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14.10.2009

Tod im Gewächshaus

Mein Name ist Ruth B. und ich bin fünfzig Jahre alt. In meinem Alter feiern die meisten Paare Silberhochzeit, doch ich bin erst sieben Jahre verheiratet. Ich bin fleißig, ordnungsliebend und bedingungslos treu. Ansgar, mein Mann, ist genauso alt wie ich und wandelte als trauender Witwer durch die Welt, als wir uns kennenlernten. Ich war mit Leib und Seele Kundenberaterin unserer Sparkasse und Ansgar mein ganz persönlicher Kunde. Bei mir war's Liebe auf den ersten Blick, bei Ansgar vermutlich willkommene Trauerbewältigung und wir verabredeten uns nicht nur regelmäßig, sondern heirateten auch ein halbes Jahr später.

Vielleicht hätte Ansgar sich nicht so überstürzt auf eine neue Ehe eingelassen, wenn er nicht dringend eine neue Frau an seiner Seite benötigt hätte. Doch ich gebe zu, ich war gern die dringend benötigte Frau an seiner Seite. Ansgar sieht gut aus, ist geschäftstüchtig, zuvorkommend und hilfsbereit, doch leider schaut er auch gerne mal manch holder Weiblichkeit nach. Natürlich hatte er diese Leidenschaft zu Beginn unserer gemeinsamen Zeit nicht so deutlich zur Schau gestellt, immerhin war seine Trauerzeit noch nicht vollständig abgeschlossen. Doch je mehr Jahre ins Land zogen, um so weniger verbarg er seine schamlosen Blicke. Aber mich als erfahrene, selbstbewusste Frau im Zenit ihres Lebens kann nichts so leicht aus der Bahn werfen. Zumindest bis jetzt.

Ansgar ist der Inhaber einer großen Gärtnerei im Enzkreis, hat einen guten Ruf im Pforzheimer Umland und das Wichtigste: Er ist ziemlich vermögend. Zwar sind da noch zwei inzwischen erwachsene Kinder aus seiner ersten Ehe, doch mit ihnen gibt's keine Probleme. Ich bin es schon seit meiner Ausbildung gewohnt, auf Menschen zuzugehen, Sympathie aufzubauen und Gespräche richtungsweisend zu führen. Ich bin die geborene Geschäftsfrau und Ansgar hat mir ein neues, unschätzbar wertvolles Leben geschenkt. Dafür bin ich ihm dankbar. Dafür drücke ich gern mal ein Auge zu – bis zu einer gewissen Grenze natürlich. Um Ansgar eine fachkundige Partnerin sein zu können, gab ich gleich nach der Hochzeit meinen sicheren Arbeitsplatz auf und sattelte um auf Floristin. Blumen und allem Grünzeugs, was üblicherweise einen Garten zieren, bin ich ohnehin zugeneigt, so fiel mir das überhaupt nicht schwer. Nach den vielen Jahren des Herumjonglierens mit Zahlen und Fakten und störrischen Kunden kam es mir vor, als hätte mich ein Engel mitten ins Paradies gesetzt. Vorletztes Jahr kamen Ansgar und ich – in diesem Fall vornehmlich ich – auf die Idee, Studentinnen die Chance auf etwas Eigenverdienst zu geben und stellten regelmäßig eine als Aushilfe ein. Nach und nach fiel mir immer mehr auf, wie mein Mann die jungen Frauen umgarnte, ließ es jedoch schweren Herzens als midlifecrisis-bedingten Übermut durchgehen. Bis Julia auftauchte. Vor vier Wochen stand Ansgar mit ihr im von mir eigen geführten Blumenladen, sein Arm ruhte auf ihrer Schulter, und stellte sie als neue Aushilfe vor. Und augenblicklich entwickelte sich in mir ein Gefühl, das ich in dieser Intensität noch nicht gekannt hatte: blanke, perfide Eifersucht! Ich sah nur noch den närrischen Ansgar, wie er viel zu oft im Laden auftauchte, wie er um Julia herumschwänzelte, wie er sie anhimmelte und ständig lobte. Ja, sie war leider unbeschreiblich hübsch, jedoch unzuverlässig, trug hemmungslos aufreizende Kleidung und egal, was ich sagte, sie erdreistete sich, immer das letzte Wort für sich in Anspruch zu nehmen. Ihre Arroganz stieg in dem Maß, wie sich mein Hass auf sie steigerte.

