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15.10.2009

Zwischenraum

Schau mal!“ Ich hielt Alida mein Telefon unter die Nase, damit sie Noahs SMS lesen konnte. „Ist das nicht süß?“ Meine beste Freundin würdigte die Liebeserklärung keines Blickes. „Bah! Verschon mich damit!“ Lachend schob sie meine Hand beiseite. „Du bist einfach nur neidisch!“ Ich kicherte übermütig. Vor drei Jahren war Noah mir das erste Mal über den Weg gelaufen. Oder besser gesagt: Ich hatte ihn beim Aussteigen aus der Straßenbahn über den Haufen gerannt. Eine Woche später waren wir ein glückliches Paar.

Heute Abend wollten wir unseren Jahrestag feiern. Mein Herz hüpfte. Noah hatte geheimnisvoll von einer Überraschung gesprochen. Scheinbar machte sich auch Alida Gedanken zu diesem Thema. „Wetten, er macht dir heute Abend einen Antrag? So langsam wird es ja Zeit für ihn – schließlich hat er die Dreißig schon überschritten.“
„Sei nicht so frech!“ Ich knuffte sie liebevoll in die Seite. Inzwischen hatten wir den Parkplatz erreicht. Alida und ich arbeiteten in derselben Pforzheimer Firma, was wir sehr praktisch fanden. Als Kinder wie Schwestern aufgewachsen, konnten wir weiterhin unseren Ruf als „die Unzertrennlichen“ pflegen, auch wenn wir nicht mehr in derselben Stadt lebten. „Na dann, liebste Freundin! Ich wünsche Euch einen zauberhaften Abend!“ Alida lächelte sonnig und umarmte mich. „Den werden wir haben!“ Ich hauchte Luftküsse auf ihre Wangen. „Bis morgen!“

Ich winkte meiner Freundin nach, als sie davonfuhr. Da erfasste mich plötzlich ein merkwürdiges Gefühl. Im Schneckentempo kroch eine Gänsehaut meine Arme entlang bis in den Nacken hinauf. Ich fröstelte trotz der sommerlichen Wärme. Unwillig schüttelte ich den Kopf und legte dann den kurzen Weg zu meinem eigenen Auto zurück. Kurz darauf rollte ich die schmale Straße am Siloah-Krankenhaus entlang in Richtung Schwarzwald. Auf einem Campingplatz in der Nähe von Calmbach hatte Noah einen Wohnwagen stehen. Sehr romantisch, wie ich vom ersten Tag an fand. Und dort würde er mich samt seiner Überraschung erwarten. Unvermittelt kehrte die gespenstische Vorahnung zurück. Ein unangenehm dräuendes Gefühl drohender Gefahr. „So ein Blödsinn!“, rief ich und drehte die Musik auf volle Lautstärke. Deshalb entging mir das Läuten meines Telefons.

Den Golf, der hinter mir an der roten Ampel hielt, beachtete ich ebenfalls nicht. Warum auch? Wenig später überholte mich genau dieses Fahrzeug etwas gewagt kurz vor einer Kurve. Doch durch meine inzwischen wiedergefundene rosarote Brille sah ich alles ein wenig locker und hatte für den Raser lediglich ein nachsichtiges Kopfschütteln übrig. Nur noch zwanzig Minuten! Dann würde ich den Campingplatz erreichen. Dachte ich. Dachte auch Noah. „Wo bleibst du, Süße? Wir haben ein Date!“, fragte er deshalb, als sein Handy klingelte und er meine Nummer erkannte. Verständlich, dass Noah etwas verwirrt war, als der Polizist verlegen fragte, ob Noah wüsste, zu wem diese Telefonnummer gehöre. Verständlich auch, dass Noah etwas geschockt war, als er später von zwei Kriminalbeamten erfuhr, dass seine Freundin Isabella Kirstein nicht mehr lebte und ein Verbrechen nicht ausgeschlossen werden konnte. Nicht ausgeschlossen werden konnte? Warum sollte ich mich mit einem Sommerschal selbst erwürgen?

