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14.10.2009

Mord im Maisfeld

Prolog. Dienstag, 19. Februar 2008, 20.00 Uhr. Die Vorstände der Eutinger Vereine trafen sich zur Sitzung des Fördervereins. Wie jedes Jahr wurden hier die Termine zur Bewirtschaftung des Maislabyrinths vergeben, ein Event, das weit über Pforzheims Grenzen hinaus bekannt war und von Mitte Juli bis Mitte September dauerte. Jeder Eutinger Verein konnte sich bewerben, und die Nachfrage war groß, denn an einem guten Wochenende konnte man durch den Verkauf von Essen und Getränken die Vereinskasse deutlich entlasten.

Holger, unser Vereinsvorstand, saß neben mir und grinste mich an. Wir hatten wieder ein gutes Wochenende im August ergattert und freuten uns. Bald konnte die Planungs- und Vorbereitungsphase beginnen.

Donnerstag, 7. August 2008, 17.00 Uhr. Zwei Männer saßen im Schloßkeller, etwas abseits der wenigen Gäste. Beide hatten ein Bier vor sich stehen, frisch gezapft vom Fass. Um diese Uhrzeit war hier noch nicht viel los, voll wurde es meist erst gegen 18.00 Uhr.
„Ok“, sagte der eine leise, „am Sonntag machen wir's. Kielmann fährt am Montag nach Basel, das heißt, er nimmt den Schmuck am Sonntag mit nach Hause. Das ist perfekt, weil sonntags niemand in der Firma ist.“
„Ja, perfekt“, sagte der andere, „wir haben jetzt auch lange genug auf diese Möglichkeit gewartet, oder?“ Das war weniger eine Frage als eine Feststellung.
„Also, da wir nicht genau wissen, wann Kielmann am Sonntag den Schmuck holt, müssen wir ihn den ganzen Tag im Auge behalten. Am besten ist, wir beobachten die Villa in Kieselbronn. Wenn er alleine wegfährt, folgen wir ihm. Natürlich unauffällig, aber wir wissen ja, wo er hin will. Ich besorge morgen einen Mietwagen, das ist sicherer.“ Der andere nickte zustimmend.
„Wir treffen uns um 11.00 Uhr am Dreschplatz in Eutingen, wo ich den Mietwagen gleich morgen hinbringe. Unsere Autos lassen wir dort stehen, das fällt keinem Menschen auf. Und unseren Frauen sagen wir, dass wir einen Männerausflug machen“, er grinste, „das ist ja nichts Neues!“ Er prostete seinem Gegenüber zu und beide nahmen einen kräftigen Schluck. „Vergiss die Maske und die Handschuhe nicht“, sagte er leise, „und steck‘ vorsichtshalber auch das Messer ein. Man weiß ja nie… Ich nehme mein Jagdmesser auch mit, und das Tränengas.“ Beide nickten sich verschwörerisch zu und tranken ihr Bier aus.

Der eine hieß Sommer, der andere Zorn. Volker Sommer und Siegfried Zorn. Sommer und Zorn kannten sich schon viele Jahre, waren beide bei Fortuna-Schmuck als Einkäufer angestellt. Sommer war für die Edelmetalle – Platin, Gold, Silber – zuständig, Zorn für die Edelsteine, vom Amethyst bis zum Zirkonia, Brillanten natürlich eingeschlossen. Täglich jonglierten sie mit Beträgen, von denen sie privat nur träumen konnten. Und beide hatten das Gefühl, dass sie beruflich nicht mehr weiterkommen würden. Sie wollten den großen Coup landen. Sie wollten endlich ein Leben in Luxus führen… Und den Kielmann, ihren Chef, diesen Bonzen, konnten sie eh nicht leiden.

Sonntag, 10. August 2008, 17.00 Uhr. Sie saßen jetzt schon seit fünfeinhalb Stunden in dem gemieteten Auto und beobachteten Kielmanns Villa. Die Hitze ignorierten sie. Sommer hatte Gott sei Dank daran gedacht, einen Six-Pack Bier und Mineralwasser mitzunehmen. Und ein paar belegte Brote, die seine Frau vorbereitet hatte. Wie es sich für einen Männerausflug gehört.

