


KELTERN-NIEBELSBACH. Kann man das Talent und den Sinn für Kunst in die Wiege gelegt bekommen? Können der Drang, sich kreativ zu entfalten, sich künstlerisch zu äußern vererbt werden? „Ich bin da vorbelastet“, meint Angela Amon mit einem Lächeln und verweist auf den Großvater Friedrich Lahrs, der als bedeutender Architekt bereits 1906 mit dem Schinkelpreis ausgezeichnet wurde und heute noch als Schöpfer des Kant-Grabmals in Königsberg bekannt ist. In einem Nachruf lobt der Bildhauer Hermann Brachert sein „feines Gespür für sachlich schöne Formen“. Dieses feine Gespür scheint auf die Enkelin übergegangen, sind es doch gerade die leisen, die subtilen Töne, die in der Kunst Angela Amons faszinieren.
Doch wenn eine Familie, wie die der gebürtigen Königsbergerin, so kunstsinnig ist, dann bedeutet das nicht automatisch, dass sie auch allem aufgeschlossen ist. Denn als Angela Amon, die im Alter von zwei Jahren nach Pforzheim kommt, 1963 ihr Abitur am Hilda-Gymnasium ablegt, ist die Zeit von Op-Art und Informell, von Abstraktion und Happenings. „Da gab es dann schon häufiger die Diskussion um die Frage, was ist Kunst eigentlich“. Doch Angela Amon entschließt sich Kunst zu studieren und zwar als Kunsterzieherin mit dem Schwerpunkt Grafik an der 1960 eröffneten Staatliche Hochschule für bildende Künste in Kassel.
Bei einer Südfrankreich-Reise habe sie bei einer Aufführung eines Marionettenspiels mitgewirkt und dabei eine neue Leidenschaft entdeckt. „Gemeinsam mit Wolfgang Bürger haben wir in einer Garage in Les Beaux beim Mont Ventoux ,Peter und der Wolf’ gespielt“, erinnert sie sich. Die Figuren dazu stammten von der jungen Studentin. Nach den Staatsexamen und der Heirat zieht es sie zurück in den Schwarzwald. In Niebelsbach zieht sie ins ehemalige Lehrerhaus, wo ihre vier Kinder aufwachsen. Vom Unterricht ist sie beurlaubt und auch die eigene künstlerische Tätigkeit ruht. Doch 1980 beginnt sie wieder zu zeichnen. Immer wieder unterrichtet sie, bei der Volkshochschule, in Erwachsenenkursen und seit 1990 in der eigenen Mal- und Zeichenschule in Niebelsbach die sie seit einiger Zeit gemeinsam mit Evelyn Kopp und Harald Kröner leitet. Durch die Teamarbeit bleibt wieder mehr Zeit für die eigene künstlerische Tätigkeit, denn die muss in den vergangenen Jahrzehnten manches Mal hinten anstehen. Allerdings malt, zeichnet und fotografiert Angela Amon seit den 1980ern konsequent. Zuerst noch in eher kleinen Formaten. Dann folgt eine intensive Phase des Experimentierens: „Heinz Treiber hatte mir eine Dose mit Grafitpulver geschenkt und dieses Material hat mich lange Zeit begleitet“, schildert sie. Und ihre Arbeiten werden immer größer, umfangreicher. „Da habe ich mich ausgetobt in Richtung Chaos“ , schildert sie rückblickend.
Mit großer Geste und aktionsgefüllt entstehen Bilder mit extremen Formaten, wie jene 35 mal 200 Zentimeter hohen Zeichnungen mit einer Mittelachse, die dem abstrakten Linienspiel einen Halt, eine Ordnung gibt. „Unbunt“, meint sie, seien ihre Bilder schon immer gewesen: Erdige Töne, kühl und zurückhaltend sind ihre Farben.
Anfang der 90er, erinnert sich die Künstlerin, habe sie für sich die gestische und abstrakte Malerei durchdekliniert gehabt. Nach und nach taucht verstärkt das Spiel mit Silhouetten in ihrem Werk auf – und auch hier gibt es einen Verweis auf die familiäre Tradition, war doch die Großtante eine hoch begabte Silhouettenschneiderin. Das Thema Figur nimmt nun auch größeren Raum ein, beschäftigt sich Angela Amon doch verstärkt mit Bewegungssstudien. Und daraus resultiert ein Thema, „mit dem ich noch lange nicht fertig bin“. Die Leerformen und Zwischenräume nehmen nun Gestalt an. Denn beim Blick in dichtes Blättergewirr im Gegenlicht sind es oft nur die Zwischenräume, die wahrnehmbar bleiben. Oder: Beim Betrachten von leicht bewegten Wasseroberflächen stellt sich für sie die Frage noch dem Lichtfall, nach einem Einfrieren der Bewegung. Auch hier sind es wieder feine Grauwerte die sie aufs Blatt bringt, auch hier ist der Bleistift ihr bevorzugtes Zeichengerät.
Doch bei aller Reduziertheit und feiner Abstimmung steckt eine enorme Kraft in den Bildern, die Angela Amon meist auf subtile Art bändigt. Außer wenn sich ihre Umwelt auf so radikale Weise verändert, wie sie es durch die Einrichtung eines Neubaugebiets direkt hinter dem idyllischen Garten und alten Lehrerhaus getan hat. „Eine absurde Situation“, sagt sie kopfschüttelnd. „Landnahme Schelmenäcker Niebelsbach“ heißen dann auch die Bilder, in denen ein monströses, tiefschwarzes Grafitband als Asphaltschneise eine alte Kulturlandschaft mit Streuobstwiesen durchschneidet. Inmitten dieser gewaltsam veränderten Landschaft beleuchten moderne Straßenlampen das Nichts. „Und das ein ganzes Jahr lang“, erinnert sich die Malerin, ehe das erste Haus gebaut wurde. Doch für Angela Amon hat dieses bewusste Wegschauen eine eher unerwartete Konsequenz. Denn während sich der Blick aus ihrem Atelierfenster für immer verändert hat, bringt sie die Menschen mit ihrer Kunst dazu genauer hinzuschauen. Nicht auf die lauten Straßenzüge und engen Nachbarschaften, sondern auf die kleinen Dinge ihrer Umgebung: Lichtreflexe auf einem Bachlauf, Blätter im Wind, Vögel am entfernten Himmelsflug.Sandra Pfäfflin





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