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Erfahrung und Können:  Boris Ritter ist nicht nur im Stuttgarter Palladium-Theater aktiv.
Erfahrung und Können: Boris Ritter ist nicht nur im Stuttgarter Palladium-Theater aktiv.
© Stollberg

Aufstieg des Pforzheimer Pianisten und Dirigenten Boris Ritter

PFORZHEIM. Tatendurstig war er schon immer und auch neugierig darauf, was welche Wirkung erzielt. Das machte sich bereits in früher Kindheit bemerkbar – mit denkwürdigem Erfolg. Denn wissen wollte Klein-Boris, wo der Strom herkommt. Zwar hatten die Eltern wohlweislich alle Steckdosen im Haus in Pforzheim mit einer Schutzvorrichtung versehen, aber der Dreikäsehoch entdeckte rasch, dass am Elektroherd noch eine Dose freien Zugang bot. Kurz entschlossen nahm der Knabe die Schnalle seine Gürtels und steckte sie in eines der Dosenlöcher. Das Resultat war in der Tat umwerfend, wie Vater Rolf Ritter lachend erzählt. Die Gürtelschnalle flog durch die ganze Küche und den Buben selbst „hat es fürchterlich geschüttelt.“

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Musikalische Familie

Die Ausgangsbedingungen für die musikalische Karriere des Boris Ritter hätten kaum idealer sein können. Da schon die Großeltern und Eltern eifrig musizierten, alle Instrumente im Haus verfügbar waren, Boris bereits mit vier Jahren Noten lesen konnte und die Melodica erste eigenerzeugte Klangerlebnisse schuf, wollte er ein halbes Jahr später auf einer kleinen Orgel „Rosamunde“ intonieren. Weil aber im Sitzen die Pedale der Orgel nicht erreichbar waren, spielte das Frühtalent einfach im Stehen.

Alsbald erlernte der Junge bei Franz Halmich das Klavier- und Orgelspiel, und da er die Lust am Üben beibehielt, erzielte er auch binnen kurzem beachtliche Fortschritte. Das führte dazu, dass Boris als eines von zwölf Kindern aus aller Welt von dem japanischen Instrumentenhersteller Yamaha bis zum 18. Lebensjahr gefördert wurde. Und diese Liebe zu Tasteninstrumenten hat bis zum heutigen Tag angehalten. Musikalische Grenzen gab es dabei nie. Ob er als Pianist Debussy spielte, in Jazzformationen mitwirkte, selbst Jazzarrangements schrieb – die Ausbildung bei einem Bigband- leader verschaffte ihm dazu die Grundlage –, ob er selbst zwischen Klavier und Orgel wechselte und Musicals komponierte, darunter „Kleiner Muck“, am Schlagzeug das Gefühl für Rhythmen verfeinerte, oder als Dirigent nun mehrmals pro Woche die Aufführungen von „Tanz der Vampire“ im Palladium Theater Stuttgart leitet – Boris Ritter lebt in und für die Musik.

Sein Können, die Vielfältigkeit seiner Ausbildung, die eminente musikalische Begabung und seine nimmermüde Energie, gekoppelt mit einer nie nachlassenden Neugier nach der Realisierung von Klangmöglichkeiten, haben den inzwischen 33-Jährigen schon sehr weit auf der Karriereleiter emporsteigen lassen. Seine Hauptaufgabe derzeit ist die Leitung des Orchesters bei der sehr erfolgreichen Stuttgarter Musicalproduktion. Als Stellvertreter und Assistent des Chefdirigenten hat Ritter ein sehr weitgefächertes Spektrum zu bewältigen, wobei ihm seine bisherigen Erfahrungen, insbesondere als musikalischer Leiter in seinem Lieblingsmusical „Wizard of Oz“ zugute kommen.

Dabei beschränkt sich Ritter auch in Stuttgart keineswegs darauf, am Pult zu stehen und den Musikern ihre Einsätze zu geben, sondern spielt in manchen Aufführungen dann im Orchester Klavier oder Schlagzeug. „So bekomme ich einen noch genaueren Eindruck davon, wie die Korrespondenz zwischen Orchester und Bühnenaktion optimiert werden kann. Vor allem auch bei den Tanzszenen, die absolut synchron ablaufen müssen.“ Weil es für die Gesamtproduktion des Musicals detaillierteste Vorgaben gibt, bis hin zu den Frisuren, den Kostümen und der Schminke der Darsteller, ist auch die musikalische Gestaltung durch das Orchester präzise vorgeschrieben. Gleichwohl sind immer feine Nuancen in jeder Vorstellung – für den Besucher nicht merkbar, jedoch für den Dirigenten eine Möglichkeit, das Potenzial der Musiker stets auszuschöpfen.

Zum Ausgleich seines strapaziösen Dirigenten- und Musikerdaseins pflegt Boris Ritter in seiner karg bemessenen Freizeit zu joggen und sich um seine Familie zu kümmern. Vielleicht wird sein Sohn, erst etliche Monate alt, auch einmal so energiegeladen und neugierig – dann aber hoffentlich ohne vorheriges Experiment an der Steckdose.

Sebastian Giebenrath

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