Nun soll ein «Benzingipfel» die Lösung bringen beim Debakel um den neuen Biosprit E10. «Fakt ist, dass die Verbraucher völlig verunsichert sind», begründet Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) die Einladung für das Spitzentreffen, das «zeitnah» stattfinden soll. Denn: Erste Raffinerien müssen wegen der Probleme bereits in Kürze gedrosselt werden, da die Benzinbranche den ungeliebten Sprit nicht los wird.

Am Donnerstag spitzte sich die Lage zu. Vorerst wird E10 nicht an weiteren Tankstellen eingeführt. Damit bleibt unter anderem Nordrhein-Westfalen erstmal weitgehend E10-freie Zone, insgesamt gibt es an knapp 7500 der 15.000 Tankstellen in Deutschland den Sprit mit zehn Prozent Ethanol. Wo es E10 schon gibt, kann dies natürlich weiter getankt werden.

Glaubt man der Branche, entscheiden die nächsten zwei Wochen, ob E10 überhaupt im Markt bleibt. Bisher herrscht an der Zapfsäule große Verwirrung. Viele Autofahrer tanken lieber das bis zu acht Cent teurere Super Plus, anstatt sich das neue E10 mit einer Beimischung von zehn Prozent Ethanol in den Tank zu füllen.

Dadurch entstehen Engpässe, weshalb die Mineralölbranche erstmal die Notbremse zieht. Der Chef des Mineralölwirtschaftsverbands (MWV), Klaus Picard, verteidigt mit eindringlichen Worten das vorläufige Aussetzen der weiteren Einführung: «Das System platzt sonst». Während derzeit bis zu vier Mal täglich die kleineren Tanks mit Super Plus unter den Zapfsäulen wieder aufgefüllt werden müssen, schlummert das E10 in den größeren Tanks weitgehend unberührt vor sich hin.

An vielen Tankstellen gibt es bereits Engpässe beim Super Plus. Auch deshalb gibt es nun den Stopp bei der Einführung an weiteren Tankstellen. Bis zu 70 Prozent der Benzin-Autofahrer verschmähen E10, das das frühere Super-Benzin ablöst. Die stattdessen viel häufiger als früher getankte Sorte Super Plus kann die Riesen-Nachfrage aber wegen viel kleinerer Tanks unter den Zapfsäulen und aus technischen Gründen nicht decken. Das Verbraucherverhalten hat die Branche schlicht kalt erwischt.

Die Mineralölbranche und das zuständige Bundesumweltministerium schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter für die Misere zu. Die Branche würde E10 am liebsten zurückziehen, zeigt auf die Politik und sagt, sie sei nur Erfüllungsgehilfe für gesetzgeberische Vorgaben. Die EU hatte höhere Biokraftstoffquoten verlangt und die deutsche Regierung schließlich entsprechende Gesetze erlassen - in der Annahme, das E10 komme an. Tut es aber nicht.

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) kritisiert, dass die Branche nicht ausreichend an Tankstellen für den neuen Biosprit geworben habe. In anderen Ländern wie Frankreich hat die E10-Einführung reibungsloser geklappt, dort wurde zum Beispiel pauschal gesagt, dass alle Modelle ab dem Baujahr 2000 E10-verträglich seien.

Der für den Bio-Sprit federführend zuständige Röttgen ließ sich am Donnerstag das Heft des Handelns etwas aus der Hand nehmen, als Brüderle mit der Einberufung eines «Benzin-Gipfels» vorpreschte. Am Abend betonte dann auch Röttgen: «Angesichts der Verwirrung, die die Mineralölwirtschaft am heutigen Tag herbeigeführt hat, ist es begrüßenswert, wenn alle Beteiligten möglichst bald an einem Tisch zusammenkommen.» Auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner solle daran nehmen. Die bezeichnete das Verhalten der Sprit-Branche bei der Einführung von E10 als «Trauerspiel».

Für die Politik könnte die Situation ungemütlich werden, da viele Autofahrer erzürnt sind. Kurz vor wichtigen Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist die Brisanz der Lage nicht zu unterschätzen. Im Umweltministerium hofft man, dass mehr und bessere Informationen E10 doch noch zum Erfolg verhelfen.

Schließlich vertragen 93 Prozent aller in Deutschland angemeldeten Benziner den Sprit, von den deutschen Fabrikaten sind es sogar 99 Prozent. Ein Anruf beim Autohändler würde genügen, um sicher zu gehen. Neben der Verunsicherung, ob E10 nicht die Motoren ruiniert, gibt es aber folgendes Problem: Der Kraftstoff ist weniger leistungsstark, das hebt den Preisvorteil schon wieder etwas auf.

Doch was passiert, wenn sich in den nächsten Tagen nicht grundlegend etwas ändert? Der E10-Grundrohstoff kann wegen seiner speziellen Zusammensetzung nicht einfach ins Ausland verkauft werden. Letztlich dürfte die Spritbranche unter anderem wieder mehr Super Plus mit fünf Prozent Ethanol produzieren und Strafzahlungen von 2 Cent pro Liter auf die Kunden umlegen. Die Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses, Eva Bullig-Schröter (Linke), betont: «E10 ist ein Rohrkrepierer.» Sie fordert: «Die Bundesregierung muss die E10-Einführung aussetzen und in der EU für ein Moratorium werben.»