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14.10.2009

Münzgold

"Woher ich diese Münzen habe? Von einem Kunden, der sie aus Afrika mitgebracht hat. Nein, seinen Namen kenne ich nicht, er hat mir die Münzen für den Preis überlassen, den ich für Altgold zahle, da fragt man nicht nach.“ Der Inhaber des Pfandleihhauses an der Hamburger Hafenstraße wurde langsam nervös. Bei einer Routinekontrolle hatte der Zoll bei ihm drei goldene 1000-Schilling-Münzen aus Tansania beschlagnahmt, und nun behauptete der Beamte am Telefon steif und fest, diese Münzen gäbe es gar nicht. Wenn das stimmt, kann er sie als Verlust abschreiben. Immerhin drei Unzen Feingold!

Henning Mayer vom Hauptzollamt Hamburg stand vor einem Rätsel. Zum vierten Mal innerhalb kurzer Zeit waren diese eigenartigen, zehneckigen Goldmünzen aufgetaucht, die es eigentlich nicht gibt. Es gab nie 1000-Schilling-Münzen in Gold. Das hat ein Anruf bei der Deutschen Botschaft in Daressalam ergeben. Aber irgendwoher mussten die Münzen ja kommen. Vielleicht sollte er doch mal in Mannheim nachfragen, da gab es eine Abteilung der Staatsanwaltschaft, die sich mit Goldschmuggel beschäftigt. Seit der Goldpreis in Folge der zweiten Ölkrise explosionsartig in die Höhe geschossen war, war Gold zum begehrten Schmuggelgut geworden. Deutschland hatte zudem zum 1. Juli 1979 die Mehrwertsteuer auf 13 Prozent erhöht. Damit lohnte sich die Reise in die Schweiz oder nach Luxemburg. Gold konnte damals in diesen Ländern steuerfrei erworben werden. Die 13 Prozent Einfuhrumsatzsteuer zu sparen, versprach bei den aktuellen Preisen eine außerordentlich hohe Gewinnrate. Ein erheblicher Teil des geschmuggelten Goldes kam damals zur Verarbeitung in die Pforzheimer Schmuckindustrie. Aber selbst manche Banker konnten der Versuchung nicht widerstehen und brachten geschmuggeltes Gold in den Verkauf.

In der Vereinsgaststätte des TuS Hoheneck in Pforzheim trafen sich, wie jeden Tag um die Mittagszeit, die Ausfahrer der zahlreichen Pforzheimer Schmuckfabriken. Hier traf man die Fahrer der Kunden und die Fahrer der Lieferanten. Das ersparte so manchen Weg und ließ Zeit für das eine oder andere Bierchen. Außerdem erfuhr man hier immer das Neueste aus der Stadt. Aber das Clubhaus, wie die Fahrer ihr Domizil nannten, war auch Umschlagplatz und Tauschbörse für allerhand kleine und große Gefälligkeiten. Wer etwas suchte oder abzugeben hatte, ging ins Clubhaus. Hier traf der Heimarbeiter den Schmucksteinfasser für seine privaten Aufträge oder fand den Abnehmer für sein Altgold aus der eigenen, kleinen Werkstatt.

An diesem Mittag im September 1979 war etwas anders. Peter fehlte schon seit einigen Tagen. Peter war wichtig. Eigentlich kannte keiner seinen richtigen Namen, aber Peter arbeitete bei einer Scheideanstalt. Ihm konnte man getrost sein Gekrätz – der goldhaltige Abfall, der bei der Herstellung von Schmuck entsteht – anvertrauen und bekam wenige Tage später sauber glänzendes Feingoldgranulat zurück.
„Was ist mit dem Peter los? Der war schon lange nicht mehr hier. Ich warte auf meine Abrechnung.“
„Keine Ahnung, ich vermisse ihn auch schon seit Tagen. Ich habe einiges für ihn fertig. Das will ich nicht ewig rumliegen lassen.“
„Macht euch keine Sorgen, der Peter taucht schon wieder auf. Der ist schon öfter mal für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden.“
„Ja schon, aber ich brauche Material, ich habe einen interessanten Auftrag in Aussicht.“ Das Fehlen von Peter beunruhigte alle.

