Der feierliche Akt findet im Geheimen statt. Irgendwo zwischen den Gleisen eins und fünf haben sich die Herren Oettinger, Grube und Schuster mit ihren geladenen Gästen versammelt. Wo genau weiß man nicht, soll man nicht wissen, vermutet ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn, der anonym bleiben will. Verständlicherweise.
„Das ist ja der größte Schwachsinn, wo’s gibt“, lautet sein vernichtendes Urteil: Baustellen-Chaos die nächsten zehn Jahre und dann, wenn der Durchgangsbahnhof fertig sei, werde die Hälfte der Bahnarbeiter nicht mehr gebraucht.
Während Ministerpräsident, Bahnchef und Stuttgarts OB ihren Spatenstich also im Verborgenen ausüben – geschützt durch Absperrungen und Hunderte Polizisten –, sind die Nichtgeladenen äußerst sichtbar. Und hörbar. Am nördlichen Bahnhofseingang tummeln sich die Gegner des Projekts. Sie sind zahlreich erschienen. Wer hätte das gedacht von den Schwaben – an einem ganz normalen Werktag?
Das Pfeifkonzert ist ohrenbetäubend in der großen Halle. Und auch in der kleinen Schalterhalle, wo der Baubeginn von Stuttgart 21 offiziell gefeiert wird, dürfte davon noch etwas zu hören sein. „Wir sind hier – wir sind laut – weil ihr uns den Bahnhof klaut“, wird gerufen. Immer, wenn es danach aussieht, als könnte einer der Großkopfeten auftauchen, ist man wahlweise beim guten, alten „Wir sind das Volk“ und beim „Lügenpack“.
Eins wird hier deutlich: Vom Baubeginn lassen sich die Gegner nicht entmutigen. „Jetzt geht’s erst richtig los“, meint Dagmar Reichl, die ihre Mittagspause auf dem Bahnhof verbringt. Peter Schifer, der mit seiner Tochter Tara gekommen ist, sagt: „Gebaut ist damit noch gar nichts.“ Die Stimmung bei den Gegnern ist gut, die seit November stattfindenden Montagsdemos erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Und wenn irgendwann der Druck zu groß wird, wird die Politik hoffentlich umschwenken. Oder wenn die Kosten das Budget sprengen. „Keiner hat die Kohle, aber alle haben eine große Klappe“, sagt Ruth (55), die nur ihren Vornamen preisgibt. „Herr, schmeiß Hirn ra“ steht auf ihrem Plakat.
Überhaupt, die Kosten. Sie sind das Argument Nummer eins gegen das 4,1-Milliarden-Projekt von Bahn, Bund, Land Baden-Württemberg und Stadt Stuttgart : „Zu teuer“, finden Schüler wie Rentner, die hier versammelte Schwabenseele kocht. „Das müssen wir später mitzahlen“, fürchtet der 15-jährige Bastian. „Wenn die Schulen so marode sind, dass in einem Ludwigsburger Gymnasium einem Lehrer das Licht auf den Kopf fällt, braucht man nicht so viel Geld für einen Bahnhof auszugeben“, findet Susanne Bleiber, Mutter zweier Kinder aus Remseck. „Rausgeschmissenes Geld“, sagen Heide und Gerhard Sauter, seit 50 Jahren SPD-Mitglieder und höchst unzufrieden mit ihrer Partei in dieser Sache. „Wir werden Nichtwähler“, meint Heide Sauter und so wie sie das sagt, ist das der Gipfel des Unmuts.
Überhaupt, die Demokratie. Sie leidet im Angesicht von Stuttgart 21. Die Stuttgarter, denen der Bürgerentscheid trotz 67 000 Unterschriften versagt wurde, fühlen sich von der lokalen Politik verraten. „Ihr baut keinen Prellbock ab, sondern die Demokratie“, steht in großen Lettern auf einem Spruchband.
Doch, es gibt auch Stuttgart-21-Befürworter unter den Umstehenden. Fabian aus Kornwestheim hat „den ganzen Idioten“ demonstrativ den Rücken zugewandt. „Der Bahnhof ist doch in die Jahre gekommen. Da darf auch wieder was Neues her“, sagt der 25-Jährige. Ihn dürfte Klaus Gebhardt eher nicht mehr umstimmen mit den Zettelchen, die er verteilt. „Parkschützer“ nennt sich die neueste Widerstandsgruppe. 300 alte Bäume im Schlosgarten sollen für Stuttgart 21 fallen. Das Engagement für die grüne Lunge der Feinstaub-geplagten Stadt zieht – vielleicht noch mehr als der alte Bahnhof. 500 Unterstützer hat die Initiative allein von Montag auf Dienstag dazugewonnen. „Das könnte eine echte Volksbewegung werden“, sagt Gebhardt und seine Augen leuchten. Stuttgart 21 hat begonnen – aber der Widerstand lebt. Angelika Wohlfrom



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Sehr interessant fand ich auch die wirtschaftlichen Verflechtungen der einzelnen Beteiligten/Entscheidungsträger!


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