Etwas ratlos hockte ich auf einem Stapel von Baumstämmen und starrte den Tatort an. Nachdem die Spurensicherung abgezogen war, wurde mein Körper in eine schicke schwarze Limousine verladen. Sie wissen schon, diese Fahrzeuge mit den blickdichten Vorhängen. Endlich verschwand auch die Presse. Danach der Abschleppwagen mit meinem Auto und schließlich die vielen Kriminalbeamten. Übrig blieb nur ich. Und der Mond, der den Parkplatz am Rande der B294 in silbernes Licht tauchte. Kaum einen Kilometer von meinem Ziel entfernt. Es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte. Dass ich tot war. Dass ich allerdings nicht so tot war, um ganz verschwunden zu sein. Dass ich zwar nicht ganz verschwunden, aber dennoch für alle anderen unsichtbar war. Ich hing in einer Art Zwischenraum. Weder richtig tot noch richtig lebend.

Und es gab ein weiteres Problem: Ich könnte meinen Mord in Nullkommanichts aufklären. Täterbeschreibung? Wozu? Ich konnte Namen und Adresse nennen! Sogar das Motiv! Sozusagen all inclusive. Aber wie sollte ich das anstellen? Meine Eltern um Rat fragen stand leider nicht zur Debatte. Den Himmel stellte ich mir definitiv anders vor. Markus Becker. Mein Kollege. Wie selbstgefällig hatte er mich Noah weggenommen. Und Alida. Ich könnte ihn umbringen! Was sollte ich also tun? Hier warten? Worauf eigentlich? Ich könnte hier bis zum letzten Tag hocken und keiner würde mich bemerken. Entschlossen wollte ich von meinem Holzstapel herunterklettern bevor ich in Selbstmitleid ertrinken würde. Ertrinken – das war gut! Doch beim Aufstehen stellte ich überrascht fest, dass ich ein paar Zentimeter über den Baumstämmen schwebte. Schwarze Schatten begannen vor meinen Augen zu tanzen.

Als ich mich wieder einigermaßen im Griff hatte, schielte ich vorsichtig über meine Schulter. Wenn ich dort Engelsflügel entdecken würde, fände ich einen Schreikrampf absolut angebracht. Nicht einmal an Fasching hatte ich mich jemals als Engel verkleidet! Doch auf meinem Rücken hingen nur die Enden des langen Sommerschals, mit dem Markus mich erdrosselt hatte. Hastig schaute ich wieder nach vorn und begann, diese neue Art der Fortbewegung zu testen. Es ging ganz leicht. Als Gaspedal fungierten meine Gedanken. Stand eine gewisse Dringlichkeit dahinter, flog ich automatisch schneller. Radaranlagen musste ich nicht fürchten, hohen Benzinverbrauch auch nicht; also beschloss ich, ganz eilig zum Campingplatz zu wollen. Doch schon im Anflug sah ich, dass ich zu spät kam. Noahs Auto war nirgends zu sehen. Einen Moment lang schwebte ich nach Plan B suchend über unserem Wohnwagen, dann disponierte ich um. Vielleicht war Alida zu Hause. Ob sie schon von meinem Tod erfahren hatte?

