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Im voll besetzten PZ-Forum lauschen die PZ-Leser den Klängen von Rie Koyama und dem SWDKO unter der Leitung von Timo Handschuh.  Ketterl
Im voll besetzten PZ-Forum lauschen die PZ-Leser den Klängen von Rie Koyama und dem SWDKO unter der Leitung von Timo Handschuh. Ketterl
Selten ist das Fagott als Solo-Instrument zu hören. Bei Rie Koyamas Spiel fragt man sich: Warum?
Selten ist das Fagott als Solo-Instrument zu hören. Bei Rie Koyamas Spiel fragt man sich: Warum?
Im Gespräch: PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer (rechts) und SWDKO-Dirigent Timo Handschuh.
Im Gespräch: PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer (rechts) und SWDKO-Dirigent Timo Handschuh.
27.04.2017

Das SWDKO begeistert mit seinem Leser-Konzert im PZ-Forum

Alle gelungenen Witze zeichnen sich durch eines aus: Ihre Pointe sitzt. Da gibt es einen Punkt am Ende einer humoristischen Erzählung, der alles ändert. Von ihm aus betrachtet ergibt jetzt alles einen anderen Sinn. Auch in der Musik ist das nicht anders. Das zeigt das Konzert des Südwestdeutschen Kammeorchesters Pforzheim (SWDKO) im voll besetzten PZ-Forum.

Zwei Werkgruppen stehen sich da gegenüber. Sie drücken eine grundlegende Dualität in der Musik aus: Ernst und Humor. Der erste Satz aus Schuberts Streichquintett und auch Anton von Weberns „Langsamer Satz“ sind seriöse Werke: tief empfunden, voller Schmerz und Hoffnung – ernsthaft eben. Mit Carl Maria von Webers „Andante e rondo ungarese“ und später Paul-Agricole Génins „Carnaval de Venise“ aber wagt sich das SWDKO auf humorvollen Boden – und das nicht alleine.

Die Fagottistin Rie Koyama hat den Weg angetreten aus Bremen. Dort wirkt sie bei der renommierten Deutschen Kammerphilharmonie als Solofagottistin – und tritt dorthin noch am Konzertabend den Rückweg an in einer nächtlichen Gewaltfahrt mit dem Auto.

Aber von Anfang an. Den macht Schubert. Sein Streichquintett ist ein berührendes Werk. Einige Monate vor seinem Tod komponiert er es. Hat die Todesahnung dem Komponisten da schon die Hand geführt? Alles scheint noch eine Spur melancholischer als sonst. Das SWDKO muss sich aber erst noch finden. Die Exposition hat noch einige Schludrigkeiten. Später sitzt es besser. Der Höhepunkt des ersten Stücks ist die Reprise des zweiten Themas, das das Kammerorchester als wunderbar abseitigen Klagegesang gestaltet.

Dann kommt Weber. Koyama betritt die Bühne. Schon hier deutet sich an, was bei Génin bestimmend werden wird. Beide Werke gehen leichter, spielerischer um mit ihren Ideen, lieben den Umschwung des Gefühls, das auf einmal ganz andere: den Humor. Im Fagott haben sie einen verlässlichen Partner gefunden – in einem Bassinstrument, das so herrlich plappern und stolpern kann, aber nur eines nicht: drohen und wüten.

Leichte Synkopen markieren den Anfang. Beeindruckend ist, wie Koyama da spielerisch mit den Betonungen und Taktschwerpunkten spielt und ihrem Instrument ganz verschiedene – auch unerwartete – Farben entlockt.

Das virtuose Beherrschen ihres Instruments ist selbstverständlich. Echte Musik baut erst darauf auf. Webers Werk changiert zwischen Leichtigkeit und – gespielter – Dramatik. Dann löst sich das Rondo auf zum Tanz, der sich dann vollends gefällt im humorvollen Präsentieren des Fagottklangs: mit allerhand Trillern und Registerkontrasten, die erst die ulkige Wandelbarkeit des spezifischen Klangs unterstreichen.

Selten gespielt

Das Leichte tritt ganz zurück bei Anton von Webern. Sein Name steht für denn musikalischen Aufbruch in die Moderne. Unter den Neutönern der Zweiten Wiener Schule ist er der Radikalste. Kürzeste Stücke, fragmentiert, radikal konstruiert. Aber hier noch nicht. In seinem „langsamen Satz“ – das Werk eines 22-Jährigen! – tritt ein Webern hervor, der vielen Musikfreunden unbekannt ist. Als romantischer Schwärmer malt er mit dem überlangen Pinsel des Pathos, konstruiert endlose Linien des Gesangs in hochaufgelander Harmonik. Das ist spannend zu betrachten. Das selten gespielte Werk gelingt dem Kammerorchester eindrucksvoll. Webern türmt die Stilelemente der sterbenden Spätromantik so hoch auf, dass sie einstürzen müssen. Hier noch nicht endgültig; aber der Turm des übersteigerten Gefühls beginnt gefährlich zu wanken. Faszinierend zu beobachten, wie Webern in manchen Teilen den Boden der Tonalität schon zu verlassen scheint – aber dann doch wieder in ihr Gravitationsfeld gerät.

Solche Fragen interessieren beim Abschlusswerk überhaupt nicht. Génins „Carnaval de Venise“ ist leicht und locker – und humorvoll virtuos. Woran das liegt? Das Werk hat eine musikalische Pointe, einen Punkt, an dem das Gehörte umschlägt – und auf einmal ganz neue Bedeutung trägt. Am Anfang versucht der Komponist noch ein wenig, die Maske der Seriosität aufzusetzen. Ein paar Motiventwicklungen hier, ein paar Modulationen dort.

Dann wird klar: Darum geht es hier nicht. Alles ist Fassade. Wer aufpasst, hört eines: Unter den Trillern des Fagotts markiert das Orchester ganz bewusst energisch den Anfang eines Kinderlieds, verzerrt noch – und im Charakter maskiert. Dann bricht es aus: „Mein Hut, der hat drei Ecken“ tönt da das Fagott. Die Begleitung ist seicht geworden. Jetzt ist die Stilhöhe des Werks erreicht. Es will ja gar nicht diskutieren und ausdrücken. Sondern unterhalten. Das gelingt gewiss. Denn das Lied ist – unter dem Namen „Carnaval de Venise“ – eine der beliebtesten Grundlagen für Variationenwerke. Paganini hats getan, Chopin – und auch der weithin unbekannte Génin.

Hier darf Koyama endgültig zeigen, was sie drauf hat. Sie bläht die Backen, dreht sich von links nach rechts – und zeigt, was in ihrem Instrument steckt. Abwegigste Trillerketten, leichte Koloraturen, brummige Tiefen: eine ganze Klangwelt in dem so selten als Soloinstrument zu hörenden Fagott. Dafür gibt es tobenden Applaus – und für die Tatsache, dass nach so viel romantischem Ernst auch Platz ist für Humor.