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06.11.2009

20 Jahre Mauerfall

Weiß ein Deutscher aus dem Westen, wie es im Osten riecht? Wenn er noch nie dort war, kann er es nur ahnen, aber er wird richtig vermuten: Es riecht wie im Westen. Doch wie roch früher der Osten? Er wird es nie erfahren, egal wie sehr er sich für dafür interessiert. Diesen typischen DDR-Geruch nach Kohle und Trabi-Abgasen – von dem kann er sich lange erzählen lassen, in der Nase haben wird ihn der Westdeutsche nie.

Das ist schade, weil der Geruch des Ostens so ganz anders war als der des Westens, der manchmal den Weg über die Mauer schaffte. Zum Beispiel in den Päckchen, die Freunde oder Verwandte aufs Postamt in Bremen oder Konstanz brachten und danach immer bangen mussten, ob es die Sendung auch wirklich durch den DDR-Zoll schafft, wo alles geöffnet, manches herausgenommen und vieles mutwillig kaputtgemacht wurde, ehe es den Weg in ein Wohnzimmer fand. Dort geschah dann beim Öffnen das kleine Wunder: Die Päckchen rochen nach Westen. Egal, was drin war. Ein Pulli und zwei Tafeln Schokolade verströmten den gleichen herrlichen Duft wie eine Packung Gummibärchen und ein paar Turnschuhe. Es war ein Rätsel, ein wunderschönes.
So wenig wie der spezielle Geruch in Ost und West lassen sich die Unterschiede zwischen den Menschen erklären, die 28 Jahre durch eine Mauer getrennt waren. Nur eines steht fest: Die Abschottung und die Unfreiheit haben bei den ehemaligen DDR-Bürgern tiefere Spuren hinterlassen als viele im Westen wahrhaben wollen. Unabhängig von den negativen Folgen des Mauerbaus war der Osten fast drei Jahrzehnte aber auch schlicht und einfach ein anderes Land, in dem sich ein Leben auch anders entwickelte als im Westen. Soll heißen: Dort wurde man ein anderer Mensch als hier, aber nicht ausschließlich ein Produkt von Bevormundung, Angst und Depression.
Aus der West-Perspektive sind 20 Jahre eine verdammt lange Zeit. Erst recht, wenn man das Leben in der alten Bundesrepublik als Nonplusultra begreift und sich die deutsche Einheit als einen Prozess vorstellt, in dem die aus dem Osten einfach so werden sollen wie wir im Westen. Aus der Perspektive eines Menschen, den das Leben hinter der Mauer geprägt hat, sind 20 Jahre viel weniger. Das, was vor dem 9. November 1989 war, wird ihn für immer begleiten, ob er will oder nicht.
Gerade wir hier – weit weg vom Osten und mitten in einem der reichsten Bundesländer – kennen diese Zeit hinter der Mauer nur aus zweiter Hand. Und viele von uns haben es auch nach zwei Jahrzehnten noch nicht geschafft, sich vor Ort ein Bild vom Osten zu machen. Es lohnt sich. Auch wenn es längst wie im Westen riecht, ist vieles anders. Nicht schlechter, nicht besser, nur anders. Darüber sollten wir uns freuen, statt es zu beklagen. Weil es ganz normal ist – auch nach 20 Jahren.