Julia sollte nur für eine begrenzte Zeit in unserer Gärtnerei tätig sein. Jetzt ist diese Zeit schneller abgelaufen als geplant. Denn sie liegt tot inmitten des Gewächshauses, die Arme weit von sich gestreckt, die leeren Augen hinauf ins ferne Jenseits gerichtet, und in ihrem Hals steckt meine handlich kleine Blumenschere. Mein Blick haftet auf ihr, schon viel zu lange, ich weiß nicht, ob ich schreien oder davonlaufen soll und entscheide mich für das Davonlaufen. Es ist ohnehin nach Feierabend und das Gelände bereits verlassen. Ich haste hinüber ins Haus, in die Waschküche, entledige mich der Arbeitskleidung, schreite in anmutiger Trance die Treppe hinauf und werfe einen Blick in die Küche. Ansgar ist gerade dabei, das Essen zu richten, er pfeift vergnügt vor sich hin. Richtig gut sieht er aus, er könnte glatt mit Harrison Ford in dessen besten Jahren konkurrieren!

„Fertig?“, fragt Ansgar und schaut lächelnd auf. Er ist der perfekte Hobbykoch und das ist auch gut so, denn mit dem Kochen hab ich's nicht so. Das Nötigste krieg ich hin, doch auf Experimente habe ich mich diesbezüglich noch nie gern eingelassen. Ist mit Ansgar auch nicht mehr nötig. Ich lächle zurück und eigentlich hätte ich ihm ins Gesicht sagen sollen: „Ich hatte einen kleinen Disput mit Julia, doch jetzt ist alles geklärt!“, stattdessen sage ich nur: „Ich komme gleich. Bin schon richtig hungrig.“ Der Duft brutzelnder Koteletts attackiert meine Geruchsnerven, der bunte Salat in der gläsernen Schüssel schreit förmlich danach, von mir vertilgt zu werden, und der blutrote Wein im schlichten Stielglas erweckt eine tiefgründige Gier in mir. Schnell schlage ich die Tür zu und renne ins Bad. Das heiße Wasser reinigt nicht nur meine Haut, auch sämtliche Widrigkeiten scheinen sich in den Abfluss zu verabschieden und bringen den letzten Funken Schuldgefühl zum Erlöschen. Der Abend mit Ansgar sprengt alle Erwartungen. Ich fühle mich frei und verliebt wie an den Tagen nach unserer ersten Begegnung.

Bei einem Glas des mundenden Württembergers bleibt es nicht und meine leidenschaftliche Erregung überträgt sich auch auf Ansgar. Wir genießen das Essen, wir räumen die Küche auf, unsere Spannung immer im Augenmerk behaltend, ich benehme mich nicht mehr wie ich selbst, ich bin eine andere, ich fühle wie ein junges Mädchen, das einen verheirateten Mann verführt, ich bin mir fremd, es erschreckt mich einerseits und macht mich glücklich andererseits. Ich bin beschwingt und leicht und wir verleben die vermutlich schönsten Stunden, und tief im Innern bin ich mir im Klaren, dass sich diese Stunden wohl nie mehr wiederholen lassen werden.

