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14.10.2009

Romeos Ring

Das junge Laub der Büsche und Bäume, von Schädlingen noch unversehrt, schien geradezu aus sich heraus zu leuchten. Wie mit Silberstaub überpudert, glitzerte die Enz, während sie träge durch ihr Bett floss, und die Ufer schmückten bunte Blüten. Tatsächlich?

Romeo brachte seiner Julia eine und wedelte mit dem Schwanz. Doch die war ganz und gar nicht davon entzückt. „Pfui Teufel!“ Mit spitzen Fingern nahm sie ihrem Retriever-Mix die klebrige Bonbontüte aus dem Maul und sah sich nach einer moralisch vertretbaren Entsorgungsmöglichkeit um. Ärger breitete sich in ihr aus, verdrängte die frohe Stimmung, mit welcher sie das Haus verlassen hatte. Ja, war es denn ihre Aufgabe, sich um die Hinterlassenschaften solcher Schmutzfinken zu kümmern? Wirklich unglaublich, was die Leute so alles in die Botanik warfen, und sie hatte sich ausgerechnet einen Hund angeschafft, der das Aufräumen liebte, jeden Unrat anschleppte, als wäre es die größte Kostbarkeit und dann auch noch ein Lob erwartete. Bisher brachte es Julia nie übers Herz, ihn zu enttäuschen – bisher. Was tut man nicht alles für seinen besten Freund. Eine weitere Beute zwischen den Zähnen, kam er gerade wieder mit leuchtenden Augen an und baute sich erwartungsvoll vor Julia auf. Bleich wich sie zurück und ließ die Bonbontüte fallen.

Mühsam bahnte sich der Goldbus seinen Weg durch den frühmorgendlichen Verkehr, passierte die Leopoldstraße und ordnete sich an der Kreuzung zur Zerrenner links ein. Wie immer, wenn er sich auf Pforzheims Straßen zeigte, zog er die Blicke der Passanten auf sich. Unwillkürlich blickten sogar mürrisch Gestimmte hinauf zu den Fahrgästen, winkten ihnen zu und lächelten – als wären sie selbst auf einem außergewöhnlichen Tripp unterwegs, dem heute wieder neu drohenden Arbeitstrott entflohen.

Auch Hauptkommissar Anton Härle und Joshua Winter winkten von ihren Fensterplätzen aus zurück. Spontan hatte Härle den jungen, erst vor wenigen Tagen aus Berlin eingetroffenen Kollegen zu dieser Sonderfahrt eingeladen, um ihm Pforzheim, seine neue Wirkungsstätte, zu präsentieren. Härles geschliffener Spürsinn arbeitete auch jetzt wie gewohnt, ließ seinen Blick gleich wieder über die anderen Fahrgäste schweifen. Sie passten allesamt viel besser zu diesem Gefährt, dachte er bei sich. Einheimische Designer und Goldschmiede hatten auswärtige zu einem Treffen nach Pforzheim geladen, und dazu gehörte nun mal eine Stadtrundfahrt.

Manche hatten dafür gesorgt, dass man ihnen ihren Beruf auch ansah, beispielsweise jener Endvierziger neben der Brünetten am Fenster schräg gegenüber – Designer und Goldschmied Wolfgang Adrian. Angeblich war seine Frau mit seinem ehemaligen Lehrling durchgebrannt, und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, konnte sich Adrian bei einem kürzlichen Wettbewerb nur unter ferner liefen platzieren. So hatte es jedenfalls ein übereifriger Journalist in seinem Artikel dargestellt.

Nun, dachte sich Härle, falls ihm das wirklich zugesetzt hatte, so ließ Adrian sich jedenfalls nichts anmerken, plauderte vergnügt mit seiner Nachbarin. Jetzt sprachen sie sogar über diesen Wettbewerb. Sie kenne eines der Jurymitglieder, meinte die Brünette, eine gewisse Laura Grün. Adrian horchte auf. Aber die sei doch wegen Erkrankung ausgefallen. Nein, nein, schüttelte die Brünette ihre Mähne, sie sei rechtzeitig wieder gesund geworden.