Als ich an der Schlosskirche vorbeiflog, sah ich, dass es bereits 3.00 Uhr morgens war. Dennoch brannte hinter Alidas Wohnzimmerfenster Licht. Und jetzt? Konnte ich einen Klingelknopf drücken? Oder würde es mir gelingen, wie in Ghost durch Wände zu gehen? Ich stellte zügig fest, dass ich keine Gegenstände bewegen konnte. So kam es dann, dass ich plötzlich durch die Wand in Alidas Wohnzimmer auftauchte. Keine Ahnung, wer mehr erschrak – meine Freundin oder ich. Sie schoss jedenfalls aus ihrem Sessel und begann wie am Spieß zu schreien. Ich ging automatisch drei Schritte rückwärts und stürzte dabei um ein Haar aus dem Fenster. „Alida! Du hast mich fast zu Tode erschreckt!“, japste ich. „Dich zu Tode erschreckt?“, keifte Alida. „Soll das ein Witz sein? Du BIST tot! Noah hat mich angerufen.“
„Aber wieso kannst du mich sehen?“ Konsterniert runzelte ich die Stirn. Alida wurde abwechselnd rot und blass. Sie sah lausig aus. Ihre Augen vom Weinen dick geschwollen, das Gesicht verschmiert von zerlaufener Schminke. Besorgt schwebte ich auf sie zu. Meine Freundin hob abwehrend die Hände. Schüttelte den Kopf. Senkte die Arme. Starrte mich an. Ich starrte zurück.

„Genau! Das ist ein Traum!“, rief Alida plötzlich. Sie klang richtig erleichtert und begann, sich in den Arm zu kneifen. „Aua!“, rief sie empört. Prompt erschienen rote Spuren auf ihrer Haut. „Ich bin immer noch da“, sagte ich leise. Alida holte tief Luft und blies langsam wieder aus. Dann ging sie zaghaft auf mich zu. Ich hörte auf zu atmen. Oder so was in der Art. Schließlich stand sie genau vor mir und streckte die Hand aus. Ob sie durch mich hindurch greifen würde? Tat sie nicht. Alida berührte mein Halstuch und zog es ein Stück nach unten. „Uh! Sieht böse aus!“, murmelte sie beeindruckt. „Ist tödlich“, wusste ich aus Erfahrung. Wir schauten uns in die Augen und wussten nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Alida entschied sich für das Weinen. Dicke Tränen folgten den schwarzen Spuren, die bereits viele Tränen zuvor gemalt hatten. Wie gerne hätte ich mit ihr geweint. Doch es fühlte sich an, als würde man immer wieder einen Knopf drücken – und nichts passiert.

Unbeholfen versuchte ich, Alida in die Arme zu schließen. Aber es kam mir vor, als würde ich Luft umarmen. „Wer war das, Isabella?“, nuschelte sie an meiner Schulter. „Ich bringe ihn um!“ Alida und ich hatten schon immer dieselben Ideen gehabt. „Lass es. Das wäre dieser Mistkerl nicht wert, glaub mir!“, versicherte ich. Schlagartig stellte Alida das Schluchzen ein. „Du weißt, wer es war?“, fragte sie prompt. „Ähm“, machte ich wenig geistreich und überlegte fieberhaft, wie ich mit meinem Wissen umgehen sollte. „Du weißt es!“ Alida piekste mir ihren Zeigefinger fast in die Nase. „Los! Raus damit!“
„Alida! Das ist nicht so einfach“, versuchte ich zurückzurudern. „Du kannst nicht freudestrahlend bei der Polizei auftauchen und sagen: Markus Becker hat Isabella Kirstein mit dem Pannentrick auf einen Parkplatz gelockt und umgebracht!“
„Was? Markus hat dich umgebracht? Unser Markus?“ Ups! „Wollte der nicht mal was von dir?“, hakte Alida nach. „Ja“, antwortete ich gedehnt. „Aber ich nichts von ihm. Das ist schon ewig her. Aber genau deshalb hat er mich umgebracht. Wenn er mich nicht lieben darf, dann auch kein anderer, hat er mir erklärt!“

