

STUTTGART. Die Premiere von Richard Wagners romantischer Oper „Lohengrin“ an der Staatsoper Stuttgart fand unter denkbar ungünstigen Umständen statt.
Wegen „unüberbrückbarer Differenzen“ zwischen Generalmusikdirektor Manfred Honeck und dem renommierten französischen Regisseur Stanislas Nordey hatte Letzterer eine Woche vor der Premiere die Regie „niedergelegt“. Zudem wurde, ebenfalls auf Druck Honecks, die Titelpartie kurzfristig umbesetzt.
Eine Stuttgarter Zeitung, die Intendant Albrecht Puhlmann scharf attackierte, umschrieb die Vorgänge als „nackten Wahnsinn“. Was am Premiere-Abend auf die Bühne gebracht wurde, kann sich dennoch hören lassen.
Die Inszenierung, nunmehr als „entschlackter Lohengrin nach der Konzeption Nordeys“ vermarktet, ist freilich in ihrer Optik eine gewöhnungsbedürftige und stellenweise holprige Angelegenheit. Gewiss sollte man in unserer Zeit bei Wagner auf historisierende Ausstattungsopulenz verzichten. Muss deshalb eine banale Kostümierung – die Guten in reinem Weiß, die Bösen in Schwarz – gewählt werden? Wobei König Heinrich (Attila Jun) in seiner seidig weiß glänzenden Mantel-Kluft (abgesehen von der fehlenden Schirmmütze, die durch einen Kronreif ersetzt war) wie weiland Nazi-Reichsmarschall Göring in Gala zur Heerschau nach Brabant stolzierte. Die abgründige Zauberin Ortrud (Barbara Schneider-Hofstetter) präsentierte sich dagegen in tiefschwarzem Zigeunerinnen-Outfit. Und um das Maß vollzumachen, trat der königliche Herold (Adam Kim) als „Zwischenfigur“ im grauen Straßenanzug auf.
Wie man weiß, liebte Wagner das griechische Amphitheater und die archaischen Strukturen der klassischen Tragödie. Muss man deshalb den jeweiligen Protagonisten statuarisch frontal an die Rampe stellen und links und rechts in fein säuberlicher Symmetrie je ein Paar der übrigen Hauptdarsteller postieren?
Muss der Chor, also Volkes und Heeres kommentierende Stimme, wie eine rückwärtige Mauer in Etagen übereinander gestaffelt, mit gleichförmig starren Gesten das Handlungsgeschehen begleiten? Zudem wirkt komisch, wenn Lohengrin zu Beginn des 3. Aktes ausgestreckt am Boden liegt, während der Chor gleichzeitig das Hochzeitslied zur Begleitung des neu vermählten Paares ins Brautgemach singt („Treulich geführt“).
Zudem bringt Elsa von Brabant (Mary Mills) vom Wahn ihrer Traumvision des rettenden, edlen Ritters nur Andeutungen über die Bühnenrampe. Und dieser von Wagner als strahlender Genius entworfene Gralsritter, der vom Schwan gezogen in einem Boot an den Ufern der Schelde als Erlöser erscheint, wird wie alle anderen Darsteller einfach aus den Katakomben auf die Bühne gehievt. Stuttgarts (Ersatz-)Lohengrin (Scott MacAllister) wirkt dabei wie ein biederer Beamter, der später das Schwert im Gottesurteil-Entscheidungskampf mit seinem Widersacher Telramund (Wolfgang Koch) wie einen Zeigestock führt und eigentlich als der deutlich Schwächere unterliegen müsste. Was optische und stimmliche Präsenz betrifft, steht Lohengrin völlig im Schatten des von seiner Frau Ortrud manipulierten, Gemeinheit und Hinterhalt repräsentierenden Brabanter Fürsten. Immerhin gelingt es der Regie, den Liebesverrat Elsas, die ihren Gatten trotz des beschworenen Verbots nach Namen, Herkunft und Wesensart befragt und damit Lohengrins Aura und sein Erlösungswerk zerstört, mit Leuchtschriften in den Fokus der märchenhaften Oper zu rücken.
„Siegreich“ in Stuttgart ist jedenfalls Wagners berückende Musik mit ihren Lyrismen, verliebten und dramatischen Duetten, der fein dargebotenen Gralserzählung Lohengrins, der verzweifelten Verve Telramunds, der furios singenden Ortrud und mit den zumal in leisen Passagen herrlichen Chören. Honeck dirigierte zügig, mitunter fast strettahaft forsch und sorgte gleichzeitig mit dem Staatsorchester Stuttgart für reich gestuften, auch fließenden Klang. Musikalisch hat diese Produk-tion, die deshalb in der Premiere vom Publikum bejubelt wurde, ein eindrucksvolles Format.R.Uhlig
Nächste „Lohengrin“-Vorstellungen: 2. und 8. April.





Das lesen Abonnenten am Dienstag in Ihrer "Pforzheimer Zeitung":