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14.10.2009

Kunstfehler

Von weit her dringt ein Pfeifen oder ein Zwitschern bis in die Tiefen meines Bewusstseins. Diese Geräusche holen mich jäh aus meinem Traumzustand und im Halbschlaf realisiere ich, dass ich Vögel singen höre. Mitten in der Stadt Vögel? Gewohnt bin ich Autolärm, klappernde Mülltonnen oder das Hämmern von Baustellen. Ich zwinge mich, zu mir zu kommen. Meine Lider sind schwer wie Blei und ich kann sie nur unter Qualen öffnen. Was ich sehe, oder zu erkennen glaube, nehme ich verschwommen und schemenhaft wahr, kann es jedoch nicht zuordnen, es ergibt keinen Sinn. Mauern, Steine, Erde, über mir – Wald. Ich friere in der Morgendämmerung. Mein ganzer Leib zittert und liegt matt und kraftlos auf dem Rücken im Gras. Es bereitet mir Mühe, mich auf meinen Unterarmen abzustützen. Überall befinden sich niedrige Steinmauern. Tau benetzt das Gras. Rings um mich herum, dichter Wald. Ich schlottere erbärmlich und erkenne, ich bin splitternackt. Völlig entblößt sitze ich zwischen Ruinen. Verwirrt und voller Angst suche ich mit Blicken die Umgebung ab. Ich bin allein und versuche mich zu erinnern. Das Letzte, das ich mir ins Gedächtnis rufen kann, ist das Begräbnis meines Studienfreundes. Ich war nach Pforzheim gekommen, um Rudi im Krankenhaus zu besuchen, der eine Leistenbruchoperation hatte durchführen lassen. Zwei Tage nach der Routine-Operation traf ich ihn in einem so desolaten Zustand an, dass ich kurzer Hand beschloss, einige weitere Tage in der Goldstadt zu bleiben. Rudi hatte kaum jemanden sonst. Ich kam in seiner Wohnung unter und besuchte meinen Freund mehrmals am Tag. Doch was ich am Krankenbett antraf, war von Mal zu Mal jämmerlicher. Schließlich sein Tod und die Bestattung. An die Zeit danach habe ich keinerlei Erinnerung. Rudi – der Besuch – also bin ich vermutlich nicht daheim, in Bielefeld, sondern in Pforzheim.

Meinem Körper ist alle Kraft entwichen. Wenigstens tut mir nichts weh und außer ein paar harmlosen Kratzern scheine ich unversehrt zu sein. Dennoch fühle ich mich, als ob ich überfahren worden wäre. Vergewaltigung, denke ich und erstarre. Zutiefst erschüttert überwinde ich meine Bestürzung und beuge mich über meine Scham. Keine äußeren Anzeichen einer solchen Schmach und da ich auch keine Schmerzen spüre, lehne ich mich erleichtert zurück. Dabei entdecke ich, wie beiläufig, an der linken Armbeuge einen kaum merklichen blauen Fleck. Ich muss mich an dem Gemäuer gestoßen haben oder an irgendeinem Zweig gestreift sein. Wenn mir bloß einfiele, wie ich hier mitten in den Wald gekommen bin. Um mich selbst zu beruhigen wiederhole ich immer und immer wieder, wie ein Mantra: „Mein Name ist Wanda Jung. Ich bin 31 Jahre alt, habe Kunst und Design studiert und bin nicht verrückt. Mein Name ist Wanda.“ Mein Kunstinteresse! Die Mauern um mich herum könnten die Grundmauern der Römischen Ruinen im Kanzlerwald sein. Vielleicht wollte ich mir diese ansehen? Aber nackt? Und weshalb fühle ich mich so schlapp?