Kielmann hatte seither nur einmal die Villa verlassen, um mit seinem Labrador Gassi zu gehen. Ansonsten war die Gegend in der sommerlichen Hitze wie ausgestorben. Sommer und Zorn dösten vor sich hin. Beide waren aber schlagartig hellwach, als Kielmann gegen 18.30 Uhr die Villa verlies und den A8 aus der Garage fuhr.

„Es geht los“, sagte Sommer. Er ließ den Wagen an und fuhr ohne Sichtkontakt zu Kielmann Richtung Firma. Fortuna-Schmuck war nicht weit entfernt. Vor drei Jahren waren sie von der Schwarzwaldstraße in das neue Industriegebiet Hohenäcker umgezogen. Ein Katzensprung von Kieselbronn entfernt. Sommer fuhr am Hof der Firma vorbei, als er den geparkten A8 von Kielmann dort stehen sah.

Alles lief nach Plan, bis jetzt. Sie parkten den Mietwagen direkt neben Fortuna-Schmuck in einer Seitenstraße, keine 30 Meter von der Hofeinfahrt entfernt. Dann nahmen sie ihre Position ein, hinter einer großen Werbetafel, die nachts sogar beleuchtet war.

Sonntag, 10. August 2008, 19.00 Uhr. Kurt Kielmann ließ sich Zeit. Er freute sich auf morgen, er würde in Basel ein gutes Geschäft abschließen. Nachdem er einen ruhigen Sonntag zuhause mit seiner Frau verbracht hatte, wollte er in der Firma noch ein paar Aufträge durchsehen und dann die Schmuckkollektion zusammenstellen, die er morgen den Schweizern Geschäftspartnern präsentieren wollte. Colliers, Halsketten, Armbänder, Ringe, Broschen, Ohrringe, Fußkettchen und Manschettenknöpfe im Wert von ca. 1,2 Millionen Euro – sorgfältig verstaute er die edle Ware in dem großen Schmuckkoffer.

Ahnungslos verließ er gegen 21.30 Uhr die Firma, aktivierte die Alarmanlage und verschloss die Tür. Er ging zu seinem im Hof geparkten Auto und legte den Koffer auf die Rückbank. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell.

Ehe Kielmann reagieren konnte, standen zwei maskierte Männer neben ihm. Der eine sprühte im Tränengas ins Gesicht… der Schmerz war gewaltig! Aber bevor er schreien konnte, hatte ihm der zweite Mann den Mund mit Klebeband verschlossen. Zu hören war nur ein gedämpftes Stöhnen und Jammern. Die Arme wurden auf dem Rücken mit Klebeband gefesselt, anschließend auch die Beine. Er konnte nichts sehen – er war den Tätern hilflos ausgeliefert!

Sonntag, 10. August 2008, 21.45 Uhr. Sommer und Zorn verständigten sich nur durch Zeichen. Alles lief glatt, Kielmann lag gefesselt und geknebelt mit tränenden Augen auf dem Rücksitz des Mietwagens und schnaufte angestrengt durch die Nase. Der Schmuckkoffer lag auf Zorns Schoß. Der nächste Schritt war, Kielmann loszuwerden. Sie wollten ihn ins Eutinger Maislabyrinth bringen, Um diese Zeit war dort kein Mensch mehr. Er würde frühestens am nächsten Tag gefunden werden. Wenn überhaupt… Aber das war Sommer und Zorn egal. Kein Mensch würde sie mit diesem Verbrechen in Verbindung bringen.

Sommer fuhr die Verbindungsstraße „Zum Obsthof“ in Richtung Eutingen und bog dann links ab Richtung Kieselbronn. Nach ein paar hundert Metern bog er wieder nach links in einen Feldweg ein und parkte direkt vor dem Maisfeld. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Sie stülpten wieder ihre Masken über und zogen Kielmann vom Rücksitz. Seine Augen waren geschlossen, er hatte wohl immer noch Schmerzen wegen des Tränengases.