„Dieses Schwein!“ Alida begann, wie ein unruhiger Tiger in ihrem Zimmer auf und ab zu laufen. Ich beobachtete sie fast ängstlich. Hoffentlich tat sie nichts Unüberlegtes. Zum Beispiel Markus im Schlaf erschlagen. Oder die Polizei informieren. „Ich rufe die Polizei!“, beschloss Alida in diesem Moment. „Und was willst du den Beamten erzählen, wenn sie dich fragen, woher du das weißt?“, fuhr ich ihr in die Parade. Alida fiel in sich zusammen wie ein angestochener Luftballon. „Stimmt. Es klingt verdächtig, wenn ich sage, dass du mir einen Tipp gegeben hast“, stellte meine Freundin fest. Sehr richtig. Alida schaute mich ratlos an. „Und jetzt?“
„Wieso kannst du mich sehen?“, wiederholte ich etwas zusammenhangslos meine Frage von vorhin. Alida kaute noch daran, dass sie nicht bei der Polizei anrufen durfte. „Isabella! Woher soll ich das wissen? Du bist tot“, versetzte sie ungnädig. Danke für den Hinweis! „Aber du bist jetzt die Einzige, die mich sehen kann“, klärte ich Alida auf. „Dann liegt das an den besonderen Antennen, die wir schon immer hatten!“, war ihre logische Erklärung.

Hey, dann konnte Noah mich bestimmt auch sehen! „Du solltest schlafen gehen. Im Gegensatz zu mir musst du in ein paar Stunden zur Arbeit“, empfahl ich ihr. Und ich würde Noah suchen. Sofort! Zu meiner Erleichterung begann Alida zu gähnen. „Vielleicht hast du recht!“ stimmte sie mir widerspruchslos zu.

Irgendwann brach der neue Tag an. Die Menschen nahmen ihren Alltag auf, während ich planlos in der Luft hing. Buchstäblich. Ich hatte Noah nicht gefunden und keine Idee mehr, wo er sich noch herumtreiben könnte. Ich gab vorerst auf und beschloss, in meiner Firma die Lage zu peilen. Auf dem Weg dorthin flog ich an einem Kiosk vorbei. Und legte spontan eine Vollbremsung hin. „Mord im Enztal! Junge Frau erdrosselt aufgefunden!“, las ich die dicke Schlagzeile der Pforzheimer Zeitung. Darunter lächelte ich mir auf einem etwas grobkörnigem Foto entgegen. Du lieber Himmel! Wo hatte die Presse dieses Bild aufgetrieben? Meine Frisur war völlig zerzaust, und ich lächelte ziemlich dämlich. Noah hatte das Foto an Pfingsten auf der Fähre nach Sardinien geschossen.

Ich schwebte näher, um den Rest des Artikels zu lesen. „Besonders tragisch – die 25-Jährige war auf dem Weg zu ihrem Lebensgefährten, der ihr an diesem Abend einen Heiratsantrag machen wollte.“ Fassungslos starrte ich auf den Artikel. Jemand lief durch mich hindurch, griff nach der Zeitung und bezahlte. Noah und ich hätten im kommenden Frühjahr geheiratet. Eigentlich würden wir nun unsere Hochzeit planen. Stattdessen musste sich Noah um meine Beerdigung kümmern.

In der Firma war ich das Gesprächsthema Nummer eins. In unserem Großraumbüro standen meine Kollegen zusammen, machten erschütterte Gesichter, sahen verheult aus und waren nicht so recht imstande, ihrer Arbeit nachzugehen. Keiner von ihnen sah mich. Auch Markus schaute einigermaßen betrübt drein. Doch ich erkannte, dass die Miene nur aufgesetzt war. Dreckskerl! Er saß an seinem Schreibtisch und rührte seinen Kaffee um. Als er zufällig in meine Richtung schaute, blieb sein Gesichtsausdruck unverändert. Er sah mich nicht. Schade eigentlich. Den Schock hätte ich ihm gegönnt! In diesem Moment erschien Alida auf der Bildfläche. Meine Freundin entdeckte mich sofort, ließ mich aber links liegen. Sie ging auf Markus zu und setzte sich auf die Schreibtischkante. Ich beobachtete sie mit gerunzelter Stirn. Alida sah aus wie eine Katze, die eine arme Maus in die Enge getrieben hatte und nun mit Genuss zu Tode quälen würde.