Schließlich schaffe ich es, meine Angst zu überwinden und mich aus meiner Lethargie zu lösen. Ich beschließe, mir erst einmal aus dieser Lage zu helfen, bevor ich mir weitere Gedanken über die vergangene Nacht machen würde und ich reiße mich zusammen und schaffe es, mich auf wackligen Beinen zu halten. Schritt für Schritt trotte ich los, wohin, weiß ich selbst nicht genau. Es geht bergauf, quer durch den Wald. Als es schon mehr Tag als Nacht ist, nähere ich mich dem Waldrand und erkenne die ersten Häuser. Im Hintergrund heben sich, garstig und monoton, Hochhäuser ab. Ich habe das Stadtgebiet Haidach erreicht und bin also tatsächlich in Pforzheim. In einem verbeulten Müllcontainer hinter einem Schulgebäude wühle ich und finde eine dunkelgraue Folie, die groß genug ist, um mich darin einzuwickeln. So kann ich mich durch den Stadtverkehr wagen. Trotzdem meide ich die belebteren Hauptstraßen, überquere diese nur, wenn unbedingt nötig, und komme bei Sonnenschein am Südstadthang an. Die Wenigen, die mir begegnet sind, mussten mich für eine Obdachlose halten und kümmerten sich nicht weiter um mich. Vor einem Mehrfamilienhaus bleibe ich stehen. Hier lebt Rudis Kumpel, Chris. Rudi lernte ich während des Kunststudiums an der Fachhochschule für Gestaltung kennen. Ich besuchte ihn seither regelmäßig und genauso regelmäßig war Chris während dieser Besuche bei Rudi aufgetaucht. Ich mag Chris und finde ihn überaus attraktiv. Er ist, genau genommen, mein Typ. Ein Hüne mit dunklem Haar, einer markanten Nase und schmalen Hüften. Chris lacht viel, ist sehr kommunikativ und fährt einen richtig schicken Sportwagen. Dennoch hat es zwischen uns bislang noch nicht gefunkt.

Chris öffnet die Haustür erst, nachdem ich zum dritten Mal Sturm geklingelt habe. Sein verschlafenes Gesicht entgleist ihm binnen Bruchteilen von Sekunden und drückt eine Mischung von Bestürzung, Ungläubigkeit und Betroffenheit aus. „Wanda?! … Wie kommst du … ich meine … ähm … was … Komm erst mal rein.“ Forsch folge ich Chris Aufforderung und verlange ohne Umschweife: „Bitte gib mir zuerst Kleidung, dann einen starken Kaffee und danach eine Erklärung.“ Er erfüllt meine Wünsche, bis auf die Erklärung. „Chris, ich flehe dich an, sag mir, was ich nach Rudis Beerdigung getan habe? Ab da ist alles weg!“, beschwöre ich ihn in einem Anflug von Panik.

Chris, der offensichtlich seine Fassung wiedergefunden hat, legt beruhigend seinen Arm um meine Schulter: „Du warst sehr traurig und wolltest sofort die Stadt verlassen. Deshalb habe ich dich gestern selbst zum Bahnhof begleitet, nachdem du deine Sachen aus Rudis Wohnung geholt hattest.“ Ich sehe ihn ungläubig an. Wieso versucht er mir etwas Offensichtliches in Abrede zu stellen? Und ich protestiere: „Aber nein. Ich bin hier, das siehst du doch.“ Gelassen, fast liebevoll, streicht Chris mir eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht, die jetzt wie eine Antenne nach oben hin absteht. In den viel zu großen Klamotten von Chris komme ich mir wie eine blonde Momo vor. Und genau, wie Michael Endes Momo, suche ich nach verlorengegangener Zeit. „Das alles macht mir Angst!“, vertraue ich mich Chris an. „Ich möchte in Rudis Wohnung, ich muss mich davon überzeugen, dass ich tatsächlich abgereist bin.“

Chris hat den Schlüssel zu Rudis Altstadt-Wohnung im Norden Pforzheims. Nichts von meinen Sachen ist mehr hier. Ratlos sehe ich Chris an. „Keine Sorge, Wanda. Das geht vorbei. Bleib die nächsten Tage bei mir, bis du dich wieder erinnerst.“ Geneigt dazu, seine Offerte anzunehmen, entdecke ich beim Verlassen der Wohnung, etwas Eigenartiges, das mich stutzig macht und mir Unbehagen bereitet. Ich habe einen Tick. Ich würde niemals eine Wohnung, auch keine fremde, für längere Zeit verlassen, ohne sämtliche Stecker aus den Steckdosen zu ziehen. Rudis Stehlampe im Flur ist eingesteckt. CD-Player und Fernsehgerät im Wohnzimmer ebenfalls. Hier stimmt etwas nicht.

