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14.10.2009

Der Koi

"Und, es geht Ihnen heute wieder besser, Herr Dr. Schwintowski?“ Diese Suggestivfrage stellte mir Dr. Bonfeld, mein Psychoanalytiker, jede Woche. Dann wollte er hören, dass er ein großartiger Arzt und Mensch ist. Großartig war vor allem seine Praxis in den Schmuckwelten. Die Miete betrug dort sicherlich einige tausend Euro pro Monat. Er brauchte die Bestätigung. Das ist Dr. Bonfeld, mein Arzt, würde ich dann zu meinen Bekannten sagen. Er ist ein guter Therapeut, ohne ihn hätte ich es nicht geschafft."

„Ja, heute geht es mir bedeutend besser.“ Zum ersten Mal stimmte es auch. Ich fühlte mich frei, nur das Lid zuckte, wie immer. Deswegen hatte ich auch vor drei Jahren das erste Mal diese Praxis betreten. Seitdem hatte ich mein Innerstes nach außen gekehrt. Ich hatte mir Heilung von diesem Mann erhofft. Alles fing mit der Rente an. Ich war Doktor der Wirtschaft. Ich saß im Aufsichtsrat und hatte schon immer gesagt, ich weiß einmal, wann es Zeit ist, den Hut zu nehmen und Platz zu machen für die nächste Generation. Daran hatte ich mich auch gehalten.

„Haben Sie die Partnerübung mit ihrer Frau gemacht?“ Ich fragte mich, ob Dr. Bonfeld mit seiner Frau Übungen gemacht hatte. Liebling, heute Abend fassen wir uns an den Schultern an und sehen uns tief in die Augen. Morgen ist unser Scheidungstermin. „Äh, nein, wir sind, es war irgendwie unpassend...“

Der Silberkugelschreiber blitzte im Frühlingssonnenlicht durch die Lamellenjalousien. Jetzt machte mein Arzt sich wieder eine Notiz in die Dokumentation. Die Karteikärtchen hatten die Dicke eines Gesetzbuches bald überschritten. Ich dachte, dass die Aufzeichnungen auch ähnlich unübersichtlich sein müssen. Eine Aneinanderreihung meiner wirren Äußerungen. Er schaute auf und hatte diese nichtssagende Miene, die er immer aufsetzte, wenn seine Patienten nicht funktionierten, wie es für ihre Genesung nach seinem Konzept richtig gewesen wäre. Über seinem dunkel gefärbten Haar prangte eingerahmt das Zertifikat seiner abgeleisteten Fortbildung: Japanische Tradition leben bei neurotischen Beschwerden.

„Gut, versuchen Sie es diese Woche. Was möchten Sie mir heute erzählen?“
„Vom Teich.“, ich erzählte immer vom Teich. Dr. Bonfeld nickte huldvoll und lehnte seinen trainierten Körper zurück in den Ledersessel. Ich durfte beginnen. Ich schlug die Beine übereinander und wieder zurück. Die Hose zwickte im Schritt. Lydia hatte sie gekauft, meine Frau.
„Es war vor drei Tagen. Ich saß wieder auf dem großen Stein und überflog nicht ohne Stolz meinen Zen-Garten. Ich hatte ihn anstatt unseres französischen Gartens hinter unserer Villa in der Hercyniastraße angelegt. Der Meditationssand, der lebensechte Fischreiher am Ufer, alles strahlte scheinbar nur für mich. Yokomata Watanabe schaute aus dem Teich. Der rote Punkt auf seinem Köpfchen leuchtete schillernd.“
„Sie hätten wirklich nicht gleich einen Tancho Koi-Karpfen kaufen müssen.“ Auch das sagte mein Arzt bei jeder Sitzung, dabei war es nicht das Ansehen einen so teuren Koi zu besitzen, nein, eine tiefe innere Liebe verband mich mit Yokomata. Aber das hatte dieser Arzt nie begriffen.
„Ich vertiefte mich in Kontemplation doch dann fiel ein rosa Blatt von der japanischen Hainbuche in das Wasser. Als ich aufstand, um das Blatt mit dem Käscher zu entfernen, traf mein Blick auf ein Knäuel Haare, das auf der Teichoberfläche trieb. In der Luft entdeckte ich noch mehr kleine Haarwölckchen, die sich in der Hainbuche verfingen oder auf dem Mandala im Meditationssand zum Liegen kamen. Ich richtete mich auf und sah meine Frau auf der Terrasse. Sie bürstete ihre Langhaarpersianer.