„Du siehst aber zufrieden aus!“, schnurrte sie und lächelte harmlos. „Einen netten Abend gehabt?“ Markus blinzelte. „Ist es nicht schrecklich, dass Isabella tot ist?“, plauderte Alida weiter, als würde sie übers Wetter sprechen. Markus' selbstzufriedene Miene bröckelte zart. „Sie wurde ermordet!“, kam meine Freundin allmählich zur Sache. „Das sagten die Kollegen bereits.“ Markus bemühte sich redlich, entspannt auszusehen, doch ich sah, dass er heftig schluckte. Alida schürzte die Lippen und nickte. „Hm-hm. Mit ihrem eigenen Schal erdrosselt!“ Sie schaute Markus in die Augen und griff mit den Fingerspitzen ein imaginäres Tuch aus der Luft. Dann schlang sie einmal die Hände umeinander und streckte quälend langsam die Arme seitlich aus.

„Alida!“, entfuhr es mir. War die Frau völlig verrückt geworden? Markus starrte wie hypnotisiert auf Alidas Hände. Schweißtropfen ploppten auf seiner Stirn auf. Alida beendete ihre Vorstellung, indem sie das unsichtbare Tuch lässig über die Schulter warf. „Aber der Mörder wurde beobachtet. Die Polizei wird den Kerl bald haben!“
„Woher willst du das wissen?“ Mühsam versuchte Markus, seine Contenance wiederzufinden. Alida stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch auf. Fast berührten sich ihre Gesichter. „Ich weiß es einfach. Glaub mir!“ Sie rümpfte die Nase. „Rieche ich hier etwa Angst?“ Gekonnt zog sie eine Augenbraue in die Höhe. Markus sprang auf und stürzte aus dem Büro. „Was hat er nur auf einmal?“ Bekümmert schüttelte Alida den Kopf. „Bist du wahnsinnig geworden?“, fauchte ich, als ich endlich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Ich werde ihm das Leben zur Hölle machen!“, versprach Alida. „Mit Freuden!“ Das glaubte ich sofort.

Markus tauchte an diesem Tag nicht mehr im Büro auf. Dafür erschien nachmittags die Polizei und befragte im Büro unseres Chefs nacheinander alle Kollegen. Gleich würde Alida an die Reihe kommen. Ich schwitzte Blut und Wasser – falls ich so etwas noch hatte. „Wehe, du verlierst ein Wort über Markus!“, drohte ich ihr. Alida machte eine Handbewegung, als wolle sie lästige Fliegen verscheuchen. Ich fand diese Antwort ausgesprochen unbefriedigend. Natürlich wollte ich bei der Vernehmung dabei sein und nahm die Abkürzung durch die Wand.
Die Beamten stellten rasch fest, dass meine Freundin die letzte Person gewesen war, die mich lebend gesehen hatte. Ob ich mich an diesem Tag anders verhalten hätte als sonst. Ob ihr auf dem Parkplatz etwas Verdächtiges aufgefallen wäre? Ob sie beobachtet hätte, dass mir jemand folgt. „Du bist vor mir losgefahren“, erinnerte ich sie mit warnendem Unterton. „Du kannst gar nichts gesehen haben!“
„Isabella stand da und winkte mir nach“, erzählte Alida. Sie klang, als wäre sie mit den Gedanken weit weg. Wieder auf dem Parkplatz. Versuchte, das letzte Bild von mir festzuhalten. Ein Zittern überlief ihren Körper. Geduldig warteten die beiden Kriminalbeamten ab. Schließlich sprach Alida weiter. „Sie verließ den Parkplatz also nach mir. Keine Ahnung, ob sie jemand verfolgte.“ Sie machte wieder eine Pause und dachte nach.

