


BAD WILDBAD. „Als ich den Text von Generalis Oper ,Adelina’ gelesen hab, war ich mir anfangs etwas unsicher, ob die Geschichte für den heutigen Zuschauer von großem Interesse ist“. Kay Link, der die Opernrarität bei „Rossini in Wildbad“ inszeniert, hat aber schnell erkannt, dass neben dem historischen Interesse an dieser Oper auch die Handlung die Besucher ansprechen kann. „Die schweizerische Idylle, die im Libretto beschworen wird, hat mich von Anfang an stutzig gemacht. Denn wenn man sich näher mit der Oper befasse, dann könne man doch so manche Risse in dieser Welt erkennen“, erzählt der gebürtige Pforzheimer.
Zudem sei die Handlung um Adelina, die unverheiratet ein Kind bekommt und von ihrem bigotten Vater verstoßen wird, durchaus aktuell. „Wenn Varner, Adelinas Vater, heute ein rechtspopulistischer Politiker in der Schweiz wäre, der sich gerade im Wahlkampf befindet“, so Link, könne man sich vorstellen, wie dieser auf die Schwangerschaft seiner Tochter reagieren würde. „Adelina ist ganz auf sich allein gestellt und unternimmt den Versuch, dem Vater die Wahrheit zu sagen, versucht die Wahrhaftigkeit in ihrer Beziehung mit ihm wiederherzustellen“. Interessanterweise hätten sich schon zur Entstehungszeit Librettist und Komponist auf die Seite der Schwächeren geschlagen und die Bigotterie des Vaters deutlich gemacht.
Link möchte auch Nebenfiguren der Handlung wie die Schwester Charlotta, die den Vater für ihre Interessen instrumentalisiert oder den Bauern Jacopo mehr Gewicht verleihen. Dieser Jacopo wird in Links Sicht im Kurtheater ein dem inzestuösen Dorfleben geschuldeter, zurückgebliebener Junge, der durchaus die Frucht eines Fehltritts von Varner sein könnte.
Auch dem gattungstypischen Happy-End dieser Semi-Seria, die die Elemente der komischen Opera buffa mit der der ernsten Opera seria verbindet, steht der Regisseur mit gesunder Skepsis gegenüber. Optische Unterstützung für die Verlegung in die Gegenwart erhält er durch den Bühnenbildner Anton Lukas, der der vorgeblichen Schweizer Postkarten-idylle die Waschbetonwelt der Kleinbürger gegenüberstellt.
Besonders freut sich Link über die sehr konzentrierte Arbeit beim Rossini-Festival. Das Ensemble aus Sängern, die alle im italienischen Stil ausgebildet wurden, arbeite hervorragend mit dem Dirigenten Giovanni Battista Rigon zusammen, der viel stilistische Kompetenz für die 1810 uraufgeführten „Adelina“ mitbringe. In der gleichen Saison wie Pietro Generalis „Adelina“ wurde am San Moisè-Theater in Venedig auch Rossinis Opernerstling „La cambiale di Matrimonio“ uraufgeführt, wobei Generali ( 1773 bis 1832) in der Gunst des Publikums damals die Nase vorne hatte. Thomas Weiss
„Adelina“ wird bei „Rossini in Wildbad“ im Kurtheater am 16. und 24. Juli aufgeführt.





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