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Das Titelbild des 1912 erschienenen Almanachs „Der Blaue Reiter“ stammt von Wassily Kandinsky.  fb
Das Titelbild des 1912 erschienenen Almanachs „Der Blaue Reiter“ stammt von Wassily Kandinsky. fb
30.11.2016

Claudia Baumbusch spricht im PZ-Forum über den Blauen Reiter

Die Faszination des Blauen Reiter ist ungebrochen: Über 100 000 Menschen haben bereits die bis 22. Januar dauernde Ausstellung „Kandinsky, Marc & Der Blaue Reiter“ in der Fondation Beyeler in Riehen besucht.

Und auch dem PZ-Forum beschert das Thema ein volles Haus, „obwohl wir uns immer wieder mit Marc, Macke, Kandinsky und der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beschäftigt haben“, sagt Claudia Baumbusch. Aber es sei die „Grenzenlosigkeit des Denkens in einer Zeit, in der Europa zunehmend in Nationalismen erstarrte“, die gerade heute die Beschäftigung mit dieser losen Künstlergruppe lohne.

Woher kommt der Name Blauer Reiter?

Die plausibelste Erklärung, so Baumbusch, habe Wassily Kandinsky 1930 geliefert: „Den Namen erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf. Beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.“ Für die Kunsthistorikerin erschließt sich diese Erklärung: „Beiden ging es um das Thema Bewegung, um Dynamik, um das Kämpfen für eine neue Kunst.“ Und die Farbe stehe auch für Unendlichkeit und Transzendenz. „Der Blaue Reiter will das Geistige der Kunst vom Stofflichen lösen“, fasst sie zusammen.

Wie entsteht der Blaue Reiter?

Eigentlich aus einer Protestaktion heraus: „Meine Tätigkeit bei der Neuen Künstlervereinigung München endete mit einem hübschen Krach, der zur Gründung des Blauen Reiters führte“, schreibt Kandinsky 1938. Die NKVM verweigert dem Russen 1911 die Teilnahme mit seiner „Komposition V“ an einer Ausstellung. Er tritt aus, seine Lebensgefährtin Gabriele Münter und Franz Marc, den er erst kurz zuvor kennengelernt hatte, folgen. Die erste Ausstellungen des Blauen Reiter findet von 18. Dezember 1911 bis 1. Januar 1912 in der Modernen Galerie Heinrich Thannhauser in München statt, parallel zur dritten Ausstellung der NKVM im selben Haus. Zu sehen sind 48 Werke, unter anderem von Rousseau, Delaunay, Kandinsky, Macke, Marc, Münter und Arnold Schönberg. Die Schau reist durch mehrere Städte Deutschlands und Länder Europas. Die zweite Ausstellung – Papierarbeiten – folgt von 12. Februar bis 18. März 1912. Dieses Mal auch dabei: Arp, Braque, Klee, Malewitsch und Picasso.

Warum ist der Almanach so bedeutend?

„Es ist das Gründungsmanifest der Moderne in der deutschen Kunst“, sagt Baumbusch. Eine „Kette zur Vergangenheit und ein Strahl in die Zukunft“, beschreibt Kandinsky. In Murnau, wo er und Münter seit 1909 wohnen, sowie in Sindelsdorf, wo Franz und Maria Marc sowie Heinrich Campendonk den Wohnsitz haben, finden im Herbst 1911 wichtige Teile der Vorarbeit statt. Im Mai 1912 im Münchner Piper-Verlag erschienen, versammelt der Almanach Texte meist zeitgenössischer Künstler, zu denen – ohne inhaltlichen Zusammenhang – Werke der europäischen und außereuropäischen Kunst verschiedener Epochen, aber auch der Volkskunst und „Musikbeilagen“ gestellt werden. Da steht dann El Grecos „Johannes der Täufer“ neben Delaunays „Tour Eiffel“ und van Goghs „Bildnis des Dr. Gachet“ neben einem japanischen Krieger-Holzschnitt. Der Holzschnitt Kandinskys „Heiliger Georg“ ziert den Titel. Die Erstauflage beträgt 1200 Exemplare – es gibt die allgemeine Ausgabe, die Luxus-Ausgabe mit zwei signierten Holzschnitten von Marc und Kandinsky sowie die Museums-Ausgabe mit zwei Originalarbeiten. Wie endet der Blaue Reiter?

Künstlerische Differenzen, aber vor allem der Erste Weltkrieg bringen das Ende: Kandinsky muss nach Russland zurückkehren und trennt sich von Münter. Die Russen Jawlensky und von Werefkin verlassen ebenfalls Deutschland. Marc und Macke fallen auf den Schlachtfeldern in Frankreich.