„Bist du seit meiner Abreise noch einmal hier gewesen?“
„Wieso sollte ich?“
„Nur so!“, sage ich arglos, doch böse Ahnungen legen sich wie mysteriöse Schatten über mich. Ich hätte die Stecker gezogen. Entweder Chris lügt mir meine Abreise doch vor, oder er war nach mir hier und hatte die Geräte wieder angeschlossen. Aber warum, was sollte das Ganze? Meine Intuition schaltet sich ein und verlangt nach Sicherheit, denn ich spüre, von Pforzheim geht Gefahr für mich aus. Auch, wenn ich noch nicht weiß weshalb.
„Kannst du mir etwas Geld borgen und mich nochmals zum Bahnhof bringen? Ich möchte heim.“
„Du bist noch sehr durcheinander und …“ Ich bitte ihn inständig: „Bitte sei mir nicht böse, ich möchte einfach nach Hause.“

Als Chris mit Widerwillen seine Brieftasche zückt, startet er einen weiteren Versuch mich zurückzuhalten. Schließlich fährt er mich aber doch zum Bahnhof und lässt mich dort einfach aussteigen, weil kein Parkplatz mehr frei ist. „Melde dich, wenn du angekommen bist, ja? Und gib acht auf dich!“ Ich nicke, winke ihm zu und gehe zum Fahrkartenautomaten. Dort kommt mir ein Gedanke. Vielleicht ist es beim ersten Mal ja genauso gewesen. Chris hatte mich zum Bahnhof gebracht und es gab keinen Parkplatz. Aus irgendeinem Grund musste ich es mir anders überlegt haben und bin dann nicht nach Hause gefahren. Was hat mich wohl dazu bewogen und wo ist meine Reisetasche? Wie bin ich nackt und betäubt in den Römischen Ruinen gelandet?

In diesem Moment fallen mir zwei Polizisten auf, die die Treppe zu den Bahnsteigen heraufkommen und dann die langgezogene Bahnhofshalle auf kurzem Weg durch den Haupteingang verlassen. Einem Impuls folgend, hefte ich mich an ihre Fersen, quere die Straße und laufe ihnen in Richtung Polizei-Revier nach. Ich muss unbedingt meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Die vorbeiziehende Landschaft registriere ich, vor Wut und Enttäuschung, nur beiläufig. Wie das Rattern der Bahn wiederholt sich in meinem Kopf mein „Verhör“ auf dem Polizei-Revier. Kommissar Fichtner hat mir zwar aufmerksam zugehört, mich ausgefragt, eifrig Notizen gemacht und sich sogar in meiner Abwesenheit eine Ewigkeit mit einem Kollegen beraten, (weshalb ich den ersten Zug nach Bielefeld verpasste), nur um mir dann zu verkündigen, dass man da nichts machen könne. Schließlich wäre ich unverletzt und mein bloßes, ungutes Gefühl, sei keine Rechtsgrundlage für polizeiliche Ermittlungen. Auch nackt im Kanzlerwald zu wandern, wäre zwar ungewöhnlich, aber grundsätzlich nicht verboten. Und wer weiß, von welcher Party ich gekommen sei. Voll Empörung verließ ich das Revier. Eine solche Frechheit musste ich mir nicht bieten lassen.