Nachdenklich verstummte darauf der Designer, und der Kommissar, abgelenkt durch seinen neuen Kollegen, registrierte nur noch aus dem Augenwinkel, wie Adrian das Collier der Brünetten bewunderte. Jetzt streckte er sogar eine Hand aus und ließ die weißgoldenen Kettenglieder durch seine schlanken Finger gleiten. Die Frau ließ es geschehen, aber dem Kommissar entging doch nicht ihre leichte Irritation. Gespannt wartete er darauf, wie viel sie noch zulassen würde, als quietschende Reifen und ein abrupter Ruck Adrians Herumfingern ein jähes Ende bereiteten. Auch er schaute jetzt nach vorn auf die Straße, wie alle übrigen. Dort richtete sich eine junge Blondine gerade wieder auf und erwehrte sich der besorgt leckenden Zunge eines tiefer gelegten Golden Retrievers.

Härle verließ den Bus, der mit blinkenden Warnlichtern die Auer Brücke blockierte, und trat zu der Gestürzten. „Sie ist mir direkt vor den Bus gelaufen“, rechtfertigte sich der Fahrer dem Kommissar gegenüber, als erwartete er, gleich Handschellen angelegt zu bekommen.

Julia brachte kein Wort heraus, war immer noch schneeweiß im Gesicht, während Adrian den auf der Straße umher irrenden Hund am Halsband zu ihr schleifte. Auch die meisten anderen Fahrgäste waren inzwischen ausgestiegen und wichen ungeduldigen Autofahrern aus. Härle sah sich zum Handeln genötigt. „Treten Sie bitte beiseite, alle“, dirigierte er, führte Julia zum Bus und bat die noch darin Verbliebenen, draußen auf dem Gehsteig zu warten. Auch Adrian, der Romeo als Eintrittskarte missbrauchen wollte, fand sich im nächsten Augenblick hundlos hinter geschlossener Bustür wieder. Winter hatte sich zum Empören der anderen gerade noch hinein gequetscht.

Julia sank in weiche Polster und vergrub beide Hände in Romeos Fell. „Ich weiß nicht, wo er ihn gelassen hat“, stammelte sie mit Blick auf ihren hechelnden Vierbeiner, auf dessen rosig glänzende Zunge. „Wenn er ihn nun...“
„Wenn er wen was?“, unterbrach Härle mit sanfter Stimme und bat Joshua um eine Flasche Wasser. „Frau...?“
„Reinfahl, Julia Reinfahl.“ Dankend ergriff Julia die Flasche und nahm einen langen Schluck. „Ich war so kopflos, als Romeo plötzlich...“ Sie stockte, sah auf ihren Hund, „...den Finger anschleppte.“ Härle und Winter sahen einander an. „Einen Finger?“ Julia konnte nur nicken. „Von einer Frau, lila lackiert. Wenn Romeo ihn nun...“

Der Retrievermischling würgte vernehmlich. Härle zückte sein Handy. „Wo genau war das?“ Julia wandte sich zum Fenster um und deutete über die Brücke zum Enzufer. Und wenn sie sich das alles nur eingebildet hatte? Wäre ja gut, zumindest für die Besitzerin des Fingers. Der jungen Frau drohten die Sinne zu schwinden, so sehr fürchtete sie um ihre geistige Verfassung.

Gelassen, ohne mit seinen nicht vorhandenen Wimpern zu zucken, schien der Flößer-Torso von seinem Logenplatz an der Auer Brücke aus das Geschehen zu verfolgen. Einer, der einen noch besseren Platz beanspruchte, wurde mit sanfter Gewalt zweier Ordnungshüter von der Statue gepflückt.