„Lydia,“, rief ich meiner Frau zu und zog meine Augenbrauen fast bis zum Haaransatz.“ Damit konnte ich mein zuckendes Lid überspielen. Mein Arzt glaubte seine Therapie, hätte die tourettartigen Bewegungen um mein linkes Auge verbessert. Das ist natürlich Blödsinn. „Lydia,“, rief ich also meiner Frau zu, „ich würde es vorziehen, wenn du Gracias Fellpflege woanders nachkommen könntest.“
„Natürlich, entschuldige“, sagte sie unschuldig, entfernte die Haare aus der Bürste und ließ sie im Wind zum Gartenteich treiben. Wissen Sie wie viele Haare nach dem Kämmen einer Persianer-Katze in einer Bürste sind?“ Mein Analytiker rieb sich freudsch die Nasenwurzel und ich bin mir sicher, er hat mal wieder nicht zugehört.

„Ist das wichtig? Geht es hier nicht vielmehr um die Kommunikation zwischen Ihnen und Ihrer Frau?“ – Sein Standardsatz. Nein, das ging es nicht. Ich redete einfach weiter, beschloss mich nicht mehr durch seine unsinnigen Zwischenfragen stören zu lassen. Ich hasste seinen schwarzen Rollkragen. „Es ist eine Lawine, die weiße Pest. Stellen Sie sich vor Watanabe wäre allergisch gegen Katzen. Kennen Sie die Bilder, auf denen süße junge Kätzchen in einem Korb voll Wollgarn liegen? Aus der Katze meiner Frau kann man einen Pullover stricken, für einen Elefanten, für einen Pottwal. Meine Frau nahm Gracia III auf den Arm und ging durch die Verandatür ins Haus. Lydias blasses, adliges Gesicht war glatt und teilnahmslos, wie immer. Ihr roséfarbener Morgenmantel schwang um ihre schlanke, gerade Gestalt. Meine Frau war eine Freifrau von, jetzt hieß sie Schwintowski. Das hatte sie mir nie verziehen und ihre Mutter erst recht nicht.

Ich brauchte den ganzen Tag, um den Garten wieder in Ordnung zu bringen. Erst gegen Abend, als die rote Sonne zwischen den Blättern der Hainbuche verschwand, konnte ich mich um Watanabe kümmern. Trotz allem schwamm er munter in sein Transportglas und ich trug ihn ins Haus. Ich habe jetzt in meinem Zimmer einen kleinen nachgeahmten Teich gebaut. Man hört die Pumpe kaum. Daneben steht ein Hainbuchenbonsai. Watanabe soll sich , wie draußen fühlen, geschützt aber frei. Über dem Brunnen habe ich einen Sternenhimmel installieren lassen. Ein kleiner Wasserfall plätscherte und sorgte für den Sauerstoff.

Gerade als ich Watanabe hineinsetzen wollte, erblickte ich die Wollkatze meiner Frau. Sie trank einen Schluck vom Wasserfall und rieb dann ihre weißen Haare an meinem Hosenbein ab. Ich stieß sie von mir. Sie fing an zu würgen – wohl aus Protest – und Gracia erbrach sich. Vor unseren Augen kotzte sie Federn und Gedärme eines von ihr geschlachteten Spatzen auf die japanische Seidenbrücke. Dabei muss sich wohl ein gespaltener Vogelknochen in ihrer Kehle verquert haben, denn sie begann zu röcheln. Ich stand schreiend daneben. Gracia gab das Geräusch einer sterbenden Lachmöwe von sich. Sie schüttelte den Kopf, verlor ein paar Haare und stolzierte trotz ihrer Pein aus dem Zimmer. Ich warf ihr den steinernen Briefbeschwerer meines Urgroßvaters hinterher, den er von einer Expedition aus Papua Neuguinea mitbrachte und verursachte einen unwiederbringlichen Schaden im Kirschholzparkett des Flurs. Meine Frau nahm den kleinen Krater im Boden zur Kenntnis. Zwischenzeitlich hatte sie den Morgenrock gegen ihren bordeauxfarbenen Nickihausanzug getauscht, der trotz eingehender Pflege mit einem Fusselboy voll mit weißen Haaren ist.
„Ich sehe dein Psychoanalytiker wird sich weiterhin eine goldene Nase an dir verdienen, Dietmar.“

