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21.09.2009

Ein Jahr als Praktikantinnen in Peru

Beim Treppensteigen sind Birgit Rebel und Nicola Schork anfangs ins Schwitzen gekommen. Was in Wiernsheim oder Maulbronn, wo die beiden 21-Jährigen aufgewachsen sind, ein Leichtes ist, war im peruanischen Cusco, in rund 3400 Metern Höhe, anstrengend.

Nach ihrem Abitur sind Birgit Rebel und Nicola Schork in die rund 325 000 Einwohner zählende Stadt geflogen, um dort im Rahmen eines Freiwilligendiensts, organisiert vom Verein Amntena (siehe „Zum Thema“), in einem Altenheim zu arbeiten und Kindergartenkinder und Schüler zu betreuen.

Im Altenheim, mehr ein „Auffangheim für die ältere Generation“, waren die Aufgaben breit gefächert. „Wir haben geputzt, gewaschen, Bewohner gefüttert oder ihnen die Fußnägel geschnitten“, sagt Nicola Schork. Hygiene und medizinische Versorgung seien auf niedrigerem Standard als in Deutschland gewesen. „Viele der 240 Bewohner waren aber fit, wurden mit einbezogen in den Alltag, zum Beispiel beim Kartoffelnschälen und es wurde viel getanzt“, erzählt Nicola Schork. Wichtig, das wissen die jungen Frauen von den Altenheimbewohnern, war es Gespräche zu führen, ein Spiel zu spielen, da zu sein. Spanisch ist für die beiden kein Problem mehr. „Zumindest verstehen wir alles“, sagt Nicola Schork. Am Anfang des Aufenthalts stand ein mehrwöchiger Sprachkurs. Für die 21-Jährige war die Arbeit im Altenheim „das Beste“ an ihrem Jahr in Peru. Das hat die Maulbronnerin auch dazu bewogen, von Oktober an in Freiburg Pflege zu studieren. Birgit Rebel, die vor dem Peru-Aufenthalt mit einem Lehramtsstudium geliebäugelt hat, ist davon nach ihren Erfahrungen in einem kombinierten Schul- und Kindergartenzentrum im Dorf Yuncaypata abgekommen. In dem rund 20 Busminuten von Cusco entfernt liegenden Dorf gab es acht Schüler von Klassenstufe eins bis sechs und eine Lehrerin, die dreimal im vergangenen Jahr gewechselt hat. „Trotz Schulpflicht sind die Schüler gekommen und gegangen, wie sie wollten“, erzählt Birgit Rebel. Wenn die Ziegen gehütet werden mussten, war das eben wichtiger. Viele der 300 Dorfbewohner schickten ihre Kinder in die Stadt zur Schule. „Aber dort können die Lehrer bei bis zu 40 Kindern pro Klasse nicht auf deren Bedürfnisse eingehen“, sagt Birgit. „So passiert es, dass Zwölfjährige das Einmaleins vorne und hinten nicht können“, beschreibt Nicola Schork. Dass gekauftes Obst und Gemüse vergleichsweise teuer ist, führe gerade auf dem Land zu einseitiger Ernährung. „Mais, Saubohnen, Kartoffeln, das was man selbst anbaut, wird eben gegessen“, sagt Birgit Rebel. In Cusco selbst haben die jungen Frauen nichts vermisst. Touristisch geprägt – als Ausgangspunkt zur Inkastadt Machu Picchu – gibt es viele Supermärkte und Discos.

Ungewohnt waren die großen Temperaturunterschiede. Mittags im Shirt und abends mit Mütze waren die jungen Frauen unterwegs. Oft begleitet von den Rufen einheimischer Männer. Groß – und für peruanische Verhältnisse auch die braunhaarige Birgit hellhaarig – „sind wir überall aufgefallen wie bunte Hunde“, erinnert sich Nicola Schork und lacht.
Auch die Ratten, die durch ein Loch in der Hauswand unermüdlich Zugang zur Wohnung der beiden jungen Frauen fanden oder das Wasser, das kalt aus der Dusche kam, waren neu. „Aber man gewöhnt sich an alles“, meinen die beiden. Und brechen eine Lanze für ein Jahr Auszeit nach dem Abitur. „Viele argumentieren, das wäre in beruflicher Hinsicht verschenkte Zeit“, sagt Birgit: Stimmt nicht, meint die 21-Jährige. „Weil man dadurch selbstständig wird und lernt, kreativ an Dinge heranzugehen.“ Und man lernt, sich durchzusetzen. Wie in der Rattenfrage. Immer wieder hatten die jungen Frauen bei der Familie im Untergeschoss des Hauses, in dem sie wohnten, vorgesprochen. Bis der Vater das Loch in der Hauswand zumauerte. „Wir haben mit Holz alle Löcher zugenagelt und dann war gut“, sagt Nicola Schork. Die Treppe sind sie am Ende auch hinaufgekommen, ohne hinterher ein Ruhepäuschen auf dem Sofa einlegen zu müssen. Nadine Schmid