Sommer und Zorn zogen Kielmann ins Maisfeld. Er war schwerer als gedacht, und so plagten sich beide keuchend ab. Zorn hatte das Gefühl, selbst geknebelt zu sein. Er bekam kaum noch Luft unter der Maske. Er rang stoßweise nach Atem, nachdem sie Kielmann weit genug ins Maisfeld gezerrt hatten. „Was ist los?“ fragte Sommer flüsternd. „Mach jetzt bloß nicht schlapp!“ Zorn riss sich nach Luft schnappend die Maske vom Gesicht. „Allergisch“ stöhnte er. Nie hätte er vermutet, dass er im Maisfeld einen so heftigen Anfall bekommen würde. „Bist du wahnsinnig?“ zischte Sommer ihn an. „Setz die Maske auf!“ Aber es war zu spät. Kielmann schaute mit aufgerissenen, rotgeränderten Augen von Zorn zu dem immer noch maskierten Sommer und stöhnte. „Scheiße“, sagte Sommer, „er hat dich erkannt.“ Er überlegte kurz, dann zog er das Messer und… stach zu. Er hatte wohl auf Anhieb Kielmanns Herz getroffen, denn der erschlaffte in Sekundenschnelle. Nur die Augen, jetzt leblos ohne Bewegung, starrten sie weiter an. „Los, weg hier“, Sommer rammte dem nach Luft ringenden Zorn den Ellenbogen in die Seite. „Mach schon!“

Sie waren kaum zehn Meter von Kielmanns Leiche entfernt, als sie ein Geräusch hörten. Jemand war im Maislabyrinth! Waren sie beobachtet worden? So leise wie möglich bewegten sie sich Richtung Auto. Dann sahen sie die Frau, die wohl irgendetwas suchend, in die Richtung ging, wo der erstochene Kielmann lag. Sie war Ende 30, hatte halblanges brünettes Haar und eine schlanke Figur. Viel mehr war in der einbrechenden Dunkelheit nicht zu erkennen.

Sommer und Zorn hielten den Atem an, ratlos, was sie jetzt tun sollten. Als sie den erstickten Schrei der Frau hörten, wussten sie, dass Kielmann schneller gefunden worden war, als sie gedacht hatten.

Sommer hastete zurück, keines klaren Gedankens mehr fähig, aber die Frau war weg. Er hörte nur das Rascheln der Maispflanzen, aber sehen konnte er sie nicht mehr. Ich hätte sie mit bloßen Händen erwürgt, dachte Sommer. Wenn ihr auf dem Feldweg das geparkte Auto aufgefallen ist, sind wir geliefert. Wir müssen sie finden!

Aber die Frau hatte das geparkte Auto gar nicht zur Kenntnis genommen, und auf ihrer Flucht verließ sie das Maisfeld auf der anderen Seite… an dem Auto kam sie gar nicht mehr vorbei. Sommer und Zorn bahnten sich ihren Weg zurück zum Auto. Kurz vor verlassen des Maisfelds erweckte ein heller Gegenstand Sommers Aufmerksamkeit. Er bückte sich und hielt einen Sonnenhut in der Hand. Auf der Innenseite war, mit dunklem Filzstift geschrieben, ein Name zu lesen: S. Gerber. Sommer überlegte. War der Sonnenhut der Grund, warum die Frau so spät im Maislabyrinth unterwegs war? Könnte sein. S. Gerber.

Sonntag, 10. August 2008, 21.50 Uhr. „Lauf, lauf, lauf…“ hämmerte es in meinem Kopf. „Lauf, aber mach‘ keine Geräusche…!“ Das war leichter gedacht als getan. Die harten Blätter der Maispflanzen, die deutlich größer waren als ich, verursachten ein raschelndes, knisterndes Geräusch, das man, meinte ich, kilometerweit hören musste.

Sie waren noch da, bestimmt waren sie noch in der Nähe und verfolgten meinen Fluchtweg quer durchs Maisfeld. Deutlich sah ich den Toten vor meinen Augen. Oh mein Gott, mir wurde schon wieder übel, Brechreiz…, nein – jetzt nicht! „Lauf, lauf…!“ Ich musste versuchen, über die Straße zu kommen, dort war ein Reiterhof, dort begann die Wohnsiedlung. Ich musste mich verstecken, irgendwo.

Mein Herzschlag setzte sekundenlang aus und meine Nackenhaare sträubten sich, als ich direkt hinter mir ein Geräusch hörte. Voller Entsetzen wirbelte ich herum und sah… nichts, erst mal nichts… Es raschelte wieder, und diesmal sah ich ihn. Ich hatte einen Igel aufgescheucht, der nun seinerseits vor mir die Flucht ergriff. Phhfff… die Luft, die ich vor Angst in meinen Lungen gefangen gehalten hatte, suchte sich ihren Weg nach draußen.