An den Blicken der Mitreisenden bemerke ich, dass ich meinen Unmut ohne Hemmungen hinausschnaube. Eine dumme Angewohnheit von mir. Und im selben Moment ist er mir zum ersten Mal aufgefallen. Der muskulöse Typ in Jeans und khakifarbener Jacke, der ebenfalls durch mein Schnauben auf mich aufmerksam geworden ist. Er bemüht sich, schnell wieder wegzusehen, als ob ich ihn nicht bemerken sollte. Narben verleihen seinem Gesicht etwas Furchteinflößendes. Wirres, halblanges Haar, düstere Augen. Ein Glück, er geht in den nächsten Waggon. In Bielefeld verlasse ich nach einer zermürbenden Zugfahrt die Bahn. Ich kann die Bilder von heute Morgen nicht abschütteln. Immer wieder tauchen sie auf und verlangen nach Erklärung, fingern nach mir, bis mein Verdrängungsmechanismus es schafft sie ins Unterbewusstsein zu befördern. Als ob ich den Erinnerungen so entfliehen könnte, hetze ich durch den Bahnhof zum Taxistand. Beim Abfahren des Taxis entdecke ich im Augenwinkel einen khakifarbenen Ärmel, der ebenfalls ein Taxi herbeiwinkt. Seine Bahnfahrt ist hier also auch zu Ende. Was auch immer er in Bielefeld treibt. Mich geht das nichts an. Vor meiner Wohnung im Zentrum stelle ich fest, dass Chris Geld nicht ausreicht, um damit auch die Taxifahrt zu bezahlen. Deshalb haste ich schnell die Treppen hoch zu meiner Wohnung im dritten Stock, spurte zurück zum Taxi und entdecke ihn auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Khakijacke betrachtet das Schaufenster eines Elektrogeschäftes und verschwindet mit meinem Erscheinen um die nächste Hausecke. Zufall?

In meiner Wohnung findet sich meine Reisetasche nicht. Ich bin also nicht zurück gewesen und Chris hat sich – getäuscht?! Es muss einen Grund geben, weshalb ich in Pforzheim geblieben bin. Was weiß Chris wirklich darüber? Etwas hat meinem Unterbewusstsein so viel Unbehagen bereitet, dass ich heute Hals über Kopf flüchtete, ohne der Sache auf den Grund zu gehen. Das ist gar nicht meine Art. Was ängstigt mich so? Wovor schützt mich diese Amnesie? Selbst hier in vertrauter Umgebung fühle ich mich nicht mehr wohl. Der finstere Typ in der Khakijacke ist daran nicht ganz unschuldig. Erschöpft von den Vorfällen des Tages falle ich in einen unruhigen Schlaf. Im Traum liege ich auf einer harten, kalten Unterfläche und bin bedeckt mit einem grünen Tuch. Ich kann nichts sehen und werde durch lange Gänge geschoben, es ruckelt, und ab und zu eckt mein fahrbarer Untersatz unsanft an. Einem Echo ähnlich, höre ich Chris rufen: „Da mach ich nicht mit! Ich mach ab jetzt nicht mehr mit!“

Kommissar Fichtner hebt das Tuch an. Sein Gesicht, eine Fratze. Er sagt zu mir: „Wer weiß schon, auf welche Party sie sich hier eingelassen haben?“ Höhnisch lachend zieht er an einem Schlauch, der in meine linke Arm-Vene führt. Danach sieht Khakijacke unter das Tuch, schnaubt mir entgegen und hält, wie ein Pfarrer, seine Hände über mein Haupt. Als der Morgen dämmert, sitze ich schweißgebadet im Bett und versuche in die Wirklichkeit aufzutauchen. Gestern früh, im Kanzlerwald, dämmerte es auch. Oder habe ich das alles ebenfalls nur geträumt? Am linken Arm, der blaue Fleck. Er ist noch da. Der Beweis für nur einen Albtraum. Was ich Gestern erlebt habe, ist real.

Oh mein Gott, ich muss auf andere Gedanken kommen. Ich muss zurück in meine Normalität finden. Hätte ich nur nie diesen Krankenbesuch in Pforzheim gemacht. Ich werde im Café der Kunsthalle frühstücken und danach ankündigen, dass ich morgen wieder zur Arbeit komme. Für mich ein Schritt zurück in die Gewohnheit. Das wird mir bestimmt guttun und ich mache mich auf den Weg. Bevor ich das Café im Gebäude für zeitgenössische Kunst betrete, statte ich „dem Denker“ von August Rodin meinen Besuch ab. Es zieht mich immer dann magisch zu ihm, wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß, oder wenn ich Probleme habe. Bei ihm finde ich Ruhe. „Worüber denkt dieser Muskelprotz wohl nach? Ob er immer Antworten auf seine Fragen findet? Sein Kinn stützt er auf seine Faust, sein Blick verliert sich im Nichts, im Großstadtrummel…“