Am Morgen wecken mich laute Stimmen, begünstigt durchs gekippte Fenster. Ansgar ist wohl auch schon dabei. Sein Bett ist leer, er steht meistens mehr als eine Stunde vor mir auf. Seine Stimme dringt zu mir herein. Ich atme durch und stehe auf, schließe das Fenster im Schlafzimmer, das Fenster im Wohnzimmer und schenke dem Dutzend fremder Menschen dort unten vorm Gewächshaus keine Beachtung. Ich richte mich in aller Ruhe her, kleide mich an, Jeans und schicke Bluse, und öffne wie jeden Tag meinen geliebten Blumenladen im Erdgeschoss unseres Hauses. Freudig lasse ich mich von der bunten Pracht empfangen. Meine Arbeitshandschuhe liegen nicht auf ihrem Platz, doch nur kurz streife ich die Überlegung, wohin ich sie gestern in meiner Erregung getan haben könnte. Ich beginne mit der Arbeit, schaue nach den kleinen Köpfchen, zupfe hier und dort welke Blätter und Blüten, gieße Wasser nach oder tausche aus und summe ausgelassen, ja, so richtig befreit vor mich hin. Die Türglocke bimmelt und ein kahl geschorener Mann, mindestens zwei Kopf größer als ich, tritt ein. „Guten Morgen! Sie wünschen?“, frage ich betont fröhlich und schenke ihm mein bestes Kundenanmachelächeln. „Guten Morgen! Ich bin Kommissar Feiler von der Kriminalpolizei“, sagt der Mann, erspart sich jegliche Gefühlsregung und zückt seinen Ausweis. „Ihr Mann sagte mir, dass ich Sie hier finden kann.“

„Ist etwas passiert?“ Theatralisch halte ich eine Hand vor den Mund. „Der ganze Auflauf hinten in der Anlage! Aber ich musste ja den Laden öffnen.“ Eine Entschuldigung ist sicher angebracht, jede normale Frau hätte sich angestaut mit lüsterner Neugier zu neunundneunzig Prozent dem Pulk hinzugesellt. „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihre Mitarbeiterin Julia Frobel tot im Gewächshaus aufgefunden wurde. Sie fiel allem Anschein nach einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Einen Unglücksfall können wir nach allerersten Ermittlungen ausschließen.“
„Oh, Gott!“ Ich presse beide Hände gegen mein Herz und gebe mein Bestes, um richtig entsetzt zu wirken. Was mir gut gelingt. „Wie konnte das denn passieren? Die arme Julia!“
„Wissen Sie, ob Frau Frobel Feinde hatte?“
„Nein, leider nicht.“ Ich schluchze kläglich. „Dazu kannte ich sie viel zu wenig. Aber sie war mir eine so große Hilfe! Und immer nett und freundlich.“ Ich muss aufpassen, nicht zu dick auftragen, also höre ich mit dem Geschluchze auf, mit dem Handrücken tupfe ich über meine Augen. „Bitte, schließen Sie jetzt den Laden und warten Sie in Ihrer Wohnung. Ich werde später nochmals auf Sie zukommen.“ Damit beendet Kommissar Feiler seinen Dialog mit mir, verlässt den Laden, und ich folge seiner Anweisung.

Vom Wohnzimmer aus überblicke ich unser Anwesen. Es ist bestückt mit unzähligen Pflanzen, Sträuchern und jungen Bäumen, allesamt liebevoll aufgezogen, und alle in Lauerstellung auf ein neues Zuhause. Im Hintergrund steht das prächtige Gewächshaus, das wir erst im vergangenen Herbst neu errichten ließen, das alte hatte ausgedient. Davor tummelt sich jetzt die Meute unbekannter Gesichter, alle erpicht darauf in Erfahrung zu bringen, was gestern am frühen Abend geschah. Meine Augen folgen dem Treiben. Still, professionell, unheimlich, die Geräusche ausgesperrt. Pantomimengleich bewegen sich Polizeibeamte in Uniform, in Zivil, einige mit Metallkoffern – sie wirken wie Akteure in einem Krimi –, zwei Sanitäter, ein Mann in Weiß, vielleicht ein Arzt, eine schwarze Limousine schiebt sich rücklings ins Blickfeld, tastet sich durch den schmalen Hauptweg in Richtung Gewächshaus. Eine Vorstellung, als wäre sie nur für mich arrangiert. Als wären sie alle Schauspieler und hätten diese Inszenierung für diesen einen Moment einstudiert, eine ganz private, schaurige Tragödie. Wie Käfer schleichen sie auf den Wegen zwischen den Rabatten umher, treffen sich auf dem freien Platz vor dem Gewächshaus, gehen hinein, kommen heraus, tauschen sich aus, tappen hin und tappen her, die Kofferträger jetzt vermummt in weißen Schutzanzügen, als wappneten sie sich gegen gefährlich heimtückische Viren. Ein wahrhaft sehenswertes Spektakel. Und alles nur wegen der Julia, die da im Gewächshaus liegt, schön, still und kalt. Vielleicht hat sie Glück und kann von irgendwoher da oben das Schauspiel beobachten, kann es begutachten oder kritisieren, kann aufreizend gackern oder posaunen, keiner würde mehr darauf hereinfallen oder gar ihren Reizen erliegen, jetzt tief verborgen unterm weißen Himmelsgewand.