Ich erreichte die Straße, die nach Kieselbronn führt, rannte, so schnell ich konnte, auf die andere Seite und warf mich hinter drei große Heuballen, die seitlich im Hof für die Pferdeställe gelagert wurden. Mein Herz raste vor Anstrengung und Angst, aber sobald ich mich etwas beruhigt hatte, tauchte der Tote wieder vor meinem geistigen Auge auf. Er war nicht jung, aber auch nicht alt, ich kannte ihn nicht, da war ich mir sicher. Ich hatte direkt in sein Gesicht geschaut, hatte die toten, trüben Augen gesehen, den mit Paketband zugeklebten Mund, die gefesselten Arme und Beine… und dann das Messer in seiner Brust!…und Blut, überall Blut…Es war Sonntag, der 10. August 2008, kurz vor 22.00 Uhr.

Sonntag, 10. August 2008, 22.20 Uhr. Irgendwie hatte ich es bis nach Hause geschafft. Ich zitterte am ganzen Körper und konnte kaum die Tasten auf dem Telefon erkennen. Erst die 1… nochmal die 1… die 0… „Polizeirevier Pforzheim Nord, Langer, guten Abend“. Ich bekam keinen Ton heraus. „Hallo? Wer ist dran?“ kam die Stimme aus dem Hörer. „Ich habe… ich… ich habe…“. „Hallo? So reden Sie doch!“ Endlich platzte der Knoten. „Ich habe einen Toten gefunden, im Eutinger Maislabyrinth… erstochen… Sie haben mich verfolgt, ich konnte weglaufen!“ Jetzt kamen die Tränen, der Schock ließ nach. „Wie heißen Sie? Wo wohnen Sie? Bleiben Sie zu Hause, wir schicken jemanden vorbei.“ Ruhig hatte Polizeimeister Langer meine Daten aufgenommen. Jetzt wartete ich, Simone Gerber, auf die Polizei. Ich war fix und fertig – warum bin ich denn nur nochmal zum Maisfeld gegangen… ich hätte den blöden Sonnenhut, den ich vergessen hatte, einfach abschreiben sollen. Aber ich wollte ihn ja unbedingt wieder haben!

Sonntag, 10. August 2008, 22.25 Uhr. Ich sah von oben den Streifenwagen vorfahren. Noch bevor die beiden Polizisten klingeln konnten, hatte ich auf den Türöffner gedrückt. Jetzt saß ich den beiden Beamten an meinem Esstisch gegenüber und erzählte ohne Punkt und Komma, was passiert war. Als ich alles gesagt und die vielen Fragen beantwortet hatte, war ich total erschöpft und gleichzeitig total aufgedreht. „Kommen Sie morgen um 10.30 Uhr ins Revier in der Bahnhofstraße,“ sagte der Ältere. Sie müssen Ihre Aussage unterschreiben. Außerdem wird Kommissar Lohmann, der die Ermittlung leitet, noch Fragen an Sie haben. Versuchen Sie jetzt zu schlafen, Frau Gerber.“ Das war leichter gesagt, als getan. Als die beiden Polizisten weg waren, lief ich von einem Zimmer ins andere. Schlafen? Undenkbar! Ich rief Holger an, ich musste mit jemanden sprechen, der das Umfeld kannte, die Örtlichkeit… der das Grauen mit mir teilte… Holger kam. Wir haben die ganze Nacht nur geredet, bis es wieder hell wurde.

Montag, 11. August 2008, 6.30 Uhr. Es war schon lange hell, geschlafen hatten wir nicht. Ich hatte für Holger und mich eine Kanne starken Kaffee gekocht, der unsere Lebensgeister aufrecht erhielt. Ich wollte unbedingt zum Maisfeld, bevor ich zum Revier musste. Auch Holger war neugierig und so gingen wir zu Fuß knapp einen Kilometer bergauf. Das Maislabyrinth war rundum von der Spurensicherung mit einem gelben Band abgesperrt worden. Das hatte ich erwartet, auch, dass die Pforzheimer Zeitung vor Ort war. Was mich aber vollkommen überraschte: halb Eutingen war um diese frühe Uhrzeit schon auf den Beinen! Es waren Schulferien und viele Kinder sprangen auf dem Feldweg herum, Mütter standen in Gruppen zusammen und tuschelten, Männer blickten aufmerksam ins Maisfeld. Toll, dachte ich, die Buschtrommeln funktionieren hier wirklich perfekt, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und schon kam eine entfernter Nachbar auf uns zu und sagte: „ Hender au scho ghört? Letschte Nacht isch hier oiner ermordet worde, unvorstellbar, dass so ebbes in Eudinge passiert, gell?“