Manfred Rabe staunte nicht schlecht, als er das Päckchen aus Hamburg ausgepackt hatte. Da strahlten gleich sieben prägefrische 1000-Schilling-Goldmünzen um die Wette. Alle mit der typischen zehn-eckigen Form der Tansanischen Schillinge, alle mit dem Prägedatum 1975 und alle nagelneu glänzend. Einziger Mangel nur, 1000-Schilling-Goldmünzen aus Tansania hat es nie gegeben! Seit er sich bei der Staatsanwaltschaft Mannheim mit Goldschmuggel beschäftigte, war ihm so ein Fall nicht vorgekommen. Sicher, Krügerrand-Münzen oder Goldbarren tauchten schon ab und zu auf, manchmal ließen sich die Schmuggler auch allerhand einfallen, um das Gold zu verstecken. Aber falsche Goldmünzen, das hatte es bisher noch nie gegeben. Rabe wusste, Ziel des geschmuggelten Goldes war in vielen Fällen Pforzheim. Hier wurde das geschmuggelte Gold verarbeitet und in Form von Schmuck in alle Welt verkauft. Aber diese Münzen waren nicht in Pforzheim aufgetaucht, sondern in Hamburg. Außerdem waren die Münzen bei Pfandleihern beschlagnahmt worden, die deutlich weniger bezahlen, als den tatsächlichen Goldwert. Irgendwie ergab das alles keinen Sinn.

Es war schon spät, aber in der kleinen Presserei im Hinterhof des Hauses an der Kaiser-Friedrich-Straße brannte noch Licht. Erich arbeitete heute aber nicht an dem alten Fallwerk, das er vor einem Jahr wieder gerichtet hatte und an dem er immer am Abend, wenn die anderen Feierabend hatten, noch arbeitete. „Manche Aufträge muss man eben selbst erledigen,“ sagte er immer, wenn er von seinem Vater darauf angesprochen wurde. Der Vater hatte sich vor zwei Jahren zur Ruhe gesetzt und ihm den kleinen Betrieb überschrieben. Erich fertigte Pressungen für die Schmuckindustrie. Hauptsächlich Teile für hohlen Ohrschmuck. Die komplizierten Werkzeuge baute der gelernte Stahlgraveur selbst, tagsüber beschäftigte er noch drei Hilfskräfte, die an der Exzenterpresse und an den Fußtrittpressen die Teile fertigten. Am Fallwerk arbeitete nur er. „Das ist zu gefährlich für ungelernte Leute“, sagte er immer.

Heute aber hatte Erich Besuch. Hubert, der Fahrer der Scheideanstalt, bei der auch Peter arbeitet, war bei ihm vorbei gekommen. „Sie haben den Peter eingesperrt, aber sie mussten ihn wieder laufen lassen. Es hieß, er hätte etwas mit dem Goldschmuggel zu tun. Du weißt schon, stand doch in der PZ. Sie konnten ihm aber nichts nachweisen. Jetzt ist Peter für einige Zeit untergetaucht,“ erklärte Hubert. „Was wird dann aus meinem Auftrag? Das ist doch alles erst richtig angelaufen!“ Erichs sorgenvoller Blick war auf Hubert gerichtet. Die Nervosität war ihm anzusehen. „Du sollst Dir keine Sorgen machen, niemand weiß etwas von Dir. Ich habe hier noch ein paar Kilo Material, das sollst Du für Peter aufbewahren, bis sich die Wogen geglättet haben. Bis dahin ist die Produktion eingestellt. Peter meldet sich bei Dir.“ Erich schloss die schwere Aktentasche in seinem Tresor ein und beide verließen die Werkstatt. Erich wollte noch auf ein Bierchen im Clubhaus vorbeischauen.

