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19. Juni 2012

Singen in der Sprache der Engel: estnischer Kammerchor bei den Klosterkonzerten

Maulbronn. Geistliche Chormusik aus Estland ist bei uns nahezu unbekannt. Abgesehen von dem 1935 geborenen Arvo Pärt sind estnische Komponisten wie Cyrillus Kreek (1889–1962), Veljo Tormis (geboren 1962) oder gar Galina Grigorjeva (geboren 1962) Geheimtipps.

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Der international renommierte „Estnische Philharmonische Kammerchor“ bemüht sich unter seinem ebenfalls hoch angesehenen Chefdirigenten Daniel Reuss, dem sowjetkommunistischen Desinteresse geschuldeten Zustand zu beenden. Ihr Gastauftritt bei den Maulbronner Klosterkonzerten hinterließ jedenfalls einen nachhaltigen Eindruck.

Übergreifende Charakteristika dieser Chormusik sind selbstbewusste Schönheit und Kraft, oft archaisch anmutende Schlichtheit, ätherisches Strömen und ein weites Farbenspektrum zwischen dunklen und hellleuchtenden Tönungen. Halbtonschrittige Polyphonie mehrstimmiger Sätze mündet immer wieder in einen satten Gesamtklang ein. Liturgisch auch von russisch-orthodoxer Religiosität geprägt, geht von dieser Vokalmusik ein geradezu hypnotischer Sog aus.

Zart und temperamentvoll

Natürlich war diese Wirkung in der gut besuchten Klosterkirche auch der überragenden Professionalität des Chores zu danken. Er verfügt über grandiose Stimmen, über Soprane, die in der Engelssprache singen und wie ein Himmelslicht über weich abfedernden Bässen schweben. Und über eine temperamentvolle Beweglichkeit, die ihresgleichen sucht. Solche Hör-Erlebnisse waren den eingangs gebotenen „Slawischen Psalmen“ von Pärt und den abschließenden „Psalmen Davids“ von Kreek durchaus gemeinsam. Wobei im letzten Stück des Chorkonzertes, Kreeks Psalm 104 „Kiida, mu hing, Issandat“ (Lobe den Herren, meine Seele), die wunderbare Zartheit des pianissimo verdämmernden Ausklangs hinzu kam. Dazwischen gab es nachtdunkle Tonmalerei in „Nox Vitae“ (von Grigorjeva), herrlich klare Unisonopassagen in Gesängen von Mart Saar (1882–1963), gewaltige Steigerungen und strahlende Forte-Stellen, einen rasanten Staffellauf der einzelnen Stimmgruppen in „Jaanilaulud“ (von Tormis) oder die fröhliche Ausgelassenheit in einem reinen Männerchor („Singer’s Kinsfolk“ von Kreek).

Lichtdurchflutete Wiedergaben der wohl als Kontrast gedachten Chor-Psalmen von Mendelssohn-Bartholdy (Ps.43, 91 und 100) rundeten den begeistert aufgenommenen Konzertabend ab. Freilich wären eine kurze Konzerteinführung oder wenigstens Hinweise im Programmzettel zu den estnischen Komponisten hilfreich gewesen. Eckehard Uhlig

19.06.2012
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