In diesem Moment kam im Großraumbüro Unruhe auf. Deutlich war das Anschwellen von Stimmen zu hören. „Alida wird gerade vernommen. Du musst dich einen Augenblick gedulden“, hörte ich meine Kollegin Kathrin resolut sagen. Sie schien direkt vor der Tür zu stehen. „Wie lange ist sie schon drin?“ Ohne nachzudenken schoss ich durch die Wand – und flog Noah ungebremst über den Haufen. Leider merkte er nichts davon. „Was machst du hier?“ Meine Stimme überschlug sich vor Aufregung. Leider hörte er mich nicht. Wie sehr hatte ich gehofft, durch unsere enge Bindung von ihm gesehen zu werden! Es war zum Heulen. Was ich nicht konnte. Noah ließ sich auf einen Stuhl fallen und stützte den Kopf auf die Hände. Sein Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab, die Kleidung sah aus, als hätte er darin geschlafen. Ich hockte mich vor ihm auf den Boden. „Ich liebe dich!“, hauchte ich in seine Richtung. Noah schüttelte den Kopf. Er konnte das Unglück immer noch nicht fassen.

„Ach, Mann!“, rief ich frustriert. „Wieso kann Alida mich hören, sehen und berühren und du nicht? Ich dachte, wir beide hätten ganz besondere Antennen!“ Mein Freund blickte auf und wurde plötzlich käseweiß im Gesicht. „Ich komme später wieder!“, verkündete er meinen verblüfften Kollegen. „Mir wird schlecht!“ Und im nächsten Moment hetzte er aus dem Büro. Ich folgte ihm verwirrt. Schließlich erreichte Noah sein Auto, stieg ein und verriegelte die Türen. Ich ließ mich elegant auf den Beifahrersitz gleiten und schielte zu ihm hinüber. Seine Hände zitterten. Plötzlich schaute er in meine Richtung. Als habe er meinen Blick gespürt. Seine Augen weiteten sich entsetzt. Noah hob den rechten Arm, kniff mit der anderen Hand in die Haut und zuckte zusammen. Es war fast zum Lachen. „Du träumst nicht“, zerstörte ich seine Hoffnung. Noah schwieg. Also schwieg ich ebenfalls. Sekunden reihten sich zu Minuten aneinander. Immer länger dehnte sich die Stille aus.

Umso mehr erschrak ich, als Noah plötzlich zu sprechen begann. „Weißt du, wer dich umgebracht hat?“, fragte er. Seine Stimme klang merkwürdig. Als würde er nicht glauben, was er da gerade sagte. „Ja“, erwiderte ich ziemlich sparsam. Es reichte schon, dass ich mich bei Alida verplappert hatte. Alida. Markus. Plötzlich bekam ich einen Riesenschreck und schaute hektisch auf die Uhr. „Was ist los?“ Auf Noahs Stirn blinkten dutzende Fragezeichen. „Ich glaube, Alida ist in Gefahr!“ Erfolglos versuchte ich, die Autotür von Hand zu öffnen und stieg dann auf meine neue, unkonventionelle Art und Weise aus. „Los! Komm mit!“, drängelte ich. „Wohin willst du? Und warum ist Alida in Gefahr?“ Noah stolperte etwas kopflos hinterher. „Sie weiß, dass Markus mich ermordet hat! Und das hat sie ihm heute Morgen sehr subtil zu verstehen gegeben.“ Ups!

„Markus?“, keuchte Noah prompt. „Ich bringe ihn um!“
„Verhindere lieber, dass er Alida umbringt!“ Ungeduldig eilte ich voraus. „Hallo, Noah!“, grüßte Kathrin, als wir das Büro betraten. „Du hast Alida knapp verpasst. Sie ist vor zehn Minuten gegangen.“ Endlich begann Noah, wieder selbstständig zu denken. „Hat sie gesagt, ob sie noch etwas zu erledigen hat?“ Meine Kollegin legte die Stirn in Falten. „Nein“, meinte sie dann. „Ich glaube, sie wollte sich hinlegen.“
„Okay, danke für die Auskunft. Wir sehen uns!“, verabschiedete sich Noah hastig. In Rekordzeit erreichten wir das Haus, in dem Alida wohnte. Die Tür stand offen. Kein gutes Zeichen! Nun bekam ich es so richtig mit der Angst zu tun. Diese Tür stand nie offen! Dafür sorgte eine ältere Dame im Erdgeschoss. Noah stürmte in Windeseile die Treppen hinauf. Ich schwebte noch schneller voraus. Die Wohnungstür war prompt geschlossen. Wir wechselten einen hektischen Blick. „Ich gehe rein und peile die Lage“, teilte ich Noah dann mit. „Falls Markus hier ist, könnte ihn das Klingeln zu einer übereilten Tat veranlassen.“ Er nickte angespannt.