Dabei gab es beidseits der Enzufer im Grunde nichts anderes zu sehen als sonst auch: Leute, die von ihren Hunden ausgeführt wurden. Allerdings trugen diese Leute alle dasselbe Outfit – blaue Uniformen. Gehorsam folgten sie ihren belgischen und deutschen Schäferhunden, die mal hierhin, mal dorthin drängten, die Nasen vom Grasboden wie magnetisch angezogen.

Das Publikum auf der Brücke, egal auf welcher Seite, mochte sich die Hälse noch so verrenken. Zu sehen bekam es nichts, als die Meute schließlich Alarm bellte, denn die weibliche Leiche lag, Gesicht und Arme im Wasser, am südlichen Ufer unter der Brücke. Ihr rechter Ringfinger blieb allerdings verschollen.

Wenigstens etwas einte die Kommissare Härle und Winter mit Designer Adrian. Letzterer hatte nach dem ungeplanten Zwischenfall ebenfalls den Goldbus fahren lassen. Und wie die Kommissare kehrte auch er sofort in sein alltägliches Leben zurück und vergrub sich in seiner in der Poststraße gelegenen Werkstatt, unweit der Schmuckwelten, streifte sich Vinylhandschuhe über und machte sich an die Arbeit.

Es war noch nicht Mittag, als Adrian sein Werk vollendete. Prüfend hielt er den Damenring aus vierzehnkarätigem Gelbgold ins Licht, und obwohl es nur spärlich durch den Hinterhof einfiel, schien das Schmuckstück wie aus eigener Kraft den düsteren Raum zu erhellen. Gekrönt wurde es von einem Aquamarin, umgeben von Diamantsplittern. Im raffinierten Facettenschliff brach sich das Licht und erweckte so den Eindruck eines blitzenden, wasserblauen Auges.

Der Meister nickte zufrieden. Dieser Ring, ansprechend und doch nicht zu protzig, also auch an gewöhnlichen Tagen tragbar, konnte seinen Zweck erfüllen. Wie bei einem Verbrechen ertappt, fuhr Adrian plötzlich herum und verfluchte wieder einmal seine Zerstreutheit. Ihr hatte er zu verdanken, dass er abzuschließen vergaß und sich nun unvorbereitet Jonas Lohner, seinem einstigen Lehrling gegenüber sah.
„Tschuldigung, ich habe geklopft, aber Sie haben es offenbar nicht...“
„Ja, ja, schon gut“, unterbrach der Designer ihn mühsam beherrscht und ließ den Ring unauffällig in einer Schublade verschwinden.
„Tut mir Leid, dass das Schicksal ausgerechnet mich in die Jury berufen hat“, meinte Lohner verlegen. Adrian winkte ab. „Lassen Sie's gut sein. Ich nehme nicht an, dass Sie nur gekommen sind, um mir das zu sagen.“
„Äh – nein.“ Lohner warf einen Blick auf die Papierstapel auf Adrians Schreibtisch. „Sandra bat mich, ihre Entwürfe abzuholen.“ Seufzend wandte sich Adrian um und durchwühlte seine Unterlagen. „Enttäuscht mich allerdings ein bisschen, dass sie das nicht selbst tun kann“, meinte er dabei. „Wo sie es jetzt immerhin fertig gebracht hat, unser beider Jahre lang gehütetes Geheimnis preis zu geben.“

Lohner nahm die Schmuckentwürfe entgegen und beteuerte, nur ihm habe sie anvertraut, dass es ihre seien und er wiederum nur den übrigen Jurymitgliedern, denn... Adrian fiel ihm ins Wort. „Ja, ja, ich weiß, man schmückt sich nicht mit fremden Federn. Aber seien Sie versichert, Sandra hat sich dafür immer gut von mir entschädigen lassen, und ob ihre Entwürfe ohne mich jemals realisiert worden wären...“

Adrian brach ab, denn Lohner hatte sich zur Tür vorgearbeitet und bereits den Griff in der Hand. „Gehen Sie ruhig. Sie haben sicher Besseres zu tun, als meinen Erläuterungen zu folgen.“ Der einstige Lehrling versuchte zu widersprechen, aber Adrian ließ ihn nicht. „Nutzen Sie Ihre Zeit. Sie ist bemessen – wie bei uns allen“, fügte er schnell hinzu.

