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Ory (Gheorghe Vlad) schlüpft in verschiedene Rollen, um zu verführen.  Secchi
Ory (Gheorghe Vlad) schlüpft in verschiedene Rollen, um zu verführen. Secchi
Isolier (Karina Repova, von links), Gräfin Adele (Sara Blanch) und Ragonde (Mae Hayashi) haben ihre liebe Mühe mit dem Grafen.
Isolier (Karina Repova, von links), Gräfin Adele (Sara Blanch) und Ragonde (Mae Hayashi) haben ihre liebe Mühe mit dem Grafen.
Luciano Acocella setzt die Glanzlichter der Partitur gekonnt um.
Luciano Acocella setzt die Glanzlichter der Partitur gekonnt um.
19.07.2016

Rossinis „Le Comte Ory“ als halbszenischer Jux bei „Rossini in Wildbad“

Nein heißt Nein? Der liederliche junge Graf Ory, der ruchlos den züchtigen Damen nachstellt und keinen Missbrauch der Kutte zu sinnlichen Zwecken scheut, sieht das ganz anders. In Rossinis Oper „Le Comte Ory“, die 1828 in Paris uraufgeführt wurde und jetzt bei „Rossini in Wildbad“ auf dem Programm steht, geraten die erotischen Abenteuer des mittelalterlichen Weiberhelden zu burlesker Komik.

Ob er als Eremit verkleidet den Frauen, die da auf dem Schloss die Rückkehr ihrer Männer vom Kreuzzug herbeisehnen, an die Wäsche will oder aus durchaus niederen Motiven die entzückende Gräfin Adele, auf die eigentlich auch schon sein Page Isolier ein begehrliches Auge geworfen hat, in der grotesken Kostümierung als bigotte Pilgerin zudringlich von ihrem Keuschheitsgelübde abbringen möchte – stets bleiben diese anrüchigen Eskapaden diesseits anstößiger Provokation. Vor allem bilden sie Anlass zu köstlicher Musik, wie die Aufführung in der Wildbader Trinkhalle überzeugend belegte.

Aus altem Material

Dabei war die Hälfte dieser Musik ursprünglich keineswegs für dieses Werk geschrieben. Rossini griff ausführlich auf Stücke aus seiner – ebenfalls wunderbaren – Krönungsoper „Il viaggio a Reims“ zurück, die 1825 in Paris großen Erfolg hatte, aber schon nach wenigen Aufführungen wieder vom Spielplan verschwand, da sie nicht mehr aktuell war. Weil Rossini bereits auf dem Gipfelpunkt seines Ruhms stand und nun auch an der Pariser Opéra Fuß fassen wollte, kam ihm das wenig gebrauchte Material gerade recht, um seine erste originär französische Oper damit aufzufüllen.

Die heikle Aufgabe, Musik aus einem zunächst ganz anderen Zusammenhang an eine neue Situation anzupassen und dabei auch den sprachlichen Duktus der italienischen „Viaggio“ in den französischen Tonfall des „Comte Ory“ zu überführen, hat Rossinis glänzend gelöst. Wer beide Werke kennt, hat besonderes Vergnügen daran, etwa den Wechsel der kabarettistischen, burlesken „Katalog-Arie“ des Don Profondo dort in die fulminante Wein-Arie des Ory-Gefährten Raimbaud hier zu beobachten oder die reich kolorierte Klage der „Viaggio“-Contessa über ihren verlorenen Hut in der virtuosen Verzweiflungsarie der bedrängten Comtesse Adele wiederzufinden.

Über diese Selbstzitate hinaus hat Rossini für den „Comte Ory“ einige weitere, nicht minder herrliche Nummern neu geschrieben – etwa eine raffinierte Gewittermusik, ein hinreißend derbes Säuferquartett und vor allem ein unwiderstehliches Terzett, in dem die amüsierte Adele, der entflammte Page Isolier und der Liebesnarr Ory sich in ein musikalisch blendend gemischtes, erotisch dagegen eher verwirrendes Techtelmechtel verstricken – Musterbeispiele einer komödiantischen Musik, in denen Rossini alle Facetten seiner reifen Kunst zeigt.

Am Pult der schwungvoll aufgekratzten „Virtuosi Brunenses“ setzt Luciano Acocella in Wildbad die vielen Glanzlichter der Partitur mit ansteckender Laune und sprühender Musikalität um, macht aus dem Augenzwinkern, den ironischen wie karikierenden Momenten, aber auch den elegischen Anflügen der Komposition ein delikates Hörvergnügen und gibt dem Abend ein klingendes Fundament, das auf visuelle Zutaten gut verzichten kann.

Die glänzend gelungene, halbszenische Umsetzung von Nicola Berloffa reicht völlig aus, diesen „Comte Ory“ zu einem ganz und gar runden Opernspaß zu machen.

Dazu nun freilich gehören auch die Sänger, die zum Gelingen der Wildbader Produktion wirkungsvoll beitragen. Vor allem die Sopranistin Sara Blanch als kapriziöse Comtesse Adele brilliert mit einer in allen Lagen technisch grandiosen Stimme, die selbst die vertracktesten Läufe und Verzierungen, extreme Höhenflüge und rasendes Parlando mühelos meistert und zum Ereignis der Aufführung wird. Leider kann neben ihr Gheorghe Vlad in der neckisch angelegten Titelpartie mit unausgeglichenem, nicht immer sicherem Tenor, undeutlichen Koloraturen und oft nur halb gelungenen Spitzentönen nicht überzeugend mithalten, weil er den extremen Anforderungen der Rolle, die Rossini 1828 dem gefeierten Opernstar Adolphe Nourrit in die überaus geläufige Kehle geschrieben hat, vieles schuldig bleibt.

Im übrigen Ensemble tun sich Roberto Maietta als vorzüglicher Raimbaud mit kernigem, souverän geführtem Bariton, Karina Repova in der Hosenrolle des Pagen Isolier mit schön gefärbtem Mezzo und Mae Hayashi als gewitzte Ragonde mit dunkel timbriertem Alt hervor. Das entzückte Publikum dankt mit langem Beifall.