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Unter der Leitung von Wolfgang Emanuel Schmidt tritt das Südwestdeutsche Kammerorchester einen Schritt zurück – und überlässt die Aufmerksamkeit Jan Schulte-Bunert und seinem Saxofon.  Tilo Keller
Unter der Leitung von Wolfgang Emanuel Schmidt tritt das Südwestdeutsche Kammerorchester einen Schritt zurück – und überlässt die Aufmerksamkeit Jan Schulte-Bunert und seinem Saxofon. Tilo Keller
24.01.2017

Saxofon steht im Mittelpunkt beim Abokonzert des SWDKO

Was neu ist, zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Man will es beschauen, untersuchen, entdecken. Dass das auch für manche Komponisten gilt, zeigt das dritte Abokonzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters im CongressCentrum Pforzheim (CCP).

Mit dem Saxofon steht ein Instrument im Mittelpunkt des Abends, das das Rampenlicht in der klassischen Musik eigentlich nicht gewohnt ist. Dünn ist das Repertoire, selten gespielt.

So richtig durchsetzen kann sich das Instrument bei den meisten Komponisten nicht. Erst im Jazz wird es zur festen Größe. Aber es gibt sie eben doch, die klassischen Werke. Zwei Saxofonkonzerte präsentiert das SWDKO unter der Leitung von Wolfgang Emanuel Schmidt zusammen mit dem Solisten Jan Schulte-Bunert – von Alexander Glasunow und Lars-Erik Larsson. Beide finden – bei allen Differenzen – eine ähnliche Sprache, um das Saxofon für die klassische Konzertliteratur zu gewinnen. Warum ist das so? Vielleicht, weil beide Werke aus dem Jahr 1934 stammen? Weil beide Werke für den gleichen Solisten – Sigurd Raschèr – geschrieben wurden? Sicher – aber noch aus einem anderen Grund.

Die Neugier, die Lust am Klang des Neuen hat Glasunow und Larsson inspiriert – aber gleichzeitig auch gehemmt. Denn vor lauter Freude am sanften Klang des Saxofons, an seinem Hauchen und Quietschen und Flüstern, scheinen die Komponisten beinahe vergessen zu haben, den Bau ihrer Klangentdeckungen mit einem ausreichenden Fundament an musikalischer Einfallskraft und struktureller Fantasie zu untermauern.

Da ist zwar viel zu entdecken in ihren Werken; Schulte-Bunert ist ein exzellenter Fürsprecher seines Instruments. Bei Glasunow kann der 40-Jährige den Saxofonklang so lieblich einweben in den Streichersatz, dass es eine Freude ist, kann in höchster Lage das „Tranquillo“ (Ruhig) hinhauchen, dem Instrument auch derbe Oktavsprünge abringen. Viel mehr als eine Reise durch den neuen Klang kommt dabei aber leider nicht raus. Dafür räumt auch das Orchester zu schnell das Rampenlicht, darf meist hübsch mitspazieren statt gestalten auf Schulte-Bunerts Weg durch Hoch und Tief und Sanft und Rau des Saxofons. Wie es auch geht, zeigen die beiden anderen Werke des Abends – und Schulte-Bunerts Zugabe.

Hier darf sein Instrument in ehrlicher Virtuosität alles geben. Mit Mehrklängen, Knacken und Raunen zeigt er in einer Improvisation, was noch darinnen steckt im Saxofon. Mit großem Applaus und Bravo-Rufen wird Schulte-Bunert aus dem anständig besuchten CCP verabschiedet.

Duett zwischen Geige und Cello

Das Orchester darf auch Eigenes zeigen. Zum Beispiel das Nocturno aus Alexander Borodins 2. Streichquartett, das sich statt auf Effekte darauf konzentriert, mit kleinen Mitteln viel zu sagen. Wo sich eine köstliche Melodie entspinnt im Duett zwischen Cello und Geige, die bald durch alle Stimmen leuchtet. Wo das Orchester mit leichter Hand nächtliche Stimmungen malt und den Klang am Ende ersterben lässt – leider mit nicht ganz präziser Abstimmung. Die gelingt besser im Abschluss des Abends. Nach der Pause hat das SWDKO seine Sitzordnung geändert. Tschaikowskis „Souvenir de Florence“ – eigentlich als Sextett konzipiert – verlangt besondere Klarheit im Stimmengewirr: Die Musiker sitzen nebeneinander. Es soll der Höhepunkt des Abends werden – auch dank Wolfgang Emanuel Schmidt, der sich ins Zeug legt, die Ecken und Kanten des Werks zum Wirken zu bringen.

Von rechts nach links windet er sich, sticht den Stab tief in die Luft, holt aus, scheint auf etwas schwerfällige Art auch zu tanzen. Aber es wirkt. Fein gelingt da die dynamische Gestaltung des Werks, auch das Modellieren der Klänge: Der zweite Satz wird in seiner geheimnisvollen Farbigkeit zum Höhepunkt des Abends. Schade nur, dass im großen Saal des CCP auch das angestrengteste Forte-Fortissimo mit so wenig Musikern nicht so wirklich gewaltig klingt. Energievoll ist er aber dennoch, dieser Abschluss des Abends mit einem Meilenstein des Streichorchesterrepertoires. Neu muss ja nicht immer besser sein.