Stadteinwärts bemerke ich die Sirene eines Krankenwagens. Dieser Ton fährt mir in die Glieder, es lässt meinen Körper erstarren, meine Gedanken wirbeln und erlaubt meinem Geist flüchtige Einblicke. Grüne Tücher, wie im Traum, wie in einem Krankenhaus. Ein Schlauch, eine Infusion, mein blauer Fleck. Rudi starb im Krankenhaus. Ich war bei Rudi, Chris, Pforzheim. Mir wird schwindelig von diesem Durcheinander. Taumelnd lasse ich „den Denker“ stehen, betrete das Kunstgebäude aus rotem Sandstein und bestelle mir im Café einen doppelten Espresso, ein Glas Wasser und ein Croissant. Nur langsam beruhigt sich mein Pulsschlag und schnellt, bevor ich überhaupt begreifen kann weshalb, wieder in die Höhe. Mit einem Mal fühle ich mich beobachtet und lasse meinen Blick durch das Café schweifen. Hinten, in der Ecke, hängt diese khakifarbene Jacke über einem Stuhl. An so viele Zufälle glaube selbst ich nicht, ich werde beschattet. Die Goldstadt verfolgt mich. Ich überschlage meine Rechnung, werfe ein paar Münzen auf das Tischchen, verlasse die Kunsthalle, flüchte, wie ferngesteuert „zum Denker“, kauere mich hinter die Skulptur und kann von hier aus bequem den Eingang der Kunsthalle, wie auch die Straße beobachten, ohne selbst entdeckt zu werden. Es dauert nicht lange. Mein Verfolger hat es offenbar sehr eilig und betritt suchend den Platz. Zuerst späht er in alle Richtungen, dann entscheidet er sich, die Straße, die zum Stadtzentrum führt, einzuschlagen. Mein Vorteil! Ich bin jetzt darauf gefasst, dass er mich zu Hause abpassen wird. Gerade als ich mir sicher bin, dass Khakijacke nicht mehr zurückkehren würde, und ich mein Versteck verlassen will, fährt ein Reisebus vor und speit eine Gruppe Touristen aus, die zur Kunsthalle strömen. Die meisten sind Inder, traditionell in weißer Kurta gekleidet. Sie bewegen sich in mehreren Grüppchen. Wieder blitzen Gedanken auf, dieses Bild erinnert mich an Ärzte, an eine Visite, wieder das Krankenhaus. Die Besuche bei Rudi, Mediziner, die um sein Bett stehen, aus ihren Ärztekitteln etwas herausnehmen und – das Bild ist weg, das Museum hat die Inder verschluckt.

Die Jacke hat Posten bezogen, ich sehe ihn schon von Weitem. Sonderlich viel Mühe hat er sich mit der Tarnung nicht gegeben. Er sitzt auf einer Bank an einem Kinderspielplatz, nahe meinem Zuhause und liest Zeitung. Tut jedenfalls so. Umsichtig bewege ich mich, so unauffällig wie möglich, in Richtung Hauseingang. Ich riskiere einen Blick über die Schulter. Trotz aller Vorsicht hat er mich entdeckt. So ein Mist! Oben angekommen, wähle ich Chris Nummer, während ich gleichzeitig nach meinem Autoschlüssel suche. Obwohl, oder gerade weil ich das Gefühl habe, Chris weiß mehr über die Sache, als er mir gegenüber zugibt, möchte ich Chris zu mir ins Boot holen. „Ja?“, meldet er sich wortkarg. Ich erzähle ihm von den sonderbaren Erlebnissen, von meinen Verfolger und den Gedankenblitzen, die mich ständig heimsuchen und mich im Traum, wie auch in der Realität an das Krankenhaus erinnern. Ich sehe Ärzte, grüne Tücher, Schläuche und habe ein Hämatom in der Armbeuge. Von einer – Infusion? „Du verarbeitest Rudis Tod. Das hat dir ganz schön zugesetzt.“

