



Er hat unser Bild von Stars und Mode geprägt wie kaum ein anderer: Der große Fotograf F. C. Gundlach, der ein genauso großer Erzähler ist, und aus dem Fundus eines 85-jährigen, bewegten Lebens schöpft.
PZ: Haben Sie je etwas anderes werden wollen als Fotograf?
F.C. Gundlach: Eigentlich nicht. Allerdings – man trifft im Leben ja manchmal Entscheidungen, bei denen man nicht sicher ist, ob sie richtig sind. Wenn ich heute mit jungen Leuten rede, dann sage ich denen immer: Drei Dinge sind für ihre Karriere wichtig. Das ist erstens Talent, zweitens Disziplin und Fleiß. Drittens ist das Fortune. Das ist vielleicht sogar das Wichtigste. Ich habe – das kann ich so sagen – Fortune gehabt.
PZ: Und wie äußerte sich diese spezielle Form von Glück in Ihrem Leben?
Ich gehöre ja noch der Generation Luftwaffenhelfer an. Ich habe den Schluss des Krieges miterlebt und war schwerst verletzt. Habe nicht geglaubt, dass ich überhaupt überleben würde. Mein Traum war, als ich mit 18 Jahren in einem französischen Kriegsgefangenen-Lazarett lag, 40 Jahre alt zu werden. In all diesem Chaos schien das eine Ewigkeit. Als ich dann 80 Jahre alt wurde, habe ich es eigentlich gar nicht gemerkt. Denn mein Leben hat sich substanziell nicht geändert. Und deshalb halte ich eine Rentendiskussion mit 67 für völligen Unsinn. Ich denke, dass man einem Menschen, wenn er arbeiten kann und will, das selbst überlassen muss. Ich muss mich heute manchmal selbst bremsen, weil ich zu viel mache. Nicht mit Absicht, aber im vergangenen Jahr habe ich beispielsweise acht Ausstellungen kuratiert und organisiert. Unter anderem in München, Nürnberg, Berlin, Wien, Beirut und Moskau. Die hatte dann den Titel „More than Fashion“.
PZ: „Mehr als Mode“ – umschreibt das nicht ziemlich exakt ihr Wirken als Fotograf?
Für mich war immer die Verbindung zur bildenden Kunst wichtig, zu der für mich übrigens auch die Fotografie gehört. Ich mache keinen Unterschied zwischen freier und angewandter Kunst. Denn wenn ein Bild, das einen kommerziellen Hintergrund hatte, auch nach 20 Jahren noch standhält, dann ist das einfach ein gutes Bild. Meine letzte Station im vergangenen Jahr war eine Finissage in Lissabon. Das war eine Ausstellung, die habe ich 1996 für das Institut für Auslandsbeziehungen gemacht. Sie wurde mit 54 Stationen die erfolgreichste Schau und ist 15Jahre lang gereist.
PZ: Welches waren für Sie die wichtigen Impulse, die ihre ganz eigene Art der Bild-Komposition und der Lichtführung beeinflusst haben?
Nach meiner Genesung von der Lungentuberkulose habe ich mich 1947 bei der Privaten Lehranstalt für Moderne Lichtbildkunst bei Rolf Nehrdich in Kassel beworben. Ich war purer Amateur. Als ich drei Monate eingeschrieben war – es war an meine Geburtstag – kam ein Mitarbeiter des Schulleiters zu mir und sagte: „Passt auf, du fliegst heute.“ Irgendwie ist mir an diesem Tag aber ein gutes Bild gelungen, und wurde Nehrdich schwankend. Zwdei Jahre später ging ich dann weg – mit der besten Prüfung von allen. Danach war ich Assistent anderem bei Ingeborg Hoppe in Stuttgart. Außerdem habe ich angefangen, bei der Funk-Illustrierten zu arbeiten. 1949 gab ja kein Fernsehen. Und ab 1951 bin ich dann sehr viel in Paris gewesen.
PZ: Was war das für eine Erfahrung für Sie?
Paris war eine andere Welt. Ich lernte dort einen Agenten kennen, der Fotografen vertrat. Der merkte dann recht schnell, dass meine Bilder interessant waren und publiziert wurden. Unter anderem in „Film und Frau“. Im Rückblick war das das erste Zeitgeist-Blatt. Ich habe beispielsweise ein Foto von Dieter Borsche mit drei Perrückenköpfen und dürren Ästen gemacht. Ein ganz surreales Bild, bei dem der Pariser Einfluss deutlich wird. Cocteau machte in dieser Zeit gerade „L`Orphée“. Und Sarte saß im Café de Flore um die Ecke. 1951 hatte ich dann meine erste Ausstellung in Saint-Germain-des-Prés. In einer winzigen Buchhandlung, die machte abends um 6 Uhr auf bis Mitternacht.