Die unheimliche Stille war das Erste, was mir auffiel. Ich stürzte förmlich den Flur entlang, voller Angst, was mich im nächsten Zimmer erwarten würde. Alida lag mit geschlossenen Augen auf der Couch. Es sah aus, als würde sie schlafen. Um ihren Hals lag der schwarze Seidenschal, den sie schon im Büro getragen hatte. Ihr rechter Arm hing schlaff herab. „Alida!“, kreischte ich außer mir. Meine Freundin riss die Augen auf. „Isabella! Bist du irre?“ Im selben Moment klingelte es an der Haustür. „Oh, Mann! Was ist denn auf einmal los?“, rief Alida genervt. „Hey! Das hatten wir nicht abgemacht!“, ärgerte ich mich über Noah, während Alida den Flur entlang eilte. Sie betätigte den Summer und riss gleichzeitig die Wohnungstür auf.

„Hallo, meine Liebe. Darf ich reinkommen? Ich wollte mit dir reden. Wegen Isabella.“ Falls ich noch Blut in den Adern hatte, gefror es mir nun auf der Stelle. Mit einem maliziösen Lächeln schloss Markus die Tür hinter sich. Isabella ging Schritt für Schritt rückwärts. Wo war Noah? Hatte Markus ihn etwa niedergeschlagen? Oder... ?? Ich wusste nicht, was ich zuerst tun sollte und spürte, wie ich in Panik geriet. „Bleib ruhig, Isabella!“, hörte ich wie durch Watte die Stimme meiner Freundin. „Ich brauche deine Hilfe.“ Meine Hilfe. Klar! Markus drängte Alida zurück bis ins Wohnzimmer. Der Wind blähte den Vorhang vor der offenen Balkontür. „Los, sprich mit mir, Isabella!“ Nun wurde auch Alida nervös. Markus kam lächelnd näher. Schritt für Schritt.

„Arme Alida.“ Er schüttelte gespielt mitleidig den Kopf. „Der Tod deiner Freundin hat dich scheinbar sehr mitgenommen.“ Ich beobachtete die Szene wie ein hypnotisiertes Kaninchen. „Noah ist mit mir gekommen. Wir hatten Angst, dass Markus dir etwas antun würde“, stammelte ich. Alida sah plötzlich deutlich entspannter aus. „Wollen wir uns nicht setzen, Markus? Ich könnte einen Cappuccino machen“, schlug sie vor. Markus zögerte. Auch ihm war aufgefallen, dass Alida plötzlich ruhiger wirkte und fragte sich irritiert nach dem Grund. Meine Freundin schaute zu mir. „Für dich eine Latte Macchiato, Isabella? Ich habe sogar Vanille-Aroma da.“ Ich nickte überrumpelt. „Gerne, und für Markus bitte etwas Zyankali!“

Alida brachte es fertig zu kichern und wandte sich an Markus. „Isabella macht schon wieder Witze! Sie hat vorgeschlagen, dir etwas Zyankali in den Cappuccino zu geben.“ Markus quollen fast die Augen aus dem Kopf. „Keine Angst, ich hab grad keins im Haus!“, beruhigte sie ihn und verschwand in Richtung Küche. Da erwachte Markus aus seiner Starre. „Hier geblieben!“ Er eilte Alida nach und packte sie am Arm. „Du glaubst wohl, du kannst mich austricksen und heimlich die Polizei anrufen!“ Hektisch flog ich hinter den beiden her. „Warum sollte ich die Polizei rufen?“, tat Alida überrascht. „Hast du etwas angestellt?“ Was für eine Hexe! Ich sah, dass Markus ins Schwitzen geriet. Seine Stirn begann zu glänzen. „Geht es dir nicht gut?“, fragte Alida scheinheilig und legte den Kopf schief. „Hör auf, ihn zu provozieren!“, versuchte ich meine Freundin zu bremsen. „Hör auf, dir Sorgen zu machen, Isabella“, winkte Alida ab. „Das reicht jetzt!“ Plötzlich machte Markus einen Schritt nach vorn. Seine Hände schlossen sich um Alidas Hals.