Dieser Chris ist ein Ignorant sondergleichen, ärgere ich mich. „Es geht doch nicht alleine um Rudis Tod, sondern auch darum, welche Rolle ich dabei spiele. Ich möchte mich erinnern Chris. Einige Stunden meines Lebens sind ausgeblendet, sie fehlen mir und ich will sie zurück haben. Jemand verfolgt mich und lehrt mich das Fürchten. Ich werde diesen Spitzel, der da draußen immer noch sitzt, abhängen und nach Pforzheim zurückkommen. Ich muss dieser Sache endlich auf den Grund gehen. Mit dem Auto brauche ich ungefähr fünf Stunden. Wir treffen uns heute Nachmittag um vier vor dem Klinikum. Bist du dabei?“
„Wanda, lass doch die Sache auf sich beruhen, das mit dem Beobachter bildest du dir sicherlich nur…“ Energisch unterbreche ich ihn: „Chris, du bist dabei!“

Mit Mütze und Sonnenbrille getarnt, quetsche ich mich durch ein Kellerfenster in der Waschküche unseres Hauses nach draußen. Es führt zum Hinterhof, auf dem mein Auto steht. Dort kann Khakijacke mich nicht sehen und ich hoffe er wird meine Flucht nicht bemerken. Aber selbst wenn das geschehen sollte, bin ich mobil – er nicht. Nervös stehe ich vor dem Pforzheimer Klinikum. Jenseits der Enz schlägt die Altstädter Kirche 16 Uhr. Von Chris keine Spur. Ich hege Zweifel daran, ob er wirklich kommen wird und suche linksseitig die geschwungene Auffahrt und den Parkplatz nach ihm ab. Ich hoffe darauf, denn bei der Herfahrt hatte ich eine weitere Vision, die mich so ängstigt, dass ich einen vertrauten Menschen an meiner Seite bitter nötig habe.

Ein Lastwagen fuhr vor mir her. Ich konnte nicht auf die linke Spur hinüber, um zu überholen, der Verkehr war zu dicht. Auf dem Truck war ein Werbebanner für Parfüm. An einer unscheinbaren Glasviole, mit violettem Inhalt, klebte mein Blick. Wie hypnotisiert fixierte ich diesen Flakon. Eine Hand greift in eine Tasche eines Ärztekittels, holt einen Flakon heraus. Nein, kein Flakon, eine Ampulle. Vertauscht die Ampulle. Weg! Der Lastwagen hat die Ausfahrt genommen. Den ganzen Rest der Fahrt versuchte ich dieses Bild, das mich zum Zittern brachte, wieder in mir hervorzurufen, denn damit war ich auf der richtigen Fährte, das sagte mir mein Gefühl. Doch so sehr ich mich bemühte, mein Medium, der Lkw war weg.

Ich erschrecke fürchterlich, als Chris mich von hinten umarmt. Darauf war ich nicht gefasst. Er hatte drinnen auf mich gewartet, während ich draußen, in Gedanken versunken, stand. Als er mich gesehen hatte, ist er durch die Drehtür des Krankenhauses gekommen. „Hatten wir uns nicht außen verabredet? Naja, Hauptsache du bist jetzt da!“ Ich will vorauseilen, doch Chris hält mich besorgt zurück: „Wanda, du weißt ich mag dich. Wir sollten das Ganze vielleicht einfach abblasen und lieber einen Kaffee trinken gehen!“ Unfassbar, was geht in so einem Männerkopf bloß vor. „Was denkst du dir? Fünf Stunden Fahrt, um mit dir ein Kaffeekränzchen zu halten? Man ist hinter mir her. Ich habe seltsame Visionen. Gestern früh fand ich mich nackt im Wald. Ich werde, mit dir, oder ohne dich, dieser Sache auf den Grund gehen.“ Entschlossen dränge ich in die Klinik. Er folgt mir, obwohl ich bemerke, dass er eigentlich nicht will.

