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Ein Feuerwerk der Stimmen: die Inszenierung von „Bianca e Falliero“ beim Opernfestival „Rossini in Wildbad“.   patrick Pfeiffer
Ein Feuerwerk der Stimmen: die Inszenierung von „Bianca e Falliero“ beim Opernfestival „Rossini in Wildbad“. patrick Pfeiffer
20.07.2015

„Bianca e Falliero“ überzeugt als deutsche Erstaufführung in Bad Wildbad

An diesem Abend kommt alles zusammen, wofür das Opernfestival „Rossini in Wildbad“ berühmt ist. Da gibt es mit „Bianca e Falliero“ ein Rossini-Werk abseits der ständig wiederholten Klassiker zu hören; eine Rarität, die so rar ist, dass die Aufführung am Samstagabend in der Wildbader Trinkhalle sogar die deutsche Erstaufführung ist. Auch „Bianca e Falliero“ zeigt, dass gerade die wenig beachteten Nebenwerke Rossinis einige Entdeckungen bereithalten. Besonders, wenn sie von insgesamt so makellosen Solisten dargeboten werden wie an diesem Abend, die sich mühelos in den halsbrecherischen Koloraturen zurechtfinden und gerade in den großen Ensemble-Szenen zu einem eindrucksvollen Gesamtklang finden, der die ganze Bühne füllt.

Das muss er auch. Denn die Inszenierung von Primo Antonio Petris bleibt weitestgehend belanglos. Wohl auch wegen der eingeschränkten szenischen Möglichkeiten beschränkt sie sich darauf, die in Venedig spielende Geschichte mit banalen Touristen-Accessoires zu illustrieren. Wie in einem ewigen Maskenball ist der stimmlich starke Chor mit gewollt typischen Karnevalsmasken kostümiert und auf der Hintergrund-Leinwand wechseln sich venezianische Postkartenmotive mit pseudo-psychologisierenden Stimmungsbildern ab. Da fehlt nur wenig zum Kitsch.

Besser als Bühne und Kostüm gelingt die Personenregie, welche die zwischenmenschlichen Konflikte in glaubhaftes Schauspiel übersetzt. Glaubhaft ist an diesem Abend aber vor allem die Musik, die den Sängern ein beeindruckendes Ausdrucksmaterial zur Verfügung stellt, aus dem sich jeder dramaturgische Effekt wie von selbst ergibt. Denn die weitgehend vorhersehbare Geschichte um das junge Paar Bianca und Falliero, das sich liebt aber nicht lieben darf, wird erst durch Rossinis beeindruckend expressive Tondeutungen plausibel. Da ist – gerade im zweiten Akt – Platz für erregte Koloraturketten, durch die die Protagonisten ihre angestauten Gefühle von Liebe und Hass erst loszuwerden scheinen – aber auch für Szenen, deren Reiz abseits virtuoser Bel-Canto-Akrobatik liegt. Denn gerade die Chorszenen und der lebhafte musikalische Wechsel der handelnden Personen sind mit einer dramatischen Folgerichtigkeit konzipiert, die der insgesamt trivialen Handlung doch zu einer tragfähigen Schlüssigkeit verhilft.

Als musikalischer Höhepunkt steht das Finale des 1. Aktes fest, in dem Rossini eine ausgereifte Szenenabfolge entwirft, die aus konkurrierenden musikalischen Stilebenen – von der großen Schreckens-Emphase bis zum beinahe komödiantischen Parlando – zusammengesetzt ist. Genau diese stilistische Wandelbarkeit besitzen auch die durchgängig hochklassigen Sänger, unter denen Victoria Yarovaya (Falliero) mit ihrer subtilen Virtuosität und Kenneth Tarver (Contareno) mit seiner seidigen Tenorstimme noch herausstechen.

Die Virtuosi Brunenses unter der Leitung von Antonino Fogliani geben dem Feuerwerk der Stimmen eine angemessene instrumentale Grundlage, schießen aber leider manchmal – etwa im Vibrato der Streicher oder den zu wuchtigen Blechbläsern – etwas über das Ziel hinaus. Im Großen aber präsentiert sich das Orchester als gewitzter und besonders vitaler Klangkörper. Zusammen ergibt das musikalisch einen Rossini, wie er sein soll: impulsiv, packend – und sogar fast noch unentdeckt.