Schon am Fundort konnte die Identität der Leiche geklärt werden. Laut Personalausweis handelte es sich um die vierunddreißigjährige Kim Langenthal, wohnhaft in der Pforzheimer Südstadt, unterhalb des Wildparks, in einer schmucken Villa. Härle und sein neuer Kollege mussten Sturm läuten, um herein gelassen zu werden, denn Rolf Langenthal, Kims Gatte, war gerade am Staub saugen. Verwundert bat er sie ins Wohnzimmer und bot ihnen einen Platz an.

„Es wäre wohl besser, Sie setzten sich“, meinte Härle vorsorglich. Der junge Mann sank in einen schwarzen Ledersessel und wollte fragen, weshalb er seine Hausarbeit unterbrechen müsse, als ihm plötzlich einfiel, dass er noch die Schürze vom Spülen der Sektgläser trug.

Der Kommissar gebot ihm, sitzen zu bleiben, nahm die Schürze entgegen und reichte sie Winter. Der hängte sie in der Küche über einen Stuhl und sah sich länger um, als die polizeilichen Ermittlungen es zum derzeitigen Stand der Dinge erforderten. Endlich – sein Chef musste es dem Mann mitgeteilt haben. Diese plötzlich eintretende qualvolle Stille konnte nichts anderes bedeuten. Ob er eine Freundin anrufen dürfe, vernahm Winter die gebrochene Stimme des Unglücklichen und stieß auf seinem Rückweg ins Wohnzimmer beinahe mit ihm zusammen.

In der Küche sei das Telefon nicht, erklärte Winter und beteiligte sich mit Härle an der Suche. Es musste wohl dem Hausputz im Wege gewesen sein. Langenthal steigerte sich in die Suchaktion hinein, kramte ziellos überall herum. Als Härle erkannte, dass ein Nervenzusammenbruch drohte, fasste er Langenthal an beiden Schultern und drückte ihn in seinen Sessel zurück. „Nun beruhigen Sie sich erst mal. Winter, ein Glas Wasser bitte.“

Zum zweiten Mal an diesem Tag agierte Joshua als Wasserträger. Langenthal verschluckte sich beinahe, als von irgendwo her das Telefon zu läuten begann. Unter einem Kissen im Schlafzimmer wurde Härle fündig und brachte es Langenthal, der sich daran fest klammerte wie an einem Rettungsanker. „Isabel, es ist... Kim, sie ist...tot“, begann er zu stammeln und erbrach sich dann in einem Redefluss, als fürchtete er, sonst gar nichts mehr heraus zu bringen. „Sie ist zum Joggen gegangen wie immer heute ganz früh und sie bleibt ja oft sehr lange weg joggt sehr lange also hab ich mir nichts dabei gedacht...“

Härle nahm ihm das Telefon aus der Hand: „Hier Hauptkommissar Härle, können Sie bitte gleich kommen? Wir hätten nämlich auch noch ein paar Fragen an Sie.“ Erst jetzt fing sich der verdutzte Hausmann wieder. „Gleich kommen – sie wohnt in Heidelberg.“
„Gut, also dann bis gleich“, sprach der Kommissar ins Telefon und wandte sich wieder Langenthal zu. „In Heidelberg kann sie gerade nicht sein, es sei denn, sie kommt in einer Rakete angedüst. Aber nun erzählen Sie uns doch mal ein bisschen was über Ihre Frau, Herr Langenthal. Wie ging es ihr denn so in letzter Zeit? Hatte sie gesundheitliche Probleme?“
„Na ja“, überlegte Langenthal, „sie fühlte sich oft schnell erschöpft, bezog das aber auf mangelndes Fitnesstraining. Sie war schon immer sehr sportlich, aber in letzter Zeit, da dachte ich manchmal, sie hört gar nicht mehr auf zu laufen, kann sich nicht mal fünf Minuten hinsetzen. Voller Unruhe war sie.“
„War sie in ärztlicher Behandlung?“

