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24.07.2015

Lauwarmes Experiment – „Il vespro siciliano“ in Wildbad

Bad Wilbad. Erst gegen Ende zeigt er, was er wirklich kann. Da dröhnen die Glocken, die Kriegsschreie bersten durch den Saal – und die Geschichte um den sizilianischen Befreiungskampf wird zum packenden Historienspiel. Bis dahin aber gestaltet der Komponist Peter Joseph von Lindpaintner seine Oper „Il vespro siciliano“ mehr als müde Ritter-Romanze denn als fesselnde Entdeckung. Gerade solch eine aber hätte sie werden können.

Denn mit Lindpaintners Oper wagt sich das Wildbader Rossini-Festival in einer konzertanten Aufführung an eine wirkliche Rarität. Zu seiner Lebzeit war Lindpaintner als württembergischer Kapellmeister einer der berühmtesten Dirigenten Deutschlands – heute aber sorgt sein Name auch bei Opernliebhabern für unsicheres Nachfragen, weckt die Neugier. Und auch der Stoff hat Potenzial. Rund zehn Jahre vor Verdis „Les vêpres siciliennes“ greift der Textdichter Heribert Rau den Historienstoff um den mittelalterlichen Aufstand der Sizilianer gegen die französische Fremdherrschaft auf und bearbeitet damit eine zur Entstehungszeit hochaktuellen Themenkomplex: den Befreiungskampf gegen tyrannische Herrscher. Ein Thema, das den gesamten Kontinent für ein Jahrhundert im Banne hält und das auch Rossinis Wilhelm Tell oder Verdis Nabucco durchzieht. Sie aber machen es besser. Denn bei Lindpaintner fehlt das, was zum Erfolg einer Oper als theatralischem Kunstwerk unabdingbar ist: die dramaturgische Folgerichtigkeit.

Schon die Ouvertüre führt symptomatisch vor, was bei Lindpaintner – bis auf Ausnahmen – gilt: Hier stehen musikalische Gedanken nebeneinander und wechseln sich unmotiviert miteinander ab, anstatt aus sich zu folgen, geschickt aufeinander bezogen zu sein. Viel zu oft wirken die einzelnen Nummern in ihrer Reihenfolge austauschbar und mehr mit musikalischem Füllmaterial aufgegossen als aus einem wirklichen melodischen Einfall gedacht.

Dunkle Geisterbeschwörung

Aber mit fortschreitender Zeit scheint Lindpaintner Souveränität zu gewinnen. Der erste Akt ist belanglos, der zweite findet gerade am Ende zu stimmungsvoller Konzentration. Um eine gelungene Szene gruppiert sich der dritte Akt: mit einem sakralen Tongewand aus Holzbläserfarbe gezeichnet und mit einem kleinschrittigen Motiv musikalisch kozentriert erscheint dem tyrannischen Franzosenkönig Karl der Geist seines von ihm ermordeten Feindes Konradin. Lindpaintner kann es also doch. Und auch der vierte Akt gelingt. Hier gibt es das erste Mal einen dramatischen Bogen, an dem die Handlung musikalisch sinnvoll ausgerichtet ist: Angefangen bei der humoristischen Szene um den betrunkenen Kerkermeister bis zum Losbrechen der Revolte im Schlachtenlärm – da ist der Komponist ganz bei sich. Schade, dass gerade hier die sonst sicher aufspielenden Virtuosi Brunenses sich einige Unsauberheiten leisten. Das Gesangsemble ist gewohnt souverän, Matija Meic ein beeindruckender König Karl. Für das nur teilweise gelungene Experiment gibt es warmen Beifall.