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Maulbronn und Lienzingen verbindet in erster Linie die kirchliche Geschichte. So war die Frauenkirche (unten) als Wallfahrtsort gedacht, den die im Maulbronner Kloster ansässigen Zisterzienser (oben) in Auftrag gegeben hatten. /Ruff
Maulbronn und Lienzingen verbindet in erster Linie die kirchliche Geschichte. So war die Frauenkirche (unten) als Wallfahrtsort gedacht, den die im Maulbronner Kloster ansässigen Zisterzienser (oben) in Auftrag gegeben hatten. /Ruff
Die Zuhörer im evangelischen Gemeindesaal lauschten gespannt den Ausführungen zur Historie ihres Ortes. Lutz
Die Zuhörer im evangelischen Gemeindesaal lauschten gespannt den Ausführungen zur Historie ihres Ortes. Lutz
Zeigte viel Wissen: Andreas Felchle am Freitagabend in Lienzingen.
Zeigte viel Wissen: Andreas Felchle am Freitagabend in Lienzingen.
16.10.2016

Geschichte und Geschichten aus Lienzingen

Nein, es werde keine Veranstaltung, die multimedial aufbereitet sei, kündigte Andreas Felchle gleich zu Beginn an. Was die Zuhörer im gut besuchten evangelischen Gemeindezentrum in Lienzingen statt zahlreicher Bilder oder gar kurzer Videofilme stattdessen erwarte, seien Worte – hoffentlich interessant, hoffentlich informativ.

„Wenn es gut läuft, schläft auch niemand ein“, sagte Felchle und lachte. Der Maulbronner Bürgermeister war am Freitagabend auf Einladung des Organisationskomitees der 1250-Jahr-Feierlichkeiten, die Lienzingen in diesem Jahr begeht, in den Nachbarort gekommen, um von den vielfältigen Verbindungen zu erzählen, die Maulbronn seit jeher mit Lienzingen unterhält.

Geschichte und Geschichten solle der Abend bieten, hatte Günter Bächle vom Organisationsteam bereits zur Einführung angekündigt – und Hobby-Historiker Felchle hielt, was Bächle versprochen hatte. Von der Karolingerzeit im frühen Mittelalter über die Zeit des Dreißigjährigen Krieges bis ins 20. Jahrhundert hinein erstreckten sich die Ausführungen des 54-Jährigen, der weite Teile seines Vortrags frei hielt – lediglich einige Zettel mit Stichworten dienten als Stütze.

Besonders interessant und ausführlich wurde nachvollziehbarerweise jenes Kapitel behandelt, das die Verbindungen zwischen Lienzingen und Maulbronn prägte wie kein zweites: die Epoche von 1147 bis hinein ins 16. Jahrhundert, als in der Region die in Maulbronn ansässigen Zisterziensermönche das Sagen hatten. Lienzingen war damals zeitweise komplett unter klösterlicher Herrschaft, musste Abgaben bezahlen und Leibeigene stellen. „Die Geschichte der beiden Orte ist vor allem auch eine Geschichte des Streits“, so Felchle. Schließlich habe die Abhängigkeit immer wieder zu Zwist geführt – beispielsweise um das Nutzungsrecht des Waldes. Andererseits: „Das wohl schönste Gebäude in Lienzingen“ habe man dem Nachbarort Maulbronn zu verdanken – schließlich seien es die Mönche gewesen, die den Bau der Frauenkirche als Wallfahrtsort in Auftrag gegeben haben. Die Nachbarn hätten sich jedoch immerhin damit revanchiert, dass mit Johannes von Lienzingen ein wichtiger Abt im Kloster Maulbronn wirkte.

Insbesondere zwischen Lienzingen und Maulbronns Stadtteil Schmie habe jahrhundertelang eine derart enge Beziehung bestanden, dass man sich sogar den Pfarrer teilte. „Die Bürger aus Schmie wurden in dieser Zeit in Lienzingen beerdigt, die Schüler dort unterrichtet“, so Felchle. Bei all den Gemeinsamkeiten, erklärte am Ende des Abends Lokalpolitiker Günter Bächle, sei auch eine Eingemeindung Lienzingens nach Maulbronn eine Zeit lang durchaus Thema gewesen – wenn auch letztlich ohne Erfolg. „Gepasst hätte das sicher“, betonte Felchle. Doch die Geschichte habe sich anders entwickelt – „und so wie es heute ist, ist es auch gut.“

Dieser Einschätzungen stimmten die Zuhörer einträchtig zu – und belohnten Felchle für seinen Vortrag nicht nur mit viel Applaus, sondern auch damit, dass am Ende tatsächlich niemand eingeschlafen war.