Langenthal brauchte einen Moment, um zu registrieren, dass Winter ihm die Frage gestellt hatte. „Äh – nein, ich glaube nicht.“
„Sie haben wohl nicht gerade viel miteinander geredet, nicht wahr?“, erkundigte sich der Hauptkommissar behutsam. Bevor Langenthal darauf etwas erwidern konnte, läutete es an der Haustür. Wie erlöst, stand der Befragte auf, öffnete und kam mit einer attraktiven Rotblonden zurück. Sie mochte Ende zwanzig sein und stellte sich als Isabel Gräber vor.

„Woher kennen Sie Kim Langenthal?“, fragte Härle, nachdem sie sich alle wieder um den Wohnzimmertisch gesetzt hatten. Isabel klemmte eine Haarsträhne hinters Ohr. „Durch diesen Designerwettbewerb, der im Frühjahr hier stattfand. Wir waren beide in der Jury und fanden uns auf Anhieb sympathisch.“
„Der Wettbewerb – aha.“ Der Kommissar verspürte ein seltsames Kribbeln im Bauch. Was sollte ihm das verheißen? „Wer war denn noch in der Jury, außer Ihnen beiden?“

Die junge Frau lehnte sich zurück, wobei ihr Sommerkleid aufreizend hoch rutschte. „Noch zwei Frauen, eine von hier aus der Gegend, warten Sie mal – aus Kämpfelbach, Laura, Laura...“ Isabels Blick fiel auf einen Gummibaum am Fenster. „Laura Grün. Der Name der anderen fällt mir gerade nicht ein. Die wohnt auch in Pforzheim, ist schon etwas älter. Und dann war noch ein Mann dabei, Jonas Lohner.“
„Und hatten oder haben Sie zu denen noch Kontakt?“, führte Härle die Befragung fort. Isabel schüttelte den Kopf. „Nur den Jonas hab ich mal in der Stadt getroffen, und daran erinnere ich mich nur, weil er einen auffälligen Ring trug.“ Sie lachte. „Ist ja bei einem Mann noch immer eine Seltenheit, vom Ehering mal abgesehen.“ Bei den letzten Worten fiel ihr Blick auf Langenthals Hand.

Abschließend fragte der Kommissar Rolf Langenthal, wo er sich zum mutmaßlichen Todeszeitpunkt aufgehalten habe. „Na hier“, meinte der. „Ich erledige den Haushalt, seitdem Kim gegangen ist.“
„Kann das jemand bestätigen?“, wollte Härle wissen. Langenthal lächelte gequält. „Der Staubsauger.“ Der Kommissar bemerkte, wie gern Isabel ihrem Freund geholfen hätte. Sie habe in der Schlössle-Galerie Kaffee getrunken, wofür es mit Sicherheit Zeugen gäbe.

Härle bat seinen Kollegen, die Personalien aufzunehmen, während er sich selbst schon Richtung Tür begab – nicht ohne unterwegs seine Blicke über die Einrichtung schweifen zu lassen – teures Mobiliar, wenn auch wenig individuell, entsprach eher dem allgemeinen Geschmack. „Eine Frage noch“, meinte er an der Tür. „Wer hat den Löwenanteil zu all dem beigetragen?“ Langenthal errötete. „Meine Frau. Und bevor Sie weiterfragen, ich bin der Alleinerbe.“

