist der größte Unterschied zu den Romanen. Aber bei den Lesungen gibt es natürlich Ausschnitte aus allen Büchern und Kolumnen. Das wird sehr lustig.

    PZ: Vor drei Jahren waren Sie bei einer Lesung in Pforzheim. Wie sind Ihre Erinnerungen an die Goldstadt?

    Weiler: Eigentlich ganz gut. Natürlich kommt man mit dem Taxi nicht nur an den allerschönsten Gegenden der Stadt vorbei. Kann sein, dass das den Tagebucheintrag etwas verzerrt. Aber das sind nun einmal Momentaufnahmen, das gehört zum Wesen eines Tagebuchs. Niemand recherchiert tagelang für einen Tagebucheintrag.

    PZ: Manche Leserinnen und Leser empfanden Ihre Darstellung von Pforzheim als ungerecht.

    Weiler: Die ist auch ungerecht. Man hat nur einen einzigen Tag Zeit, um sich ein Bild von einem Ort zu machen. Das ist wie bei einem Blind Date: Du bekommst nur einmal die Chance für einen ersten Eindruck. Und den habe ich geschildert. In manchen Orten fanden die Leute den übrigens zu positiv. In Oldenburg zum Beispiel.

    PZ: Die Pforzheimer Oberbürgermeisterin Ihnen hat in ihrer Rede zum Neujahrsempfang unterstellt, „nur billige Klischees zu verbreiten, um den schnellen Euro zu machen“. Was halten Sie von dieser „Ehre“?

    Weiler: Ihre Oberbürgermeisterin hat keine Ahnung davon, wie man einen schnellen Euro macht. Das ist für die Stadt vielleicht etwas bedauerlich.

    Jan Weiler liest heute um 20 Uhr im Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld.Pforzheim, Stadt ohne FachwerkAus: Jan Weiler, „In meinem kleinen Land“, © 2006 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

    Die neue Woche beginnt in der Uhren- und Schmuckstadt Pforzheim. Das liegt am nördlichen Rand des Schwarzwalds, ziemlich genau in der Mitte zwischen Karlsruhe und Stuttgart. Hat über 100.000 Einwohner und ist nicht nur bekannt für seine Schmuck- und Versandhausindustrie, sondern auch für ein total uneinheitliches Stadtbild. Das kommt daher, dass Pforzheim rekordverdächtig zerbombt und anschließend recht planlos wieder aufgebaut wurde.

    Dabei haben sie naturgemäß nicht alles richtig gemacht, es wurde sogar sehr viel Unsinn getrieben, aber anders als in Krefeld oder Kassel. Pforzheim besitzt nämlich tatsächlich gerade dadurch einen eigentümlichen Reiz.

    Schon beim Hindurchfahren erkennt man, dass hier jeder Baustil der vergangenen fünfzig Jahr exzessiv erprobt wurde. Im Guten wie im Schlechten. Pforzheim ist auf diese Weise ein Panoptikum bundesrepublikanischer Modernität. Und die sieht ja nicht nur schrecklich aus.

    Wem also die Fachwerkfolklore von Bamberg und der niedliche Restaurationseifer von Erfurt zu viel sind, der sollte einfach mal nach Pforzheim fahren. Die Ankunft dort beschert einen Anblick des Nick-Knatterton-Gedächtnis-Bahnhofs. Ein wunderschönes Stück Fünfziger- Jahre-Architektur…

    „In meinem kleinen Land“, rororo, Taschenbuch, 352 Seiten, 9,95 Euro, ISBN: 978-3-499-62199-4



    www.rowohlt.de

  2. #2
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    Standard Witzig!

    Schön, vor allem die Antwort auf die letzte Frage im Interview! Er hat soooo Recht.

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