Wir bleiben vor dem Zimmer auf Station stehen, in dem Rudi vor wenigen Tagen noch lag. Dort verharre ich und lasse die Klinikgeräusche und -gerüche auf mich wirken. Dieser Sinnesmix lässt einen Film vor mir abspulen. So ist es gewesen, genauso! Ich sehe jetzt klar, ich kann mich an alles erinnern. „Du bist ja ganz blass, was ist los Wanda?“, fragt Chris erschrocken. Er kann meinem Blick nicht standhalten, fahrig weicht er ihm aus. „Komm mit, hier läuft eine Riesen-Sauerei!“ Mit Chris im Schlepptau laufe ich zielsicher durch die Klinikgänge, bis zu einem Raum in den Katakomben des Krankenhauses. Dort hinein muss ich. „Nein Wanda, lass uns zurückgehen, das bringt doch nichts!“ Was ist dieser Chris doch für ein Waschlappen. Zum Glück habe ich nichts mit ihm angefangen. Ohne zu zögern drücke ich die Klinke und finde die Tür zu meinem Erstaunen und zu meiner Freude unverschlossen.

Ich hatte das rote Lämpchen an Rudis Krankenzimmertür völlig übersehen und war damals mitten in die Visite geplatzt. Rudi wollte, dass ich bleibe und so konnte ich beobachten, wie ein Arzt verstohlen eine Ampulle aus seinem Kittel zog und sie mit der auf dem Visite-Wagen vertauschte. Beide enthielten violette Flüssigkeiten. Rudi wurde das ausgetauschte Medikament gespritzt und damit ging es ihm zusehends schlechter. Das kam mir so seltsam vor, dass ich diesen Arzt die nächsten Tage beobachtete und feststellte, dass er sich in diesem Raum in den Katakomben tagein, tagaus eine solche Ampulle besorgte. Tag für Tag bekam Rudi dieses Medikament verabreicht, er starb und ich wurde erwischt. Als ich den Raum betrete, ist mir doch mulmig. Drinnen ist es stockdunkel, ich taste nach dem Lichtschalter, finde ihn und knipse das Licht an. Mein Plan ist, eine der Ampullen auf ihre Inhaltsstoffe untersuchen zu lassen. Doch Chris stößt die Tür hinter mir zu.

„Es tut mir leid Wanda!“ Sein Tonfall verspricht weder Hoffnung noch Wärme. Meine Augen gewöhnen sich nur langsam an das grelle Licht, weiten sich dann aber umso schneller vor Entsetzen, als ich wie gelähmt registriere, wer die dritte Gestalt ist, die im Lichtkegel zunächst nur als Umriss zu erkennen war: Vor mir steht jener Arzt, der die Ampullen vertauscht hat. Er packt mich, bevor ich begreife. Chris erwischt mich von hinten und ohne mich wehren zu können, lande ich auf einer Liege. Dort schnallen sie mich fest. Ich schreie ihnen aus vollem Halse meinen Schrecken entgegen und meine Stimme überschlägt sich in Panik. „Hilferufe sind hier unten sinnlos.“ Mit diesen Worten rammt mir der widerliche Arzt eine Nadel in die Armbeuge, mitten in den blauen Fleck hinein. Ich muss dabei zusehen, wie er eine Infusion anschließt. „Chris, hilf mir doch, warum tust du nichts?“ Der verzweifelte Appell gilt meinem – Freund? Chris schweigt und starrt Löcher in die Luft. Das geht über meinen Verstand.

„Fräulein Naseweis hat zu viel gesehen für meinen Geschmack. Dieses Mal entkommen sie mir nicht. Als ich sie das erste Mal beim Nachspionieren erwischte, war die verabreichte Dosis etwas gering. Ein dummer Kunstfehler! Kann den Besten passieren!“ Wahnsinn liegt in der Stimme des Arztes. Der macht ihn gefährlich. Mein Herz rast und pocht wild gegen meine Rippen. Vermutlich würde dieser Kurpfuscher gar nicht mehr viel unternehmen müssen. Was in meiner Brust vorgeht, kündigt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt an. „Sie sind ein zähes Miststück und haben sich heimlich vom Klinikgelände geschlichen.“ Er ist inzwischen so weit. Die Infusion liegt und er bereitet eine Spritze vor. Das würde mein Ende sein. Kalter, klebriger Schweiß tritt mir aus allen Poren. „Warum?“ Sollte das meine letzte Frage gewesen sein, so will ich wenigstens die Hintergründe erfahren bevor ich sterben muss.