Nachmittags lauschten Härle und Winter im Obduktionssaal neben Kim Langenthals Leiche den Worten der Pathologin. Deren Blick fiel auf den Stumpf des rechten Ringfingers. „Zu dumm, dass wir den Finger nicht mehr gefunden haben.“
„Sie meinen also“, räusperte sich Härle, dass die Frau langsam vergiftet wurde.“ Die Pathologin nickte. „Ja, aber eigentlich führt die allmähliche Aufnahme von Arsen übers Essen oder Getränke nicht zum Absterben einzelner Gliedmaßen.“
„Absterben?“, mischte sich Winter ins Gespräch. Wieder nickte die Pathologin. „Sie hat ihren Finger ganz sicher nicht durch einen Unfall verloren. Leider können wir nicht mehr untersuchen, ob er größere Giftmengen aufwies und wenn ja, wieso. Dass es so war liegt nahe, denn...“ Die Pathologin wies auf die rechte Hand der Leiche, „...zumindest die Hand weist eine deutlich höhere Giftkonzentration auf als der übrige Körper. Vermutlich wollte sie ihre höllischen Schmerzen in der Enz löschen, muss schon ziemlich daneben gewesen sein.“

Härle bedankte sich für die rasche Obduktion und verließ mit seinem Kollegen den Saal. „Das liegt doch auf der Hand“, meinte Joshua Winter, während sie durch die Flure der Gerichtsmedizin gingen. „Sie war ihrem Mann im Wege, ein deutlicheres Motiv:“ Kopfschüttelnd unterbrach ihn der Hauptkommissar. „Irgendwie ist mir das zu einfach.“

Der Tag war weit fortgeschritten, als Julia am Grünstreifen vor einer Kleintierpraxis in der Nordstadt auf und ab ging. „Mach schon, Romeo, mach Häufchen.“ Dabei schwenkte sie demonstrativ ein Plastikbeutelchen hin und her, was allerdings den erbosten Gesichtsausdruck einer vorbei gehenden, älteren Dame nicht milderte. „Der kackt Gold, wie ein Goldesel!“, rief Julia ihr lachend hinterher.

Romeo, stets bemüht, seinem Frauchen alles recht zu machen, wollte es auch diesmal nicht enttäuschen. Als Julia sein Häufchen eintütete, um es in der Tierarztpraxis abzugeben, sah sie Gold darin glänzen. „Ein Ring – Romeo, du hattest einen Ring verschluckt. Deshalb ging es dir den ganzen Tag lang schlecht.“

Im Glauben, die Ursache für die Magenbeschwerden ihres Hundes gefunden zu haben, kehrte Julia der Kleintierpraxis den Rücken. Romeo mochte sich darüber wundern, weshalb sie heute so ungeduldig war und ihn kaum länger als zehn Sekunden an einer Stelle schnüffeln ließ. Natürlich würde er alles für sich behalten, ebenso wie das, was er wenig später neugierig beobachtete. Im Bad ihrer kleinen Dachwohnung in der Nordstadt, von welcher sie einen exzellenten Blick auf das Städtische Klinikum hatte, operierte Julia mit einer Pinzette den Ring aus Romeos Häufchen und spülte ihn gründlich unter heißem Wasser ab. So sehr sie ihren Hund liebte – so zuwider waren ihr seine Hinterlassenschaften. Julia könnte später nicht sagen, wie lange sie den Ring abspülte. Aber, so dachte sie, er war es wert. Obwohl sie keine Schmuckexpertin war, erkannte sie auf den ersten Blick, dass es sich hierbei um keine Massenware handelte.

Als Hauptkommissar Härle morgens darauf zum Dienst erschien, vernahm er schon von weitem das Gelächter einiger Kollegen, darunter das von Joshua Winter. Der Goldbus, so klärte man ihn auf, sei spätabends noch als gestohlen gemeldet und bei Tagesanbruch von Tierpflegern im Wildpark gefunden worden – mitten im Rothirschgehege. Aber das sei noch nicht alles. Der Platzhirsch trage seitdem ein goldenes Geweih.

