
Wenn Selenie mit ihrem älteren Bruder Timon rauft, hat sie dabei eines immer im Hinterkopf: „Nimm Rücksicht auf ihn, sei vorsichtig, er kann nicht so wild wie du.“ Denn Timon hat das Down-Syndrom – das heißt, bei ihm kommt das Chromosom 21 nicht wie im Normalfall zweimal, sondern dreifach vor. Eine solche Abweichung soll künftig bereits im Mutterleib einfach nachzuweisen sein: Die Konstanzer Firma Lifecodexx will Ende Juni einen Test auf den Markt bringen, der mit Hilfe einer Blutprobe der Mutter eine Trisomie 21 beim Ungeborenen zuverlässig ausschließt oder bestätigt.
Kritiker sehen in einer solchen Untersuchung eine Methode zur Selektion von Menschen mit Down-Syndrom: „Das ist der einzige Zweck davon“, sagt der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe. „Das Down-Syndrom kann man nicht heilen, das hat man.“ Vorgeburtliche Gentests seien aber nach dem Gendiagnostikgesetz nur zu medizinischen und therapeutischen Zwecken erlaubt. „Letztlich geht es fast ausschließlich darum, Menschen mit Down-Syndrom aufzuspüren und auszusortieren. Das ist nicht nur die schlimmste Form von Diskriminierung, sondern auch illegal.“
Bei Lifecodexx weist man die Kritik zurück: Der Test untersuche grundsätzlich nichts Neues, sei vielmehr eine risikofreie Alternative zu herkömmlichen invasiven Untersuchungsmethoden, teilt das Unternehmen in einer Stellungnahme mit. „Wir können nicht nachvollziehen, dass eine betroffene Frau sich leichter gegen ihr ungeborenes Kind entscheiden soll, nur weil die Diagnose zuvor mittels eines schmerzfreien und risikolosen Bluttests und nicht durch eine belastende und risikoreiche invasive Untersuchung gestellt wurde“, sagte eine Sprecherin. Wann der Test genau auf den Markt kommt, wollte das Unternehmen nicht mitteilen.
Auch Timons Vater, der mit seiner Familie in Friedrichshafen am Bodensee lebt, fürchtet eine Selektion durch die Entwicklung neuer Tests: „Ich glaube, unser Sohn ist in einer der letzten Generationen von Menschen mit Trisomie 21“, sagt Lothar Schweizer. „Spinnen wir doch die Idee mal weiter: In zehn Jahren wird man als Schwangere vielleicht gedrängt, einen solchen Test zu machen – weil die Krankenkasse Extra-Leistungen für ein Kind mit Down-Syndrom nicht zahlen will.“
Ähnlich argumentiert die kirchennahe Stiftung BruderhausDiakonie in Reutlingen, die auch Einrichtungen in der Behindertenhilfe in Baden-Württemberg unterhält: „Je einfacher Testverfahren werden, wenn sie womöglich fast schon Standard im Rahmen der Vorsorge werden, umso mehr ist darauf zu achten, dass dadurch nicht der Druck auf Eltern sich immer mehr umkehrt“, erklären Wolfgang Welte und der Theologe Martin Enz. Sie fürchten eine Umkehr der Beweislast – dass der Abbruch zum Standard wird.
Timon passe einfach nicht in eine Gesellschaft, in der das Leistungsprinzip immer wichtiger werde, sagen seine Eltern. „Er stellt diese Ordnung infrage.“ Der Zehnjährige braucht bei vielen Dingen einfach mehr Zeit – beim Schuhe binden, bei den Hausaufgaben. Für Selenie und ihren Bruder kein Problem: „Ihnen ist klar: Selenie ist ein Schnell-Lerner, Timon ein Langsam-Lerner“, sagt ihre Mutter Stefanie Schweizer. „Deshalb geht Timon auch auf eine L
Autor: Kathrin Streckenbach Friedrichshafen






Das lesen Abonnenten am Samstag in Ihrer "Pforzheimer Zeitung":