Dr. Bonfeld ruckelte ein bisschen auf seinem ergonomischen Ledersessel herum, als ob es ein Geheimnis ist, dass ich den Sessel schon längst bezahlt hatte. „Hat sich Dein kühler Gefährte nicht erschreckt?“ Ein Lächeln schmeichelte ihrem Gesicht. Ausgerechnet jetzt muss ich das feststellen. Seit Jahren ist es mir entgangen. „Aber das ist doch schön, vielleicht ein Neuanfang?“ Dr. Bonfeld war naiver, als ich es zu Anfang gedacht hatte. Sein Beruf hatte ihn zu dem gemacht, der er ist, wie bei den meisten Menschen. Vielleicht wusste er auch um die Farce und machte aus wirtschaftlichen Gründen weiter. Wer hätte ihm seinen Segeltörn in die Karibik bezahlen sollen, wer seine Penthousewohnung, wer seine Scheidung?

Das Lächeln meiner Frau änderte nichts, denn es gefror, als sie Gracia aufnahm und ihr den Rücken massierte. „Was hast du mit ihr gemacht?“
„Frag lieber den Vogel, den sie gerade ausgekotzt hat, was sie mit ihm gemacht hat.“ Gracia sprang aus dem Arm auf den Boden. Sie ging in mein Zimmer zurück. Eine Würgewelle durchfuhr sie, das Röcheln steigerte sich zum Crescendo. Ein lautes gellendes Geräusch entwich ihr und sie würgte ein Haarknäuel hervor.
„Das sind nun wirklich nur ein paar Haare. Kein Grund so einen Aufstand zu machen.“ Lydia nahm den lebenden Wollpullover auf den Arm, der jeden neuseeländischen Schafzüchter vor Neid erblassen ließe und nahm voller Anmut den Weg zu Ihrem Zimmer. Schon allein aus dem Erbrochenen dieser Katze konnte man Hannibals Elefantenherde für die Alpen bestücken.

Wieder ein paar Haare! Ich stand fassungslos neben dem Knäuel, kratzte mich, raufte mir die eigenen schütteren Haare und schrie immer wieder auf: „Ein paar Haare!! Lydia, hättest du die Güte, die Haare“ – ich spie das Wort asthmatisch von mir – „wegzuwischen?“
„Nein.“ Sie schloss die Tür. „Und der Vogel?“ Nichts. Sie ignorierte die Schandtaten ihres persischen Schlächters. Ich rollte die Seidenbrücke zusammen und warf sie in die Badewanne. Die Haare konnte und wollte ich nicht entfernen. Natürlich schloss ich mit der Wolle im Zimmer kein Auge und erwog es ernsthaft mit Watanabe draußen zu nächtigen, aber die abfallenden Temperaturen schreckten mich. Ich wusste nicht, wie Watanabe darauf reagieren würde. Erst im Morgengrauen verfiel ich in einen unruhigen Schlaf und ich hatte wieder den Traum.

„Sie meinen, Sie sehen, wie...“ Dr. Bonfeld zückte bedeutungsschwanger den blitzenden Kugelschreiber, den ich auch schon bezahlt hatte. „..wie Lydias italienische Hausschuhe in meinem Pissoir treiben. Und ich spüle und spüle aber sie bleiben immer oben.“ Er nickte mal wieder. Das tat er immer, wenn ihm nichts einfiel. Ich erzählte weiter. Was sollte er auch sagen. Diesen Traum erzählte ich ihm schon das hundertste mal.

