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Nach langem Kampf können sich Sigismondo (Margarita Gritskova, rechts) und Aldimira (Maria Aleida) endlich lieben.  Foto: Pfeiffer
Nach langem Kampf können sich Sigismondo (Margarita Gritskova, rechts) und Aldimira (Maria Aleida) endlich lieben. Foto: Pfeiffer
Gefangen in der Spiegelwelt: Marcell  Bakonyi als Zenovito. Foto: Pfeiffer
Gefangen in der Spiegelwelt: Marcell Bakonyi als Zenovito. Foto: Pfeiffer
15.07.2016

Hinter dem Wahnsinn steckt bloß Liebe: „Sigismondo“ bei „Rossini in Wildbad“

Die Oper „Sigismondo“ wurde bei „Rossini in Wildbad“ aufgeführt. Das Werk war lange Zeit vergessen – und wird seit kurzem wiederentdeckt.

Sigismondo ist verwirrt. Den Polenkönig quälen Wahnvorstellungen. Immer wieder ist es seine Frau Aldimira, die ihm als Geist erscheint. Und ihn plagen Schuldgefühle. Denn die Ehefrau hat er vor Jahren den Henkern überantwortet. Obwohl ihre Schuld noch gar nicht feststand. Wie soll er leben mit der Bürde? So recht kann er es nicht.

In Gioachino Rossinis „Sigismondo“ zieht sich des Königs Wahnsinn hinein in jedes seiner Worte. Da ist kaum ein ganzer Satz – mehr Aufschrei, Fetzen, wirrer Wahn. Ebenso wirr muss die Geschichte dem Uraufführungspublikum erschienen sein. 1814 premiert die Oper im berühmten Teatro la Fenice in Venedig, fällt durch – und wird vergessen.

Teils unklare Geschichte

Die Aufführung 1995 bei „Rossini in Wildbad“ war wohl die erste Aufführung außerhalb Italiens. Jetzt hat sich Intendant und Regisseur Jochen Schönleber das Werk noch einmal vorgenommen. Was lässt sich entdecken? Da ist diese Geschichte, die am Anfang, im ersten Akt über weite Teile unklar bleibt und sich in Assoziationen genügt. Da ist aber auch die Handlung, die im zweiten Akt an Präsenz gewinnt, weil sie sich hier auf einen sehr rührenden Konflikt besinnt. Denn Aldimira war nie tot – nur im Wald versteckt von Zenovito. Jetzt kommt sie zurück an den Hof. Liebt sie Sigismondo noch und kann ihm verzeihen? Natürlich. Das lieto fine nach rund zweieinhalb Stunden Spielzeit löst den Konflikt in konventionelles Wohlgefallen auf. Der Weg dahin aber ist mit Freude zu betrachten. Und das geht aufs Konto der Musik.

Was ist das für eine Entwicklung, die der Komponist genommen hat seit seinen Anfängen. Rossini ist mit seinen 22 Jahren zwar immer noch jung – ein Anfänger ist er nicht mehr. Er hat sich eine eigene Klangwelt erdacht für die sinistere Oper, die in einem Niemandsland spielt. Denn Polen wird so oft gespalten und bedrängt, dass es zur Entstehungszeit einfach gar nicht mehr besteht. Es eignet sich perfekt – wie Jahrzehnte später in Alfred Jarrys „Ubu Roi“ – als Land der verrückten Könige. Sigismondos Wahn aber ist angenehmer zu ertragen. Denn er wird Musik. Und was für welche.

Margarita Gritskova – seit zwei Jahren so etwas wie Stammgast in Wildbad – zeigt einen König von arenenfüllender Präsenz. Da gibt es diesen einen Moment im ersten Akt, wo Gritskova auf den lautesten Ausbruch ein pianissimo von atemberaubender Sanftheit folgen lässt, das auch so leise noch durch die gutbesuchte Trinkhalle dringt. Ihre Wucht ist eine Macht, nutzt sich aber leider in manchen Stellen des zweiten Aktes ab zur Attitüde.

Sigismondos Gegenspieler ist Ladislao (Kenneth Tarver). Er hat die Intrige angezettelt, die Aldimira scheinbar aufs Schafott bringt – und fürchtet sich jetzt vor der Enttarnung. Am Ende wird er selbst im Kerker landen. Bis dahin ist es sein warmer, so lebendiger Tenor, der auch Verschwörungen glauben macht. Aldimira wird im ganzen souverän von Maria Aleida verkörpert, obwohl man mit ihr doch um manchen Ton zittern muss. In der Doppeltrolle von Zenovito (gut) und Ulderico (böse) glänzt Marcell Bakonyi mit charaktervollem Bass.

Schönlebers Inszenierung hat sich den Spiegel als Leitsymbol ausgesucht. Auf der immer etwas halbprofessionell wirkenden Bühne der Trinkhalle stehen sie in stetiger Wandlung herum, mal spiegelnd, mal durchlässig. Kann Sigismondo zwischen Trug und Wahrheit unterscheiden, soll das andeuten. Diese Bilderwelt ist kein großer Wurf aber doch von einer gewissen Poesie, die durch die fantasy-artigen Kostüme (Claudia Möbius) verstärkt wird. Das tut keinem weh und fügt sich in der Verbindung mit der lebendigen Personenregie zu einem doch angenehmen Gesamtkonzept.

Die Virtuisi Brunenses unter Antonino Fogliani zeigen eine starke Vorstellung und kosten die farbige Holzbläserwelt der teils wunderbaren, auch humorvollen Partitur saftig aus.