Härle überlegte noch, ob man ihm damit einen Bären, respektive einen Hirsch aufbinden wollte, als ein Anruf ihn und Winter abermals in die Südstadt beorderte. Im Garten seiner Villa hockte Rolf Langenthal, hielt die in einen Teppich gewickelte Isabel Gräber in den Armen und heulte wie ein Schlosshund. Hinter dem Gartenzaun, als böte der ihr Schutz, stand seine betagte Nachbarin und drückte einen schwarzen Kater so fest an ihren Busen, dass er zu ersticken schien. „Da sind Sie ja endlich, Herr Kommissar!“, rief sie von weitem. „Ich habe ihn ertappt, als ich mein Mohrle gesucht hab. Und so was wohnt seit Jahren neben mir.“

Langenthal hob sein verweintes Gesicht zu den Beamten auf. „Ich hab ihr nichts getan, ehrlich. Als ich aufgewacht bin, hat sie tot neben mir gelegen. Ich hatte Angst, Sie glauben mir nicht.“ Härle zückte sein Handy und forderte Notarzt sowie Spurensicherung an. Gemeinsam führten er und Winter den Verzweifelten ins Haus und wiesen ihn an, sich in den Ledersessel zu setzen. Während Winter ihn beaufsichtigte, inspizierte Härle das Schlafzimmer. Wie die übrigen Räume wies es keinerlei Besonderheiten auf. Isabel Gräber hatte offenbar hier übernachtet. Über einer Stuhllehne neben einer Kommode hingen ihre Kleider, und auf der roten Sitzfläche lag ein Ring.

Fast zur selben Zeit wie am Vortag lauschten Härle und Winter erneut den Worten der Pathologin, und auch die wichen kaum von den gestrigen ab. Allerdings war diesmal kein Fingerverlust zu beklagen. Isabel Gräber musste oft einen Ring getragen haben, obwohl es aussah, als reagierte sie sogar auf Edelmetalle allergisch. Dafür sprach jedenfalls die Rötung ihres Ringfingers. „Hm“, überlegte der Kommissar, „beide Opfer starben an einer schleichenden Vergiftung, und beide waren in dieser Jury. Kommen Sie, Winter, bevor es womöglich zu spät ist!“, drängte er plötzlich und ließ die verdutzte Pathologin ohne weitere Erklärungen stehen.

In Kämpfelbach stand Laura Grün am Fenster, blickte auf die Hauptstraße hinaus und dann verwundert auf den Entouragering an ihrem Mittelfinger – ein Aquamarin wie ein wasserblaues Auge, umgeben von Diamantsplittern. Vielen Dank, dass ich an Ihrem Wettbewerb teilnehmen durfte, stand in einem beigelegten Briefchen. Mehrmals hatte Laura diesen Satz gelesen. Ja, wenn sie ihn hätten gewinnen lassen... Ein Verlierer, der sich bedankt – zudem ein Künstler... Was mochte er damit bezwecken? Sollte das etwa eine Art Bestechung im voraus sein, für den nächsten Wettbewerb? Laura wollte den Ring wieder ablegen, aber seltsam... Sie konnte nicht. Saß er zu fest an ihrem Finger? Nein, das war es nicht. Es lag an diesem wasserblauen Auge. Das schien ihren Blick zu erwidern, ihn festzuhalten - unwiderstehlich.

Die Türklingel riss Laura aus ihrer Hypnose. Sie öffnete, dachte augenblicklich an einen Überfall und schrie nach der Polizei, so schnell drangen der ältere und der jüngere Mann zu ihr herein. Zufälligerweise hielt sich ihr Nachbar gerade im Treppenhaus auf, ein muskulöser Kerl. Er zauderte nicht lange, und ehe Härle und Winter sich ausweisen konnten, fanden sie sich niedergeschlagen am Boden wieder. Gleich einer weißen Fahne streckte der Hauptkommissar Laura und ihrem „Retter“ seinen Dienstausweis entgegen. Winter richtete sich zuerst auf und half seinem Vorgesetzten. Der stand kaum wieder auf den Beinen, als sein Blick den Ring an Lauras Finger traf. „Ziehen Sie ihn aus, sofort, ich beschwöre Sie!“ Laura gehorchte. „Ja, darf man sich keinen Schmuck mehr schenken lassen?“

