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José Carreras blickt auf ein wechselvolles Schicksal zurück: Weltweite Erfolge als Startenor und eine lebensbedrohende Krankheit kennzeichnen seinen Weg.  Hoppe
José Carreras blickt auf ein wechselvolles Schicksal zurück: Weltweite Erfolge als Startenor und eine lebensbedrohende Krankheit kennzeichnen seinen Weg. Hoppe
02.12.2016

Startenor José Carreras: „Unter der Dusche werde ich immer singen“

José Carreras ist einer der berühmtesten Operntenöre der Welt, und er bereitet sich auf seinen Abschied vor der Bühne vor. „Es wird eine lange Tournee. Ich habe keine Deadline“, sagt er. Ein Auftritt wird den Sänger, der am Montag den 70. Geburtstag feiert, zur Eröffnungsgala „250 Jahre Goldstadt“ am 12. Mai nach Pforzheim führen.

PZ: Warum wollen Sie überhaupt aufhören, zu singen?

José Carreras: Das will ich ja gar nicht. Ich habe gesagt, ich gebe mir zwei, drei Jahre, um das zu beenden, was ich 1970 angefangen habe. Früher oder später haben auch die wunderbarsten Dinge im Leben ein Ende, und mein Berufsleben muss einfach irgendwann enden. Ich versuche, dieses Ende so zu erreichen, dass es kein allzu großer Schock für mich ist. Langsam, langsam. Unter der Dusche werde ich auf jeden Fall weitersingen. Das ist sicher.

PZ:Ist es heute schwieriger, vor einem großen Publikum auf der Bühne zu stehen? Oder macht es noch genau so viel Spaß wie zu Anfang Ihrer Karriere?

José Carreras: Wenn ich heute auf der Bühne stehe, genieße ich es noch mehr, was ich vom Publikum bekomme. Es ist ja immer ein Tag weniger, den ich die Möglichkeit habe, auf die Bühne zu gehen. Ich weiß das sehr wertzuschätzen.

PZ:Was ist der wichtigste Auftritt Ihrer Karriere?

José Carreras: Es ist sehr schwer, da nur einen rauszupicken. Aus rein professioneller Sicht gibt es viele, die ich da erwähnen könnte. Aber von meinem persönlichen Gefühl her war es das Konzert, das ich ein Jahr nach meiner Krankheit in meiner Heimatstadt Barcelona gegeben habe. Dort vor den Menschen aus meiner Stadt zu stehen und singen zu können, war ein sehr emotionaler Moment für mich.

PZ:Wenn Sie für Ihre Leukämie-Stiftung arbeiten, ist Ihnen die Zeit Ihrer eigenen Erkrankung dann noch präsent?

José Carreras: Sie ist insofern präsent, als ich weiß, wie es ist. Darum ist es ja so wichtig, dass wir den Patienten helfen. Es ist mir sehr präsent, dass ich fast elf Monate im Krankenhaus war. Andererseits betrachte ich diese Krankheit aber nicht mehr als etwas Negatives. Sie ist Teil meiner Geschichte, und zum Glück fühle ich mich gut und führe ein komplett normales Leben. Ich habe keine Angst mehr vor der Krankheit.

PZ:Wie hat die Krankheit Ihre Karriere beeinflusst? Sind Sie ein anderer Künstler geworden?

José Carreras: Ich denke, ein Mensch, der in seinem Leben solch harte Momente hat, wird reifer und hat wahrscheinlich andere Ansichten und Prioritäten. Ich interpretiere die Musik und die Texte, die ich singe, heute wahrscheinlich anders, etwas tiefgreifender.

PZ:Gibt es etwas, das Sie Nachwuchstenören raten würden?

José Carreras: Wenn ein junger Student ein gewisses Talent hat, ist das wichtigste: Disziplin! Disziplin ist grundlegend, und das muss man sich bewusst machen, wenn man Opernsänger werden will.

PZ:Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie merkten, dass Sie dieses Talent haben?

José Carreras: Das wusste ich schon immer – nein, Quatsch. Aber ich wusste schon als Junge, dass ich ein gewisses Gespür für Musik und Gesang habe. Und ich hatte immer die Unterstützung von Menschen, die an mich geglaubt haben. Aber ein echter Künstler ist von seinem Talent nie überzeugt und hat immer Zweifel.

PZ:Sie feiern am Montag Ihren 70. Geburtstag ...

José Carreras: Ich fühle mich immer noch wie 69. Es ist wundervoll, dass ich in diesem Alter noch arbeiten und meine Gefühle durch die Musik transportieren kann.

PZ:Wie werden Sie denn feiern?

José Carreras: Ich werde für einen Auftritt in Tokio sein, und meine Familie, meine Kinder und Enkel, werden kommen. Wir werden bestimmt eine wundervolle Zeit haben.

PZ:Was werden Sie machen, wenn Sie nicht mehr so viel arbeiten?

José Carreras: Ich werde versuchen, Dinge zu tun, die ich wegen meines Berufes jahrelang nicht machen konnte: kleine Urlaube mit den richtigen Leuten, mit Freunden. Karten spielen mit alten Klassenkameraden. Ich treffe mich immer noch – seit 60 Jahren – einmal im Monat mit meinen Schulfreunden in Barcelona, immer am gleichen Ort. Wir sind rund ein Dutzend, obwohl wir inzwischen leider auch schon ein, zwei Freunde verloren haben. Diese Beziehungen sind sehr authentisch und echt. Das ist eines der wundervollsten Dinge in meinem Leben.