

Ein Gymnasium wird zur Nervenheilanstalt und Zürich mal kurzerhand an den Bodensee verlegt. Schuld daran ist Isis Hager. Die 51-Jährige arbeitet als Locationscout, wie es die Branche nennt, und hat neben den Drehorten für zahlreiche Folgen des Bodensee-„Tatorts“ auch die Kulissen für die Verfilmung „Ein fliehendes Pferd“ nach dem Roman von Martin Walser gefunden.
Besonders stolz ist sie auf den Kinofilm „Eine dunkle Begierde“ mit Hollywood-Star Keira Knightley und dem in Mönsheim lebenden Schauspieler Andrea Magro, der zum großen Teil am Bodensee gedreht wurde. Dank Hager. Laut Drehbuch spielt der Film über Sigmund Freud und Carl Gustav Jung, die Väter der Psychoanalyse, hauptsächlich in Zürich. Doch Regisseur David Cronenberg sei schnell klar geworden, dass die Region am Zürichsee viel zu zersiedelt sei, sagt Hager. Auf der Suche nach einer Alternative für Jungs Nervenklinik wurde sie mit dem Konstanzer Humboldt-Gymnasium fündig. „Die Fassade hat absolut gepasst.“ Auch das Wohnhaus der Hysterikerin Sabina Spielrein (Knightley), Jungs Patientin und Geliebte, liegt nicht in Zürich, sondern in der Konstanzer Seestraße – und ist ein bekanntes Postkartenmotiv.
Für ihre Arbeit braucht Hager nicht nur ein gutes Auge – und Kenntnis von Stilen und Epochen – sondern auch viel Geduld und Verhandlungsgeschick. Tagelang schipperte die Innenarchitektin mit Fotoapparat über den See, bis sie in Allensbach den perfekten Ort für Jungs Wohnhaus fand.
Ist der Regisseur erst einmal begeistert, muss Hager allerdings noch die Bewohner überzeugen. Schließlich will nicht jeder eine 120-köpfige Filmcrew durch den Garten trampeln lassen. In Überlingen, wo eine Zürcher Altstadt-Szene gedreht wurde, mussten die Bewohner eines Gässchens alle Briefkästen abmontieren. „Das ist schon eine Belastung“, weiß Hager. Zu ihren Aufgaben gehört es, Aufwandsentschädigungen vertraglich zu regeln. Das Honorar wird frei verhandelt. „Das ist ein Geschäft“, sagt Hager. Als Richtwert für die Überlassung von Privatwohnungen gilt laut Bundesverband Locationscouts eine Monats-Kaltmiete pro Drehtag.
Locationscouts sind gefragt. „Der Bedarf an Leuten vor Ort steigt“, sagt Uwe Rosentreter von der Filmförderung Baden-Württemberg (MFG). Zudem wurden die Fördermittel der MFG von zehn auf 15 Millionen Euro erhöht. „Filmförderung ist auch Wirtschaftsförderung“, erklärt Rosentreter. „Die Produktionen gehen dort hin, wo es Geld gibt.“ Das Konzept scheint aufzugehen: Hager von der Film Commission Bodensee-Oberschwaben vermeldet einen Boom. Seit den Heimatfilmen in den 50er- und 60er-Jahren wurde am Bodensee nicht mehr so viel gedreht. „Für die Region ist das eine unbezahlbare Publicity.“
Autor: Kerstin Conz





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