Härle sah seine Vermutung bestätigt. „Wer war noch in der Jury, außer Ihnen, Isabel Gräber, Kim Langenthal und Jonas Lohner?“ Der Schreck hatte Lauras Gedächtnis blockiert. Trotz drängender Eile musste Härle sich zwingen, Ruhe und Geduld aufzubringen. „El – El – Elfriede Stein“, platzte Laura endlich heraus. Er habe jetzt keine Zeit für weitere Erklärungen, meinte Härle, nahm den Ring und verließ eilends mit Winter das Treppenhaus. Unterwegs wickelte er das Schmuckstück in fünf Papiertaschentücher.

Elfriede Stein war nicht zu Hause. Die Beamten fanden sie in der Bahnhofstraße beim Juwelier Groß, wo sie gerade eine Kundin bediente. Unter deren lauthalsem Protest fragte Härle nach dem geschenkten Ring und traute seinen Ohren kaum. Den habe sie weiter verschenkt, was ihn das überhaupt anginge. Der Kommissar hätte sie am liebsten geschüttelt. „An wen, wer hat diesen verdammten Ring?!“
„Meine Cousine!“, stieß Elfriede Stein hervor, und nachdem Härle herausgefunden hatte, wo diese Cousine jetzt zu finden war, machte er sich Hals über Kopf mit seinem Kollegen davon.

Die Schüler des Hilda-Gymnasiums freuten sich über die unverhoffte Pause. Länger als erwartet sollte sie dauern, denn als ihre Lehrerin erfuhr, dass sie vermutlich einen schleichenden Tod am Finger trug, fühlte sie sich augenblicklich sterbenselend und musste sich im Lehrerzimmer auf eine Couch legen.

„So, jetzt noch dieser Jonas Lohner“, sagte Härle gerade zu seinem Kollegen, als ihn ein Anruf ereilte. Aufgeregt fummelte er sein Handy aus der Hosentasche, horchte hinein und entspannte sich zusehends. „Das war unser Revier“, erklärte er nach dem Auflegen. „Im Städtischen Klinikum wurde eben noch rechtzeitig ein Mann mit schweren Vergiftungserscheinungen eingeliefert – Jonas Lohner.“

Zu Wolfgang Adrian kamen sie zu spät. Der hatte sich in seiner Werkstatt inzwischen selbst gerichtet – durch Goldsekt mit einem Extraschuss Arsen. Er hätte nie gedacht, dass Pforzheim so eine aufregende Stadt sei, äußerte Joshua Winter bei Dienstschluss, kurz nachdem sie vom Labor erfuhren, dass sich unter den Steinen sämtlicher beschlagnahmter Ringe Kammern befanden, welche nach und nach Gift an die Haut abgaben. „Ja“, erwiderte Härle zerstreut. Was er denn habe, wollte Winter wissen. Was denn noch sei. „Fragen Sie mich lieber, was ich nicht habe – nämlich den noch fehlenden Ring! Unsere erste Leiche, wissen Sie nicht mehr?“, half er dem jungen Kollegen auf die Sprünge. Joshua Winter erbleichte. Natürlich, deren Ring konnte sonstwo sein. Wie sollten sie ihn je finden? Durch ein weiteres Todesopfer?

Die Kirchturmuhren hatten längst zwölf geschlagen, als es einigen Bewohnern des Altbaus in der Pforzheimer Nordstadt - gerade noch rechtzeitig - zu viel wurde. Seit Stunden heulte der Hund aus der Dachwohnung zum Steinerweichen. Kirsten Klein