Im Clubhaus saßen um diese Zeit normalerweise nur die Leute vom Sportverein. Die Fahrer kamen abends nie hierher. Erich schaute sich nach einem freien Platz um, da entdeckte er Martin, der alleine an einem Tisch in der Ecke des Clubhauses saß. Martin arbeitete bei einem Werkzeughändler. Martin kannte jeden. Er ging in den meisten Pforzheimer Schmuckfirmen ein und aus. Ins Clubhaus kam er nur selten. Wenn die Heimarbeiter etwas brauchten, sagten sie es dem Fahrer des Werkzeughändlers und Martin richtete ein Päckchen und gab es am nächsten Tag mit.
„Hast Du schon gehört, “ fragte Erich, „der Peter…“
„Ich weiß, “ antwortete Martin, „Goldschmuggel sagt man, aber da hat Peter nichts mit zu tun.“
„Bist Du Dir da so sicher? Irgendwo muss Peter sein Gold ja her haben.“
„Aber doch nicht schmuggeln, das ist zu groß, zu riskant. Da stecken ganz andere Kaliber dahinter.“
„Na ja, nur das bisschen Gekrätz kann‘s wohl auch nicht sein!“
Erich merkte, dass Martin das Thema unangenehm war. Er bohrte nicht weiter, sie unterhielten sich stattdessen über Fußball. Der 1. FC Pforzheim spielte am Samstag im DFB-Pokal bei 1860 München. Das war das Gesprächsthema in der Stadt. Nicht auszudenken, wenn der FCP gewinnen würde!

Am nächsten Morgen kam in Mannheim eine Expertenkommission zusammen, um über die eigenartigen Goldmünzen zu beraten. Inzwischen waren 1000-Schilling-Münzen in mehreren deutschen Großstädten aufgetaucht. Die Zahl der bekannten Funde lag nun bei 21. Seit Jahresbeginn war der Feingoldpreis um mehr als 500 Prozent gestiegen. Alleine was hier auf dem Tisch lag, war Gold im Wert von mehr als 15.000 D-Mark. Und das war sicher nur die Spitze des Eisberges. Leute vom Zoll gehörten ebenso zu der Gruppe wie Beamte der Deutschen Bundesbank, der Kripo und der Staatsanwaltschaft. Sogar ein Vertreter der Botschaft von Tansania war zugegen.
„Niemals gab es in meinem Land Münzen wie diese. Das sind Fälschungen die außerhalb Tansanias entstanden sind. Wir fordern die deutschen Behörden auf, den Fall schnellstens aufzuklären und die Schuldigen hart zu bestrafen. Schon die Existenz der falschen Münzen tritt die Ehre meines Landes mit Füßen.“
„Bitte beruhigen Sie sich. Die Münzen versprechen eine Unze Feingold und genau diese Unze Feingold ist auch in jeder der Münzen enthalten. Daran ist nichts, was die Ehre verletzen könnte.“
„Ja, aber warum sollte sich jemand die Mühe machen und Münzen prägen, nur um sie nach Deutschland zu schaffen? Das ist genauso illegal wie jede andere Form von Goldschmuggel auch.“
„Außerdem haben wir noch nie eine solche Münze bei einer Grenzkontrolle entdeckt. Auch haben unsere Kollegen in Frankreich, Italien oder Österreich noch keine einzige der Münzen gefunden.“
„Das würde ja bedeuten, dass die Fälschungen aus Deutschland stammen. Aber was ergibt das für einen Sinn, wenn jemand aus teurem Gold falsche, ausländische Münzen herstellt und diese dann unter dem Goldwert verkauft?“

