



PFORZHEIM. „Zuckerschlecken“ nennt Alfred Mittermeier sein Kabarett-Programm, mit dem er im Kulturhaus Osterfeld in Pforzheim auftrat. Bei seinem unglaublichen Gespür für die feinen Abgründe der Sprache scheinen Mittermeier die Pointen tatsächlich zuzufallen wie überreife süße Früchte, die vom Baum fallen.
Wahrlich kein Zuckerschlecken aber ist das für denjenigen, der von ihm aufs Korn genommen wird. So tief sitzen die Treffer, dass auch der Zuhörer, der sich mit Mittermeier einig weiß, manchmal unwillkürlich nach Luft schnappen muss.
Wenn Mittermeier die Bühne betritt, gewahrt man einen schlanken graumelierten Herrn in den besten Jahren, der jovial das Publikum begrüßt und eine freundliche Unterhaltung beginnt, als sei er der nette Nachbar, den man sich immer gewünscht hat. Sofort entsteht ein entspannter Kontakt zwischen Künstler und Publikum. Doch dann geht es los. Was beinahe harmlos anzufangen scheint mit einer Betrachtung von Begrüßungsritualen im Wandel der Zeiten, erweist sich bald als hochgradig gefährlich. Mittermeier kennt kein Pardon. Ein gezielter Schuss folgt dem anderen, der mitten in die Eingeweide zu treffen scheint, bissig, scharfsinnig analysierend, hoffnungslos gemein; – alles, nur niemals bier-ernst.
Das muss erst einmal jemand nachmachen, in einer derartig dichten Folge ins Schwarze zu treffen, ob es z.B. um Kinderschwund oder die Überalterung der Gesellschaft geht, („Deutschland, Deutschland über-altert“), Übergewicht, Pisa, Steuerwesen, Einbürgerung, Finanzkrise, Intim-Piercing, Männer am Pissoir oder das Ave Maria. Kein einziger Schuss geht verloren, von sparsam eingesetzter Mimik und Gesten in das Ziel begleitet.
Am besten jedoch ist Mittermeier, wenn er eine längere Geschichte entwickelt, wie die seiner schweren Kindheit: die Mutter professionelle Sängerin, die zu Hause übt, – die Entwicklung von Mittermeiers bösem Humor wird so begreiflich. Der bekennende Bayer widmet auch seiner Heimat viel Aufmerksamkeit, bewegend seine immer noch andauernde Trauer über das Ausscheiden des „renommierten Kollegen“, Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber. Wenn dann ein 63-Jähriger nach einem 65-Jährigen einen Neuanfang schaffen soll, kann das laut Mittermeier ja nicht gutgehen. Aber auch unserem Ländle bietet Mittermeier freimütig ideelle Hilfe an. Sollte man einen Wechsel an der Spitze wünschen, empfiehlt er eine gewisse bayerische Expertin für überfällige Ministerpräsidenten.
In großen Bögen entfaltet Mittermeier im zweiten Teil des Programms seine Themen. Mit sich steigernder politischer Schärfe reihen sich die mit informativen Details unterfütterten Knalleffekte zu einem überspannenden Leuchtfeuer geistvollen Humors.
Wer schlafende Gehirnwindungen mal wieder so richtig zum Leben erwecken will, dem kann man keine angenehmere und anregendere Methode hierfür empfehlen, als Alfred Mittermeiers Vorstellungen zu besuchen. Ruth Wolfstieg





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