

BAD WILDBAD. Seien wir nicht ungerecht – Deutschland hat noch mehr aufzuweisen als teutonische Sturheit und Koalitionsdauerstreit, Italien mehr zu bieten als Spaghetti und Berlusconi. Und wenn uns auch die Kulturhistoriker belehren, der generelle Charakterunterschied, ja sogar die Entwicklung der erotischen Sprache beider Völker habe etwas mit den klimatischen Bedingungen zu tun, so fällt doch auf, dass es dem Durchschnittsdeutschen oftmals jener lebensbejahenden Eigenschaft ermangelt, die der Italiener „Agilità“ nennt. Mit Behändigkeit, temperamentvollem Agieren, Lockerheit in Sprache und Gestik, vielleicht sogar als emotioneller Überschwang wäre das zu übersetzen, was nun den umjubelten Auftritt zweier Sänger in Bad Wildbad auszeichnete – eben „Agilità“.
Ausverkauft die Trinkhalle, in der zum Abschluss des Rossini-Festivals die italienischen Bassbuffi Bruno Praticò und Lorenzo Regazzo ein vokales Feuerwerk besonderer Güte entzündeten. Wobei es dem international renommierten, auch an der Mailänder Scala engagierten Dirigenten Antonio Fogliani sehr gut gelang, das in manchen Bereichen gelegentlich schwächelnde Festivalorchester Virtuosi Brunensis (Horn, Trompete, Geigenintonation) zu federnder Leichtigkeit mitzureißen. Bekömmlich war dies einerseits den Ouvertüren zu Cimarosas „Il matrimonio segreto“, Rossinis „Il turco in Italia“ und Donizettis „Don Pasquale“, und andererseits dem – modisch gesprochen – Musikbett, auf dem sich Virilität, komödiantisch-vokaler Einfallsreichtum und übersprudelnde Sangesfreude der Bässe zu entfalten vermochten. Um im Bild zu bleiben: Praticò und Regazzo entfesselten eine ungemein vergnügliche musikalische Kissenschlacht, der vor allem Regazzo mit mimischer und körpersprachlicher Behändigkeit besonderen Pfiff gab. Die Anleihen aus dem effektvollen Gestenrepertoire der Commedia dell’arte und der sängerische Farbenreichtum, gepaart mit hochpräziser, geradezu atemberaubender Artikulationsgeschwindigkeit, zauberten jene Atmosphäre, die typisch ist für die Gesprächsrunden auf einer italienischen Piazza.
Wenn die beiden Buffi zuerst jeweils allein und sodann in meisterhafter Homogenität das Silbenhacken gemeinsam als vokaldeklamatorischen Wasserfall vorführen, bleibt dem gebannten Publikum nur ein fast ehrfürchtiges Staunen ob solcher Kunstfertigkeit. Schon rein körperlich, aber auch stimmlich, geben die Sänger ein Gegensatzpaar ab, wie es sich eine Komödie nicht besser wünschen könnte.
Praticò, die etwas gedrungene Körperfülle ganz in Weiß gehüllt, betont das rezitativische Element, färbt die Höhen tenoral kernig ein, gibt seinem Bass rollengerecht hie und da den Anschein der Altersschartigkeit.
Regazzo hingegen, hochgewachsen und ganz in Schwarz, nutzt sein Bassvolumen für ein traumhaft sicheres Piano in die tiefste Lage, legt jugendlich-markante Festigkeit in seine gut gestützten Koloraturen. So werden die Duette aus den bereits genannten Opern und aus Rossinis „L’inganno felice“ und Verdis, für unsere Ohren betont italienisch klingender komischer Oper „Un giorno di regno“, zum sängerischen Wettstreit und gleichzeitig zur vokalen Harmoniedemonstration – lebensdurchpulste Italianità und Agilità von ihrer besten Seite.
Mit minutenlangem Beifall, Füßetrampeln und Bravorufen erzwang sich das hingerissene Publikum in Bad Wildbad zwei Zugaben. Was für ein Abend – formidabel!





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