Martin arbeitete hauptsächlich im Ladengeschäft in Pforzheim. Große Kunden besuchte er aber auch regelmäßig im Betrieb, nahm eine Liste auf und organisierte die Lieferung. Die wenigen auswärtigen Kunden bestellten die Werkzeuge normalerweise telefonisch. Nur die großen besuchte Martin ein oder zwei Mal pro Jahr. An diesem Freitag stattete er einem zahntechnischen Labor in Freiburg einen Besuch ab. Zahntechniker gehörten schon immer zu Martins Kunden, arbeiten sie doch häufig mit denselben Werkzeugen und Techniken, die auch in der Schmuckfertigung zum Einsatz kommen. Die Fräser, Schleifkörper und Polierer waren geordert, neue Kataloge übergeben und die neuesten Neuigkeiten aus der Branche ausgetauscht, als Herr Metz, der Zahntechniker, eine große Plastikdose aus einem Tresor hervor holte. Die Dose war gut gefüllt mit Zahngold. Teilweise hingen an den Brücken und Kronen noch Reste der ausgezogenen Zähne, teilweise handelte es sich aber auch um wie neu aussehende, glänzende Teile.
„Das habe ich von einem meiner Zahnärzte. Er fragt, ob Sie das zu Geld machen können. Ist alles mit den Kassen abgerechnet, Sie verstehen schon?!“
„Geht klar, kann aber etwas dauern, mein Partner ist derzeit verreist.“
„Kein Problem, Hauptsache ich bekomme das Geld bar und ohne Beleg.“

Die Expertenkommission war zu keinem greifbaren Ergebnis gekommen. Man ging aber ab sofort davon aus, dass die Münzen in der Bundesrepublik Deutschland gefälscht wurden. Das Motiv lag zwar noch immer im Dunkeln, jede andere Möglichkeit konnte aber praktisch ausgeschlossen werden. Da Pforzheim schon in Bezug auf die Schmuggelaffäre im Fokus der Staatsanwaltschaft stand, beschloss man, einen Ermittler abzustellen, der die Pforzheimer Schmuckszene unter die Lupe nehmen sollte. Zumindest die technischen Voraussetzungen schienen hier gegeben. So kam Jürgen Michelmann in die Goldstadt. Michelmann wurde der Pforzheimer Kriminalpolizei als Sonderermittler zugeteilt. Von seinen Pforzheimer Kollegen erfuhr er viel über die Schmuckfertigung und über die verschiedenen Berufsbilder, die in Pforzheim anzutreffen waren. Schon bald war ihm klar, dass der Schlüssel zu den falschen 1000-Schilling-Münzen in einer der zahlreichen Pressereien liegen musste.

Da Peters Auftrag storniert war, musste Erich an diesem Samstag nicht arbeiten. Also kaufte er sich kurz entschlossen eine Fahrkarte für den Sonderzug nach München. Er wollte sich das Pokalspiel des FC Pforzheim bei den Münchner Löwen nicht entgehen lassen. Bereits am Hauptbahnhof traf er etliche der Fahrer, die er aus dem Clubhaus kannte. Noch bevor der Zug Mühlacker erreicht hatte, war der Salonwagen fest in der Hand der Clubhäusler. Neben dem Fußball war natürlich das Verschwinden von Peter und der Stopp seiner sämtlichen Aufträge Thema Nummer eins im Barwagen. Fast alle hatten direkt oder indirekt mit Peter zu tun. Peter kaufte und verkaufte, Peter vergab Aufträge und vermittelte Geschäfte. Völlig abrupt war alles ins Stocken geraten.

Die erste Spielhälfte verlief ganz nach dem Geschmack von Erich. Die Löwen waren in der 17. Minute durch ein Tor von Josef Stering in Führung gegangen, doch konnte Kwolek nur sechs Minuten später mit einem fulminanten Schuss ausgleichen. Nach dem Pausenbier wollte Erich gerade die Toilette aufsuchen, als ihn eine vertraute Stimme ansprach. „Hallo Erich, alles klar in Pforzheim? Hast Du noch Zeit für eine Zigarette?“ Die zweite Halbzeit verbrachte Erich hinter der Tribüne im Gespräch mit Peter. Peter berichtete, dass er in eine Verkehrskontrolle gekommen war. Die Beamten haben bei ihm eine Menge Bargeld und einige Kilo Gold gefunden. Sofort war er mit der Schmuggelaffäre in Verbindung gebracht und verhaftet worden.

