

James Sutherlands neues Ballett „Boléro-Extase“ verwandelt Grenzerfahrungen in be-wegte Lebens-Bilder und bedient hinreißend schön einen archaischen Dreiklang: Tanz, Rausch und Musik. Mit hohem technischen Aufwand geschaffenes Bühnenraumambiente und ästhetisch fein ausgewählte Kostüme (Verena Hemmerlein) sowie eine originelle Lichtregie (Peter Halbsgut) sorgen für stimmige Optik.Jubel im ausverkauften Großen Haus des Pforzheimer Theaters.
Kunstvoll gefügt ist die von der Badischen Philharmonie (Leitung: Tobias Leppert) für das tänzerische Geschäft mit notwendiger Punktgenauigkeit interpretierte musikalische Basis – samt eingebundenem Countertenor (Daniel Lager) in den Barockmusiken.
Die wirkungsmächtige Tanzausgestaltung der ersten vier Szenen, in denen auch moderne (angloamerikanische) Kompositionen zum Zuge kommen, entfacht Glücksmomente. Kultisch entfaltet sich das „Kleine Requiem“ Góreckis. Zuletzt tänzerisch wild gesteigert und mit Witz abgeschlossen Ravels ekstatisch-genialer Rhythmus-Schmachtfetzen. Premiere-Jubel von 507 Plätzen im ausverkauften Pforzheimer Theater.
Mit motorisch kleinteilig gezackten Bewegungen begrüßen einige Tanzakteure zu Beginn des Reigens das gleichförmig klangmalerische Musikgeflirre aus John Adams „Shaker Loops“ – zappelnde Gliedmaßen, hochschnellende Arme, hohes Tempo. „Nobil Onda“ von Antonio Porpora und anschließend Antonio Vivaldis „Cum dederit“ rücken tänzerisch umspielten und gleichzeitig in die Bewegungsszenarien hineingezogenen Falsett-Gesang ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Etwas gewöhnungsbedürftig die artifiziellen Koloraturen zu einzelkämpferischen Tanzaktionen im ersten Stück, lyrisch klangschön zu geschmeidigen Paartänzen im zweiten. Vaugham Williams sinfoni-scher Orchestersatz löst im folgenden Bild zur abhebenden und sich wieder senkenden Bühne, zu gleißendem Licht und Nebelbänken abwechselnd helle und dämmrige Tanztableaus aus wobei die Protagonisten in graustufig getönten, körperengen langen Hosen oder kurzen Röckchen und T-Shirts aus seidigem Jersey sehr ansehnlich zu Gange sind.
Zu Góreckis Trauermusik ist der Tanz meditativ ausgelegt, besonders der stimmungsvoll gleitende Pas de deux mit Elsa Genova und Cornelius Mickel. Hier tragen alle Tänzer(innen) seitlich ge-schlitzte, bordeauxrote lange Röcke, was ihnen das Aussehen liturgisch feiernder Derwische ver-leiht. Eine viereckige, schräg aufgehängte Bühnenbild-Ikone im Hintergrund, die Kasimir Male-witschs legendäres „Schwarzes Quadrat“ assoziiert, befreit zitathaft alle Kunst vom Gewicht der Dinge. Sutherlands Credo, dass die Zuschauer im Ballett ein Gefühl für psychische Konstellationen der vorgestellten Personen entwickeln sollen, und zwar in deren individuell besonderen Körper- und Bewegungssprache, feiert in seiner Choreographie von Ravels „Boléro“ einen Triumph. In den Lichtkegeln niedrig gehängter, zuweilen schwankender Scheinwerfer agiert das gesamte Ensemble – meist ein Tänzer allein, dann zwei oder drei, schließlich alle gemeinsam.
Zum zunehmend intensiven und schwülen Rhythmusgedöns räkeln, schlängeln und winden sich die Akteure in ihrem jeweils eigenen Spotlight. Sie spreizen und dehnen Arme und Beine mit großem Verlangen am Boden liegend; sie verwinkeln sich in der Taille oder biegen kauernd mit großer Lust Gesäß und Becken seitlich oder spannungsgeladen vor und zurück.
Dabei wirken die fließend verbundenen Bewegungsbündel der Männer und Mädchen (in teils freizügigen Dessous)unerhört sinnlich, weich und lasziv. Die fällige Ernüchterung erfolgt beim letzten, abrupt verlöschenden, aber für einen Moment vom Orchester festgehaltenen schrillen Aufbäumen der Musik – explosiv im wörtlichen Sinn unter der kalten Dusche. Solch befreiende Auflösung einer Ekstase hat man noch selten erlebt.
Das Ballett „Boléro –Extase“ ist im Februar am 7. und 8. (jeweils 20 Uhr) sowie am 26. Februar um 15 Uhr im großen Haus zu sehen.
Autor: Eckehard Uhlig





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