„Ja“, sagte ich knapp und ließ ihn einfach stehen. Gott sei Dank wussten die Leute wohl noch nicht, dass ich den Toten entdeckt hatte. Die Leiche war natürlich schon lange abtransportiert worden. Aber spekuliert wurde, was das Zeug hielt. War der Tote der Apotheker, der Besitzer vom Schreibwarenladen oder sogar der Vorsitzende vom Fußballverein? Ich musste hier weg. Schnell. Letzte Nacht hatte das Maislabyrinth mir „gehört“, jetzt war es fest in Eutinger Hand. Als ich mich nochmal umsah, fiel mir ein Mann auf, der mich zu beobachten schien. Er blickte schnell in die andere Richtung, als fühlte er sich ertappt. Komisch, ich fühlte noch den auf mich gerichteten Blick und gleichzeitig ein unangenehmes Kribbeln auf der Haut. Unsinn, sagte ich mir, fang jetzt bloß nicht an zu spinnen... Holger sagte ich nichts. Ich wollte nicht, dass er denkt, ich würde jetzt unter Verfolgungswahn leiden. Zuhause rief ich in der Firma an und meldete mich krank. Ich hatte im Moment keine Lust für Erklärungen.

Montag, 11. August 2008, 8.00 Uhr. An diesem Morgen fehlte nicht nur Simone Gerber an ihrem Arbeitsplatz, sondern auch beide Einkäufer von Fortuna-Schmuck, was in 15 Jahren noch nie vorgekommen ist. Als Sommer nach Hause gekommen war, seine Frau schlief Gott sei Dank schon tief und fest, hatte er das Telefonbuch genommen und nach dem Namen Gerber gesucht. Und tatsächlich war eine Simone Gerber aufgeführt, die in Eutingen wohnte. Das musste die Frau sein, die sie überrascht hatte! Sommer dachte nach und schrieb Zorn noch eine SMS, dass er sich in der Firma krank melden sollte, um sich mit ihm um 8.00 Uhr am Dreschplatz zu treffen.

Sommer war schon früh auf den Beinen, zum Erstaunen seiner Frau. Er murmelte etwas von „Viel zu tun“ und verließ um 6.30 Uhr das Haus. Nachdem er den Schmuckkoffer in ein Schließfach am Bahnhof gebracht hatte, zog es ihn zum Tatort. Er wollte wissen, was dort oben im Maislabyrinth vor sich ging. Kurz vor sieben war er am Maisfeld und verblüfft, wie viele Menschen sich dort schon tummelten. Umso besser, dachte er, so würde seine Anwesenheit garantiert nicht auffallen. Er sah sich unauffällig um und sah Kinder, Frauen und Männer, die sich respektvoll an die Absperrung des gelben Polizeibandes hielten. Und dann sah er sie! Da war die Frau von gestern Abend! Sie war in Begleitung eines hochgewachsenen Mannes, ebenfalls mittleren Alters. Als ob sie seinen Blick gespürt hätte, schaute sie plötzlich herüber. Er sah schnell in die andere Richtung, nicht sicher, ob sie etwas gemerkt hatte. Es war kurz vor 8 und er machte sich auf den Weg zum Dreschplatz, wo Zorn auf ihn wartete.

Montag, 11. August 2008, 8.30 Uhr. Sie saßen in Sommers Auto. Den Mietwagen hatte er noch gestern Nacht zurückgestellt und den Schlüssel in den Briefkasten der Autovermietung geworfen. Die Miete hatte er bereits bar im Voraus bezahlt. „Ich habe die Frau gesehen – heute Morgen am Maislabyrinth“, sagte Sommer zu Zorn. „Ich hatte keine Möglichkeit, etwas zu unternehmen. Es waren zu viele Menschen dort und sie war auch nicht alleine. Aber ich weiß jetzt, wo sie wohnt. Wenn unser ganzer Plan nicht den Bach runtergehen soll, muss sie verschwinden! Und zwar schnell! Wer weiß, was sie gesehen hat… und wenn sie sich nur an das Kennzeichen des Mietwagens erinnert…“ Zorn nickte zustimmend. Sie waren sich einig – ob ein Toter oder zwei, egal, sie wollten nur ihren großen Coup retten.