„Mit dem Schmuggelgold habe ich aber nichts zu tun, das ist mir zu heiß. Die konnten mir auch nichts nachweisen und mussten mich schließlich wieder laufen lassen. Aber wir sollten dennoch vorsichtig sein. Hubert hat Dir das Material gebracht. Bei Dir ist es sicher aufgehoben. Aber schaff die Werkzeuge in Sicherheit. Pass gut darauf auf, wir brauchen sie noch, aber bring sie an einen sicheren Ort. Wir müssen die Produktion vorerst einstellen. Ich bleibe zunächst hier in München, schau Du zu, dass in Pforzheim nichts zu finden ist. Ich ruf Dich morgen an, wie‘s weiter gehen soll.“ Einen Augenblick später war Peter in der Menge verschwunden. Dass Pforzheim inzwischen mit 6:1 verloren hatte, hat Erich nicht wirklich mitbekommen. Die Rückfahrt verbrachte Erich in einem der hinteren Wagen. Während seine Freunde im Salonwagen feierten, grübelte er im Halbdunkel über die Worte von Peter.

Jürgen Michelmann war zum ersten Mal im Clubhaus. Er hatte eine Münze bei sich und fragte, was die wohl Wert wäre und wo man sie verkaufen könne. Die eigenartige, zehneckige Goldmünze zeigte auf einer Seite einen Löwen, auf der Rückseite den Kopf eines Mannes, wahrscheinlich ein afrikanischer Präsident. Die Münze ging von Hand zu Hand. Keiner sagte ein Wort. Erich gefror das Blut in den Adern. „Am Leo ist ein Münzhändler“, sagte er, „direkt neben der Deutschen Bank, im ersten Stock. Vielleicht fragen Sie da mal nach, der kennt sich ziemlich gut aus.“

Am Abend packte Erich die Prägewerkzeuge von Peter dick in Ölpapier und brachte sie zur KFZ-Werkstatt seines Schwagers. „Das hier musst Du für mich aufheben. Keine Ahnung wie lange, aber pass auf, dass nichts damit passiert.“ Mit diesen Worten legte er den Packen auf die Werkbank und eilte auch sofort zum Tor hinaus, noch bevor sein Schwager etwas erwidern konnte. Zurück in der Kaiser-Friedrich-Straße ging Erich direkt zum Tresor und nahm die Dose mit den Münzen heraus. Er hielt gut ein Duzend der fertigen Goldstücke in der Hand. Er steckte sie in seine Jackentasche, verschloss den Tresor und machte sich auf den Weg zu Wolfgang, seinem alten Schulfreund, der gerade den Meisterkurs an der Goldschmiedeschule besuchte. Die Abendschule war um 21 Uhr zu Ende, da könnte er jetzt gerade zu Hause sein.

Erich traf Wolfgang beim Abendessen. Er nahm die Einladung zu einem Bier an und setzte sich zu Wolfgang an den Küchentisch. „Ich brauche Deine Hilfe!“ Erich kam ohne Umschweife zur Sache. „Du musst mir schnell was umarbeiten.“ Erich legte die Münzen auf den Küchentisch.
„Was soll ich mit den Münzen?“
„Frag nicht, mach etwas daraus. Ringe, Ketten ganz egal. Hauptsache, Du wirst bis übermorgen fertig.“
„Du spinnst, ich arbeite acht Stunden am Tag und gehe am Abend zur Meisterschule. Wie soll das gehen?“
„Ich zahle gut!“
„Wie gut?“
„Nimm Dir eine der Münzen.“
„O. k., Donnerstagabend, die selbe Zeit.“
Erich trank sein Bier aus und machte sich etwas beruhigt auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen bekam Erich Besuch von Jürgen Michelmann. Erich wies gerade seinen Mitarbeitern die Arbeit zu, als der Polizist zur Werkstatttür hereinkam. Michelmann erkundigte sich nach den laufenden Aufträgen, er schaute sich die Werkstatt an und er befragte die drei Mitarbeiter von Erich. Danach ließ er sich ausgiebig das Fallwerk erklären. Die kleine Maschine, für feinste Prägungen. Michelmann ließ sich sämtliche Werkzeuge zeigen. Besonders beeindruckt war er von den alten Prägestempeln, mit denen Erichs Vater vor Jahren Karnevalsorden für verschiedene Kölner Karnevalsgesellschaften geprägt hatte. „Mein Vater hat noch viele Orden gemacht, heute gehen nur noch die ganz Besonderen, die teuren Ehrenorden. Die billigen werden in Weichguss hergestellt und lackiert. Aber die guten, die werden auch noch heute aus Tomback geprägt und farbig emailliert. Jetzt im Herbst kommen die Aufträge. Dann werden die Werkzeuge erstellt und Anfang Januar gehen die Orden raus. Das ist eigentlich das Einzige, was wir mit dem alten Fallwerk noch machen, nur dafür halten wir das gute Stück in Schuss.“