„Ich stehe kurz vor dem Durchbruch. Mein Schmerzmittel wird revolutionär sein, es wird das Universum erobern. Was sind schon 17 Menschenleben, wenn einmal die ganze Welt schmerzfrei sein wird?“
„Bin ich ein Proband ihrer Versuchsreihe?“, meine Stimme klingt erstaunlich fest. Mit meinen Fragen will ich Zeit schinden. Lebenszeit! „Aber nein. Sie hatten schließlich keine Schmerzen und wären es nicht würdig gewesen, im Dienste der Forschung zu gehen. Ihnen verabreichte ich eine nicht nachweisbare Substanz, die sie töten sollte“, erläutert er mir in seinem überheblichen Monolog. Wesentlich kleinlauter fährt er fort: „Wie schon gesagt, leider zu gering dosiert. Ich hatte sie damit nur vorübergehend ins Jenseits befördert. Ihre entkleidete Leiche wurde, wie es im Klinikalltag üblich ist, in der Pathologie geparkt. Dort erwachten sie und stahlen sich vom Klinikgelände.“
„…und habe mich nach meiner Auferstehung in Trance bis zu den Römischen Ruinen geschleppt? Warum hast du das nur alles zugelassen Chris?“

Dieser sieht verschämt zur Seite. Was für ein Feigling. „Der gute Chris hat meine geheime Medikamenten-Studie unterstützt, indem er für mich herausfand, welche Patienten möglichst wenige Verwandte und soziale Beziehungen hatten. Das war meine Zielgruppe. Niemand stellte Nachforschungen an.“
„Das ist nicht wahr. Sag, dass das nicht wahr ist. Chris! Chris?“ Ich kann nicht glauben, was ich eben gehört habe. „Der Sportwagen! Wanda, das musst du doch verstehen!“
„Chris, Du tust mir nur leid.“

Welchen Schrecken habe ich Chris, in Folie verpackt und totgeglaubt, wohl eingejagt, als er mir frühmorgens die Haustür öffnete. Etwa vergleichbar dem Schrecken, der uns allen in die Glieder fährt, als urplötzlich die Tür mit Wucht aufgestoßen wird. Mir kommt es so vor, als ob jetzt alles gleichzeitig geschieht. Khakijacke steht mit gezogener Waffe im Raum. Mein Schrei durchbricht schrill die Stille. Dem Arzt fällt die Spritze auf den Boden. Chris wagt einen Fluchtversuch, den Khakijacke vereitelt. Ich bin verwirrt, wie passt das zusammen? Die Jacke handelt gar nicht im Auftrag des Arztes? Hinter Khakijacke stürmen mehrere Polizisten den Raum und stürzen sich auf Chris und den größenwahnsinnigen Mediziner. Über mich beugt sich Kommissar Fichtner und meint: „Kommen sie, diese Party ist wirklich nichts für sie!“

Die Jacke ist verdeckter Ermittler der Polizei. Kommissar Fichtner hat ihn zu meinem Schutz abgestellt. Einige der mysteriösen Todesfälle im Klinikum waren doch polizeibekannt geworden. Als ich auf dem Revier aufgetaucht war und von Rudis Routineoperation, seinem sonderbaren Tod und meinem Erwachen in den Römischen Ruinen erzählte, wähnte Kommissar Fichtner einen Zusammenhang und wurde hellhörig. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, konnte er mich selbstverständlich nicht einweihen, was mir den Eindruck von Desinteresse vermittelte. Khakijacke hatte ich ganz schön ins Schleudern gebracht, als ich ihn auf der Parkbank sitzen ließ und mit meinem Auto an ihm vorbeigerauscht war. Er berief sich auf Amtshilfe und hatte mich nach kurzer Zeit eingeholt.

Die ganzen Zusammenhänge und Hintergründe erzählt mir Matthias Fichtner abends am Schlossberg in einer Kneipe, die wir erst im Morgengrauen mit mehr als nur ein bisschen Sympathie füreinander gemeinsam verlassen. Sonja Leicht