Montag, 11. August 2008, 9.30 Uhr. Ich war wieder zu Hause, allein, Holger wollte sich noch ein Stündchen aufs Ohr legen und dann ins Büro gehen. In einer Stunde sollte ich bei der Polizei sein, um meine Aussage zu unterschreiben. Zeit genug für eine weitere Tasse Kaffe und eine Dusche. Was ich nicht ahnte, war, dass zwei Männer das Haus beobachteten, in dem ich wohnte.

Montag, 11. August 2008, 10.10 Uhr. Ich ging runter in die Garage, schloss mein Auto auf und warf meine Handtasche auf den Beifahrersitz. Als ich das Garagentor öffnete, fiel mir mein Handy ein, das ich vergessen hatte. Ich ging nochmal nach oben, das Garagentor ließ ich offen. Da meine Handtasche schon im Auto lag, schob ich es einfach in die Hosentasche meiner Jeans. Ich wollte gerade in mein Auto einsteigen, als ich von hinten gepackt wurde und sich eine harte Hand über meinen Mund legte. Mein Herz raste, ich versuchte zu beißen und nach hinten zu treten, aber ich hatte keine Chance. Tränen schossen in meine Augen, mein einziger Gedanke war: jetzt musst du sterben… alles vorbei… sie bringen dich um… keiner ist da, der dir helfen kann! Ich will nicht sterben!

„Womm“ – eine Faust traf mich voll im Gesicht und ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, war es stockfinster. Der enge Raum, in dem ich lag bewegte sich – mal nach rechts – mal nach links – bis ich begriff, dass ich in einem Kofferraum liegen musste. Außer den Kurven nahm ich jetzt auch die Unebenheiten der Straße wahr. Langsam setzte die Erinnerung wieder ein – der Überfall in der Garage – der Fausthieb ins Gesicht - und mit der Erinnerung kam der Schmerz. Mein Kiefer tat weh und das rechte Auge war fast zugeschwollen. Panik breitete sich aus – Hilfe! Warum hilft mir denn niemand! Ich hatte das Gefühl, ersticken zu müssen und versuchte, langsam und gleichmäßig zu atmen. Plötzlich fiel mir das Handy in meiner Hosentasche ein. Hatten sie es mir weggenommen? Ich tastete meine Jeans ab und weinte vor Erleichterung, als ich das Handy aus der Tasche zog. Sie hatten es nicht bemerkt – eine Chance, die einzigste, die ich hatte. Ich löste die Tastensperre und wählte die 110, bekam aber erst nach dem dritten Versuch eine Verbindung. In kurzen Worten erzählte ich, dass ich entführt worden war, dass ich in einem dunklen Kofferraum lag, dass ich letzte Nacht den Toten im Maisfeld gefunden hatte und das ich dringend Hilfe brauchte! Der Polizist am anderen Ende der Leitung reagierte sofort. Er sagte, ich solle das Gespräch nicht abbrechen, so könnte man meinen Aufenthaltsort orten und er würde sofort ein Einsatzkommando losschicken.

Ich war so dankbar und voller Hoffnung, dass ich noch mehr losheulte. Der Polizist sagte, er würde sich mit mir unterhalten, so lange es geht. Wenn nötig, solle ich das Handy irgendwo im Kofferraum verstecken.

Kaum hatte der Polizist das gesagt, hielt der Wagen an. Panisch suchte ich mit den Fingern ein Versteck. Ich fand einen Erste-Hilfe-Kasten. Dem Polizist sagte ich, dass wir angehalten haben, dann schob ich das Handy in der Kasten und hoffte, dass die Verbindung nicht abbrach. Es vergingen einige Minuten, in denen ich draußen Stimmen hörte, verstehen konnte ich aber nichts. Es wurde langsam aber sicher furchtbar heiß in dem Kofferraum und ich hatte wahnsinnigen Durst.