Seit Michelmann im Clubraum aufgetaucht war, blieben die meisten Fahrer weg. Entweder sie suchten sich einen anderen Treffpunkt oder sie kamen nur kurz rein, gaben Stefan, dem Wirt, ihre Päckchen und verschwanden wieder. Stefan verwaltete nun die Botengänge der Pforzheimer Schmuckindustrie und Michelmann saß am Tresen und beobachtete das Treiben. Als Martin ins Clubhaus kam und am Stammtisch Platz nahm, setzte sich Michelmann zu ihm. Martin bestellte geschmälzte Maultaschen mit grünem Salat. An der Stuhllehne baumelte eine Einkaufstüte, die, wie es schien, schwer beladen war.
„Nicht schlecht, das Essen hier.“ Martin schaute auf.
„Ja, ganz in Ordnung. Ich komm nur leider viel zu selten hierher.“
„Sie warten auf jemanden?“
„Ja, der Hubert von der Scheideanstalt. Ich habe ein Paket für ihn.“
Da mischt sich Stefan der Wirt ein: „Das kannst Du hier lassen, der Hubert kommt zur Zeit immer erst spät. Ich kann‘s ihm ja weitergeben.“
„Was ist denn drin in dem Paket?“ wollte Michelmann wissen?
„Nichts Besonderes, nur ein bisschen Zahngold für die Scheideanstalt.“

Am Donnerstagabend um die verabredete Zeit traf Erich bei Wolfgang ein. Der Schmuck war fertig. Mehrere schwere Halsketten, Ringe und ein Armband. Alles aus massivem Gold.
„Die Sachen sind richtig schwer, aber mehr ging nicht, die Zeit war einfach zu kurz, da konnte ich nur so wenig als möglich einzelne Stücke schaffen.“
„Kein Problem, das ist genau richtig. Hast Du Dir Deine Münze weggenommen?“
„Natürlich, wie ausgemacht.“
„Na, dann ist ja alles klar, da muss ich nur noch den Schmuck zu Peter bringen.“

Am Freitag tagt die Ermittlungsgruppe in Mannheim. Michelmann berichtete von seinen Beobachtungen in Pforzheim. Der Vertreter der Bundesbank gab die Zahl der gefundenen Goldmünzen mit inzwischen 37 an. Die interessanteste Neuigkeit aber kam von der Staatsanwaltschaft: In Freiburg ermittelt die Polizei gegen einen Zahnarzt wegen Krankenkassenbetrugs. Er soll über Jahre Behandlungen abgerechnet haben, die er nie durchgeführt hat. Konnte da ein Zusammenhang mit den Goldmünzen bestehen? Michelmann wurde hellhörig.