PZ: Wie wurden Sie dann Modefotograf?
Ich bin hin und wieder zum Verlag nach Hamburg gefahren. Und eines Tages hieß es dort, wir trauen Ihnen auch zu, Mode zu fotografieren. Da bin ich gleich wieder abgereist. Ich hatte keine Lust und auch keine Ausrüstung. Doch dann hat „Film und Frau“ 1953 die bekannte Schauspielerin Ruth Leuwerik drei Tage lang für mich engagiert. Das war meine erste Mode-Reportage. Und gleich mit Aufnahmen im Pelz. Das ist das Ychwerste, was es überhaupt gibt. Nur wusste ich das damals nicht.
PZ: Sie haben in diesen Jahren häufig Stars fotografiert?
Ja, zum Beispiel 1953 Simone Signoret und Ives Montand. Da sollte ich eine Homestory machen über das frisch verheiratete Paar. Doch das ging überhaupt nicht. Die beiden lebten in einer Hinterhofwohnung in der Île Saint-Louis. Ich habe sie dann gebeten, nach draußen zu kommen. Und da war das Licht dann wie auf einer Bühne, kam ganz von oben. Dieses Foto wird immer überleben, auch wenn man gar nicht mehr weiß, wer die beiden waren. Es zeigt einfach ein glückliches, junges Paar.
PZ: Da gibt es sicher viele Erinnerungen?
Jedes Bild hat eine Geschichte, wenn Sie so wollen. 1960 waren wir eingeladen zum Karneval nach Estoril. Curt Jürgens war einer der Ehrengäste. Da entstand dann ein Foto, für das er so richtig den Helden mimt. Plötzlich sehe ich im Sucher, dass seine damalige Frau Simone sich über ihn lustig macht. Und ich habe auf den Auslöser gedrückt. Oder Jean-Luc Godard. Heute einer der größten Regisseure überhaupt. Der führte 1960 in Berlin gerade seinen ersten Film „Außer Atem“ vor. Er kam in meini Atelier in Begleitung eines jungen Burschen, der dauernd diese verdammten Zigaretten rauchte. Godard kam herein und ich habe ihn gebeten, die Sonnenbrille abzunehmen. „Nein“, sagte er, „das geht gar nicht. Das ist mein Markenzeichen“. Und gleich war die Atmosphäre ganz schlecht. Ich hatte gerade Mode fotografiert vor einer weißen Wand und mit einem Dienerstuhl, auf dem man überhaupt nicht sitzen kann. Ich sagte: „Bitte nehmen Sie Platz“. Er grinst mich an und begriff, dass wir die Rollen getauscht hatten. Ich war der Regisseur und er das Objekt. Und den Knaben, den er bei sich hatte, der hieß Belmondo. Jean-Paul Belmondo.
PZ: Gab es auch deutsche Stars vor Ihrer Kamera?
Ach ja, Romy Schneider, die war oft so unsicher, machte immer viele Faxen. Als ich sie fotografierte, hatte sie gerade die „Lysistrata“ in der Regie Fritz Kortner für das Fernsehen gedreht. Doch der Film wurde nicht gesendet. In dem Moment traf ich sie wieder. In Hamburg 1961. Ich habe sie im Hotel Atlantic abgeholt, es war ein Sonntag und regnerisches Wetter. Wir fuhren in mein Atelier und machten Fotos. Am Anfang machte sie noch diese Faxen, aber dann war die Intimität da. Es gab keinen Friseur, kein Make-up. Sie hat sich selbst ein wenig zurecht gemacht. Und auf diesen Fotos sieht man erstaunlicherweise schon das ganze Schicksal, das diese Frau erleiden wird. Das war an diesem Tag nicht Romy Schneider vor der Kamera, das war Rosemarie Albach.
PZ: Wie beurteilen Sie, was heute in der Modefotografie passiert, , wie beispielsweise Casting-Shows wie die von Heidi Klum ablaufen?
Model-Sein, das ist eigentlich ein Geschenk. Man muss schön sein, wird von einem Moment zum anderen in eine Welt katapultiert, der man vielleicht auch mental nicht immer gewachsen ist. Das habe ich oft bei den ganz jungen Models erlebt. Die wurden zurecht gemacht, ich habe mit ihnen gearbeitet und plötzlich kam ein Piepsstimmchen raus. Ich habe vor kurzem schon in einem Interview gesagt, ich finde es empörend, wie Frau Klum mit den Mädchen umgeht. Es ist verletzend, was sie da tut. Und ich habe noch kein großes Model gesehen, das aus dieser Show herauskam. Sandra Pfäfflin
Autor: Sandra Pfäfflin





Das lesen Abonnenten am Donnerstag exklusiv in Ihrer "Pforzheimer Zeitung":