Plötzlich wurde der Kofferraum geöffnet und ich blinzelte benommen in das grelle Sonnenlicht. Ein Mann zerrte mich heraus – es war der gleiche, den ich heute Morgen am Maisfeld gesehen hatte! Ein zweiter, mir unbekannter Mann, stand direkt dahinter. Das waren also die Mörder! Und mich – mich werden sie bestimmt auch nicht am Leben lassen! Ich zitterte am ganzen Körper und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Vorsichtig sah ich mich um. Wo bin ich? Wo hatten sie mich hingebracht? Das Auto stand auf einem Parkplatz, umgeben von dichtem Wald. Vor mir war eine große Wiese mit Grillhütte, Schaukeln und Sandkasten. Schlagartig wurde mit klar, wo ich mich befand – die Füllenstallwiese im Hagenschieß! Sie war um diese Uhrzeit wie ausgestorben… keine Chance, dass jemand hier zufällig vorbeikommt. Mein Mund wurde mit Paketband zugeklebt, durch meine vom Heulen verstopfte Nase bekam ich kaum Luft. Scheiße, Scheiße, Scheiße… ich will nicht sterben! Ich dachte an meine Katze, die verhungern würde, an meinen Vater, der es gewohnt war, wochenlang nichts von mir zu hören und an meine Kollegen, die denken würden, dass ich mal wieder blau mache… Wer weiß, wann mich überhaupt jemand vermissen würde… Holger vielleicht… aber dann war es eh schon zu spät.

Die beiden Männer hatten mich in ihre Mitte genommen und führten mich in Richtung Wald, als plötzlich mehrere Polizei- und Zivilfahrzeuge auf den Parkplatz einbogen und mit blockierenden Rädern zum Stehen kamen. Polizisten sprangen mit gezogenen Waffen heraus und ich dachte noch: das ist ja wie im Fernsehkrimi!

Die beiden Männer versuchten, mit mir in den Wald zu flüchten. Dann sagte der eine, den ich schon vom Maisfeld her kannte: „Lass sie los, wir hauen ab und suchen Deckung im Wald, sie kriegen uns nicht!“ Kaum hatten sie mich losgelassen, rissen mich zwei Beamte in Zivil hinter ein Auto und befreiten mich von dem Klebeband… Noch nie war mir so bewusst geworden, wie kostbar tiefe Atemzüge sein können! Erschöpft ließ ich mich auf den Boden fallen. In der Zwischenzeit hatten mehrere Polizisten die Verfolgung aufgenommen. Es dauerte keine Viertelstunde, bis die beiden Verbrecher mit Handschellen gefesselt aus dem Wald geführt wurden. Mit großen Augen sah ich zu, wie sie jeweils in ein Polizeifahrzeug gesetzt wurden. Einer der Beamten bot mir an, einen Krankenwagen kommen zu lassen. Aber das lehnte ich ab. Ich wollte nur nach Hause, meine Katze in den Arm nehmen und Holger anrufen – das würde mir mehr helfen als Medikamente.

Dienstag, 12. August 2008, 9.00 Uhr. Gestern Abend war Holger wieder bei mir. Er konnte kaum glauben, was ich ihm erzählt habe. Irgendwann nach Mitternacht bin ich auf dem Sofa eingeschlafen. Als ich nach unruhigen Träumen aufgewacht bin, war es fast 9.00 Uhr. Holger schlief mit zur Seite geneigtem Kopf im Sessel. Ein wahrer Freund! dachte ich. Einer, der mich nie im Stich lässt! Ich stand auf und machte mir einen starken Kaffee, den ich auf dem Balkon trank und dazu eine Zigarette rauchte. Danach ging ich zum Briefkasten und holte die Pforzheimer Zeitung. Auf der Titelseite fand ich einen kleinen Bericht mit dem Hinweis auf Seite 7. Dort wurde der Fall Kielmann ausführlich beschrieben und dass die Mörder für lange Zeit hinter Gitter sitzen würden. Den Koffer mit dem wertvollen Schmuck hatte die Polizei in einem Schließfach am Bahnhof sichergestellt.

Epilog. Freitag, 20. Februar 2009, 20.00 Uhr. Wie jedes Jahr trafen sich die Eutinger Vereinsvorstände zur Sitzung des Fördervereins. Wie jedes Jahr wurden hier die Termine zur Bewirtschaftung des Eutinger Maislabyrinths festgelegt.

Holger saß neben mir und drückte meine Hand. Er fand, ich war mutig. Ich fand das auch! Ich wollte jedoch unbedingt, dass unser Verein wieder mitmacht. Aber eines schwor ich mir – egal, was ich zukünftig im Maislabyrinth vergessen würde, ich würde es nicht holen gehen! Nie im Leben!!! Silke Baumgartner