Am nächsten Morgen nahm ich meinen Grüntee verspätet und ich war noch in Gedanken bei den Haaren, als ich mit Watanabe den weißen Kieselweg entlang zum Teich ging. Der Kirschbaum, der in prachtvoller Blüte stand, vermochte es kaum mich aufzuheitern. Ich atmete tief und steuerte den großen Stein neben dem Wasser an, der mir schon seit Tagen viel Ruhe spendete. Im Augenwinkel streifte ich den Meditationssand und wollte kurz das Mandala betrachten. Aber das Mandala war verschwunden. Gracia III scharrte im hellgrauen Sand. Sie hatte ihre Notdurft verrichtet. Ich rannte, ich hetzte dem unglückseligen Haustier meiner Gattin nach, mit dem überschwappenden Goldfischglas in den Händen, über den Kieselweg zurück ins Haus, wo ich meiner Frau in die Arme lief, die gerade aufgestanden war.

„Lydia, die Katze scheißt in den Meditationssand!“ Meine Stimme überschlug sich und meine Frau wusste nur zu gut, dass das ein Punkt für sie war. „Du bist und bleibst ein Bürgerlicher. Muss man sich so etwas schon vor dem Frühstück anhören?“ Ihr Morgenmantel floss an ihren Beinen hinunter. „Wenn du deine Katze besser erziehen würdest nicht.“ Ich hatte mich wieder im Griff. Ich konnte es schaffen. „Nenne Gracia doch nicht so abfällig Katze.“
„Es ist doch eine Katze.“
„Es ist auch ein Fisch.“ Sie dehnte es ungeheuerlich lange und das Wort Fisch sprach sie aus, als würde sie von Fischstäbchen sprechen. „Bitte werde jetzt nicht unsachlich.“ Ich musste mich abwenden und ich hatte diesen unkonzentrierten Moment. Fast fluchtartig verließ ich den Ort des Grauens, diese Villa am Stadtrand. Dabei stolperte ich über die Schwelle der Verandatür, tänzelte, griff noch nach der Markisenkurbel, aber auch die konnte meinen Fall nicht aufhalten. Ich schlug auf dem Waschbeton auf und bevor ich den körperlichen Schmerz spüren konnte, hörte ich das Klirren des Glases. Ich sah Watanabe in die traurigen Augen, dann schnappte ihn die Katze und verschwand unter der Buchsbaumhecke der Nachbarin. Dort biss sie ihm seinen wunderschönen rotgepunkteten Kopf vom Leib, kaute einige Male und ließ den Rest des armen Watanabe liegen.“

Mein Arzt wirkte aufgeregt. Er nestelte an seinem Rollkragen. Endlich musste auch er einsehen, dass es zuviel war. „Wie gehen Sie damit um?“
„Wir haben einen Modus gefunden.“ Haha, ich schlug ihn mit seinen eigenen Waffen. Mit diffusen Aussagen dem anderen vermitteln, man sei völlig Herr der Lage und dem anderen ebenso die Möglichkeit geben, zu denken, was ihm angenehm ist. „Sehr schön, das bringt doch alles auf den Punkt. Hatten sie noch einmal den Gedanken, den Sie zu Anfang der Therapie äußerten?“
„Meine Frau zu ermorden? Nein, darüber denke ich nicht mehr nach.“
„Gut, unsere Zeit ist zu Ende. Ich möchte Sie bitten die von Ihnen angeregte Therapiepause noch einmal zu überdenken. Sie sind jetzt in einer kritischen Phase, die natürlich auch große Chancen birgt, wenn man Sie zu nutzen weiß.“

Ich schwor mir, dieses Gesülze nie wieder anzuhören. Eigentlich hätte ich mir auch die heutige Sitzung sparen können, aber ich bin kein Mensch, der einfach verschwindet. Ich verabschiedete mich höflich und unverbindlich. Draußen auf der Straße atmete ich auf. Ich fühlte mich frei und trotz des schmerzlichen Verlustes von Yokomata Watanabe, wusste ich, die Zukunft stand mir offen. Ich setzte mich in meinen Wagen und fuhr zur Tierhandlung. Ich kaufte Fischfutter und ein Koi-Weibchen. Ich dachte nicht mehr daran, meine Frau umzubringen. Ich dachte überhaupt nicht mehr an meine Frau und auch die Haare der Katze würden niemals bis zur Teichoberfläche schwimmen. Ich hatte den Plastiksack gut verschnürt. Das Wurzelgeflecht der Seerosen würde bald darüber wuchern, über den kleinen Sack und den großen. Und auch die Hausschuhe würde ich niemals wieder sehen. Helma Kugele