Ich sehe den Kommissar mit meinem Mann sprechen, Ansgar fuchtelt aufgeregt herum, ich sehe zwei der koffertragenden Beamten auf unser Haus zukommen und mir wird heiß. Respektlos wühlen und stöbern sie sich von Zimmer zu Zimmer, frech und ohne jegliche Achtung vor persönlichem Hab und Gut. Nichts, aber auch gar nichts bleibt den Spurensuchern verborgen. Jetzt beglückwünsche ich mich insgeheim, dass ich heute Nacht noch fleißig die Wäsche versorgt habe, nachdem Ansgar eingeschlafen war. Nach der penetranten Durchsuchung beordert mich der Kommissar ins Gewächshaus. Unsere drei Arbeiter stehen zwischen den Pflanzenkästen herum, ihre hilflos herumirrenden Blicke können mir garantiert kein Mitleid abringen. Mein Ansgar steht dabei, er wirkt gebrochen. Seine ganze männliche Pracht und Glorie ist abgefallen und irgendwohin verschwunden. Der Arme! Geschieht ihm Recht, warum musste er auch jedem Weiberrock nachstieren! Ob sie ihn verdächtigen? Oder einen unserer Arbeiter?

„Kommen Sie doch bitte näher“, sagt Kommissar Feiler und ich wage mich fast bis an die mit Kreide umrissene Stelle heran. Feiler steht dahinter. Dort, wo Julias Hals gelegen hat, erkenne ich eine dunkle Stelle – eingetrocknetes Blut. Eklig. Trotzdem werde ich Julia nicht nachtrauern. Verdient ist verdient und wenn es der Tod ist. „Frau Braun, wie lang war Julia gestern Abend bei Ihnen im Laden?“
„Bis achtzehn Uhr.“ Mein Blick streift Ansgar, er starrt auf den Boden. Verspricht er sich dort Hilfe? „Hatte sie dann Feierabend?“, fragt Kommissar Feiler weiter. „Ja“, sage ich und schaue dem Kommissar fest in die Augen, „aber bevor sie ging, sollte sie noch eine Pflanze hierher bringen.“

„Vermissen Sie Ihre Blumenschere?“ Feiler lächelt mich an. „Meine Schere? Ich habe sie heute noch nicht benutzt“, sage ich vorsichtig. „Ihr Mann meinte, Ihre Blumenschere sei Ihnen heilig, Sie würden immer darauf bestehen, sie im Laden zu belassen. Stimmt das?“
„Ja, natürlich! Hier gibt es ja genug anderes Werkzeug.“ Der Kommissar macht einen Schritt in meine Richtung und hält mir eine klarsichtige Tüte vor die Nase. „Ist das Ihre Schere?“
„Ja! Aber wie sieht die denn aus?“ Ich zeige mich zutiefst erschrocken. „Es ist die Tatwaffe! Jemand muss sie also hierher gebracht haben.“
„Vielleicht hat Julia sie sich angeeignet. Oder Ansgar ...“
„Red‘ keinen Unsinn!“, wirft Ansgar dazwischen, seine Augen kleben förmlich auf dem Boden. Kann es sein, dass er – weint? „Ich glaube, Sie waren Frau Frobel ins Gewächshaus gefolgt und haben die Schere mitgenommen“, sagt Kommissar Feiler. „Hatten Sie bereits vor, sie zu benutzen? Hatten Sie Julias Tod geplant?“
„Nein!“, begehre ich auf. Ich hätte die blöde Schere doch nicht stecken lassen dürfen. „Es wäre ja ziemlich idiotisch, wenn ich meine eigene Schere für einen Mord verwenden würde. Ganz sicher will mir jemand alles in die Schuhe schieben!“
„Hätten Sie denn ein Motiv?“, fragt Feiler. „Sie suchen ein Motiv? Sie suchen bei mir ein Motiv? Die Schlampe hat doch jedem Mannsbild gehörig den Kopf verdreht. Da, schauen Sie sich die vier Herren doch an! Wer weiß, was sich da alles angebahnt hat!“ Mir wird es eng ums Herz, mein Blick fliegt hin und her und ich entdecke nicht nur am Ausgang, sondern auch im Gewächshaus mehrere Beamte, die auf mich zu lauern scheinen. „Die Schere war außerdem nicht versteckt, jeder hätte sie holen können“, stoße ich aus und hoffe, das Verhör endlich in eine andere Richtung zu lenken.