Meine Freundin schrie erschrocken auf. Und ich konnte nichts tun! Verzweifelt und vergeblich versuchte ich, Markus von Alida fortzuziehen. „Gleich sind die Unzertrennlichen wieder vereint.“ Markus sah auf irre Weise zufrieden aus. Alida rang nach Luft und versuchte, Markus‘ Hände von ihrem Hals zu lösen. Ich schrie wie am Spieß. Mit lautem Krachen flog die Wohnungstür auf. „Hände hoch! Polizei!“ Markus wirbelte herum. Alida stürzte wie ein nasser Sack zu Boden.

„Enztal-Mord in Rekordzeit aufgeklärt!“, titelte die Pforzheimer Zeitung am nächsten Morgen. „Mörder tötete aus Eifersucht!“ Als Noah Markus im Treppenhaus entdeckt hatte, hatte er sofort die Polizei alarmiert. Das rettete Alidas Leben. Markus war geständig. Dennoch würde er lange Zeit im Gefängnis schmoren müssen, denn er zeigte keine Reue. Psychopath! Und ich hing noch immer in diesem Zwischenraum herum. Wie sollte ich jemals loslassen? Wie sollten Alida und Noah loslassen? Ihr Leben musste weitergehen. Ohne mich.

Wenige Tage später fand meine Beerdigung statt. Eigentlich wollte ich nicht hingehen. Reine Feigheit. Ich wollte die traurigen Gesichter nicht sehen, keine rührende Orgelmusik hören und auch keine posthumen Lobreden. Noah und Alida gelang es schließlich, mich doch breitzuschlagen. Sie wollten sich verabschieden. Und zwar richtig. Diesen Wunsch konnte ich schlecht abschlagen. Zufällig hatte ich auch keine anderen Termine. Und damit keine Ausrede. So stand ich dann an einem sonnigen Tag im September an meinem eigenen Grab. Mir gegenüber die Trauergesellschaft. Ganz vorne der Pfarrer. Daneben Noah und Alida.

„Musst du dich so lässig an das Kreuz lehnen?“, murmelte Alida unter Tränen. Verlegen bemühte ich mich um eine respektvollere Haltung. „Und nun lassen wir Isabella Kirstein gehen“, hob der Pfarrer mit salbungsvoller Stimme zu den Schlussworten an. Ich sah, wie Noah Alida zart anstieß. „Was ist los?“, fragte ich erstaunt. „Benehme ich mich schon wieder daneben? Ist meine Frisur zauselig?“ „Du verschwindest!“ Alidas Augen wurden groß. „Du wirst immer blasser!“ Das ging mir jetzt zu schnell! Rasch hob ich die Hand. Ich küsste meine Finger und pustete Noah einen Kuss zu. Er erwiderte die Geste. „Leb wohl, Süße! Ich werde dich immer lieben!“
„Quatsch! Ich erlaube dir nur, unsere glückliche Zeit nicht zu vergessen!“, schimpfte ich und spürte plötzlich einen dicken Kloß im Hals. „Irgendwann wirst du eine wunderbare Frau finden!“

Noah schüttelte unglücklich den Kopf. Ich hasste Abschiedsszenen! Rasch blies ich auch Alida einen Kuss zu. „Pass auf dich auf!“ Sie konnte nur noch nicken. Eine Träne bahnte sich den Weg über meine Wange. Dann machte ich mich auf den Weg zu meinen Eltern. Susanne Götz