Am Samstagmorgen in aller Herrgottsfrühe war Erich in seiner Presserei an der Kaiser-Friedrich-Straße. Er nahm Peters schwere Aktentasche aus dem Tresor und schaffte sie zum Auto. Den Schmuck, den Wolfgang so schnell angefertigt hatte, hatte er bereits in einer zweiten Tasche im Kofferraum verstaut. Nun fuhr er zum verabredeten Treffpunkt, einem Brauereigasthof in Adelsried bei München, gleich in der Nähe zur Autobahn. Sie wollten dort zusammen frühstücken, die Sachen übergeben und dann würde Peter für einige Zeit ins Ausland reisen. So hatte Peter sich das vorgestellt und Erich am Telefon erklärt. Erich war froh, dass alles bald ein Ende hätte.

Als Erich in Adelsried eintraf, wartete Peter bereits auf ihn. Er saß an einem der rustikalen Holztische, dampfender Kaffee stand vor ihm auf dem Tisch. Als Erich sich dazu setzte, brachte die Wirtin Weißwürste, Leberkäs und Brezeln. Peter wusste schon immer, was gut ist! „Hast Du alles dabei?“ wollte Peter wissen. „Klar doch!“ kam die prompte Antwort. „Dann ist ja alles bestens. Lass uns in Ruhe frühstücken, dann bringe ich die Sachen in die Schweiz in Sicherheit und um 13 Uhr geht mein Flieger.“ Erich schenkte sich gerade die zweite Tasse Kaffee ein, als Michelmann in Begleitung von drei Beamten in Uniform zur Türe herein kam. Michelmann ging direkt auf die beiden zu.
„Meine Herren, ich muss Sie festnehmen wegen Falschmünzerei und Beihilfe zum Sozialversicherungsbetrug. Kommen Sie bitte mit uns.“
„Wie bitte, was müssen Sie?“ stammelte Erich.
„Das müssen Sie uns schon näher erklären!“ fügte Peter hinzu.
„Das ist doch ganz einfach“ erwiderte Michelmann, „mindestens ein Zahnarzt hat über Jahre für Patienten, die bei ihm in Behandlung waren, Anträge auf Zahnersatz gefälscht. Wenn diese genehmigt waren, hat er sich über ein zahntechnisches Labor das Zahngold besorgt. Da er den Eigenanteil an die Patienten nicht berechnet hat, konnte das niemand merken. Das Zahngold gelangte dann über einen Werkzeughändler zu Ihnen nach Pforzheim, wo es in der Scheideanstalt wieder in Feingold zurück verwandelt wurde. Damit wurde im Clubhaus der TuS Hoheneck ein reger Schwarzhandel aufgezogen. Das ging so lange gut, bis mehr Gold vorhanden war, als im Clubhaus verkauft werden konnte. Man musste also einen anderen Weg finden, das Gold unauffällig an den Mann zu bringen. Da kam die Idee mit den Goldmünzen ins Spiel. Wer Gold scheiden kann, der kann es auch zu einer Legierung verarbeiten. Die Goldplatten kamen in die Presserei. Für einen guten Stahlgraveur ist es kein Problem, die notwendigen Prägewerkzeuge herzustellen. Die Produktion konnte beginnen. Am Wochenende ging es dann in die großen Städte zu den Pfandleihern und Münzhändlern. Diese kauften die Münzen gerne ab, handelte es sich doch offensichtlich um seltene, unbekannte Exemplare. Ein Risiko bestand augenscheinlich auch nicht, der Preis lag immer knapp unter dem offiziellen Tageskurs. Wer weiß wie viele Münzen so in den Umlauf gelangten, bis eines Tages der Zoll bei der Kontrolle eines Pfandhauses in Hamburg erstmals auf die falschen Münzen aufmerksam wurde.“

Bei der Kontrolle der beiden Fahrzeuge wurden in Erichs Wagen mehrere Kilo Gold, in Peters Wagen mehrere Hunderttausend D-Mark sichergestellt. Zu gleicher Zeit wurde in Pforzheim Martin an seinem Arbeitsplatz in der Werkzeughandlung und in Freiburg der Inhaber des zahntechnischen Labors Metz festgenommen. Martin Hämmerle