„Ihr Mann hat ausgesagt, Sie seien sehr penibel. Das heißt, Sie achten nicht nur darauf, dass Ihre Schere, sondern auch Ihre Arbeitshandschuhe stets auf ihrem Platz im Laden liegen. Stimmt das?“
„Ja, ich hasse die Sucherei.“ Was will er jetzt mit den Handschuhen? „Trotzdem, jeder hätte sich im Laden mit meinen Utensilien bedienen können.“
„Hat sich denn jeder im Laden bedient?“ Die kalten Augen des Kommissars zeigen keinerlei Sympathie für mich. „Nein, natürlich nicht, aber jeder hätte es tun können.“
„Ihre Mitarbeiter gehen, wenn ich recht informiert bin, nach Hause, bevor Sie den Laden schließen. Stimmen Sie dem zu?“
„Ja, meist schon.“
„Gestern doch auch? Sagte mir zumindest Ihr Mann.“
„Dann wird's auch so gewesen sein. Ich achte nicht darauf. Ich arbeite im Laden, zusammen mit der Aushilfe.“ Warum hackt er nur so auf mir herum? Auch Ansgar hätte ein Motiv gehabt, gekränkte Ehre oder so, schließlich hat sie ihn bis aufs Blut gereizt.

„Also, um es kurz zu machen“, resümiert der Kommissar und reicht die Tüte einem Kollegen weiter, „Ihre Handschuhe hätten zusammen mit der Schere im dafür extra angebrachten Wandschrank hängen müssen, da ja keiner außer Sie diese Utensilien benutzt. Richtig?“ Ich nicke verhalten, zucke mit den Schultern. Verdammt, warum habe ich nur so kopflos reagiert? Warum habe ich mich von dieser falschen Schlange derart reizen lassen? Die angebliche Affäre mit Ansgar habe ich ihr ohnehin nicht abgekauft. Ich habe genau gefühlt, dass sie mich nur verarschen wollte, dennoch ...

Der Kommissar hält mir urplötzlich eine zweite Tüte vor die Nase. Mit meinen Handschuhen. Schmutzig geschwärzt, wie halt Arbeitshandschuhe nach getaner Arbeit aussehen. Mir wird übel. „Also“, versuche ich, das Unheil abzuwehren, „die muss mir auch jemand entwendet haben.“
„Wir fanden sie auf dem Regal oberhalb Ihrer Waschmaschine. Alles war perfekt gesäubert, nichts lag herum, nur diese Handschuhe.“ Die Augen des Kommissars durchbohren mich, ein Mundwinkel zuckt hämisch nach oben. „Vergessen?“

Die Tüte baumelt vor meinen Augen, will mich hypnotisieren, mir die Seele aus meinem Leib zerren, meine Knie beginnen zu zittern, die Hände schwitzen und ich weiß nicht, ob Zorn oder Verzweiflung Besitz von mir ergreifen will. Ja, vergessen! Einfach vergessen, die blöden Handschuhe auszuziehen, bevor ich dieser Intrigantin ins Gewächshaus folgte, einfach vergessen und sie später wohl ganz in Gedanken abgelegt. Ich hätte die Handschuhe gleich heute früh suchen müssen und mich nicht meiner Euphorie hingeben dürfen. Am besten ich schweige, ich sage kein Wort mehr! Uschi Gassler