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31.10.2008

31.10.08

In Zeiten finanzieller Krisen muss man sich an jenen Kleinigkeiten ergötzen, die das Leben erst lebenswert machen. Ein gutes Buch zum Beispiel, spannend oder humorig, ganz egal, Hauptsache unterhaltsam und deshalb ablenkend von den Unbill dieser Welt.

Oder ein Stück des herrlichen Kuchens, den der Kollege Berends regelmäßig mitzubringen pflegt, liebevoll gebacken von seiner Frau, die offensichtlich ein Herz hat für darbende Journalisten, die stets nach süßem Backwerk lechzen. Oder eben andere kleine Naschereien, die die Seele erbauen, die uns jauchzen lassen und jubilieren, wenn sie ihren zarten Schmelz auf unserer Zunge, an unserem Gaumen verbreiten und uns ein zufriedenes Lächeln aufs Gesicht zaubern. Nun ja, und Pfunde auf die Hüften.

Doch wegen so ein paar Dutzend Kilo Übergewicht lasse ich mich noch lange nicht aus der Bahn werfen und mir den Spaß am zuckrigen Vergnügen nehmen. Ein Riegelchen abendliche Schokolade hier, ein zarter Mohrenkopf da, den ich eigentlich gar nicht mehr Mohrenkopf nennen darf, und auch nicht Negerkuss, weil das ja politisch unkorrekt ist.

Politisch unkorrekt will ich nicht sein, am Ende melden sich noch politische Korrektheitsverbände bei mir und fordern erzürnt, ich solle mich gefälligst zurückhalten mit meiner derben Sprache und darauf verzichten, mich mittels mieser Wortwahl an den Rand der Verfassungstreue zu begeben. Ach, ich möchte lieber gar nicht daran denken. Da wird mir ganz bang und ich sehne mich schon wieder nach süßem Seelentrost.

Aurélie will mir die kleinen Kalorienbomben stets verbieten; besorgt sei sie, und zwar um meine Gesundheit. Blöd nur, dass sie selbst in schöner Regelmäßigkeit ein abendliches Klagelied anstimmt: „Schokolaaaaade . . . ich brauch' Schokolade.“ Selbstlos wie ich bin, ziehe ich dann los, kaufe Schokolade, Aurélie stürzt sich darauf und kann mir infolgedessen nicht verbieten, ebenfalls einen Griff in die verheißungsvolle Tüte zu riskieren.

Manchmal fische ich auch Gummibärchen aus der Tüte, klein, wohlschmeckend, süß. Ich habe richtige Gummibärchenphasen, in denen ich mich nach den kleinen Gesellen verzehre, sie durch meinen Mund wandern lasse, bis der ganz klebrig ist und sich kaum noch öffnen lässt. Herrlich.

Auch Toni kennt diese meine Vorliebe. Und so war ich geradezu gerührt, als ich eines Tages nach Hause kam, auf der Kommode im Flur einen Zettel vorfand, auf dem in krakeliger Kinderschrift geschrieben stand: „Für Buddy, lecker!“, und darauf wiederum wartete ein großes, dickes Gummibärchen in Teufelsform. Die liebe ich ganz besonders.

Hach, so ein gutes, liebes Kind. Ich lächelte selig vor mich hin, nahm den kleinen Teufel und schob ihn mir voller Vorfreude in den Mund. Genüsslich zuzelte ich an der süßen Gelatine und bohrte schließlich meinen Backenzahn herzhaft ins weichliche Gewebe, in froher Erwartung der kommenden Geschmacksexplosion.

Und die kam tatsächlich. Das Ding war sauscharf. Ein Chili-Gummibärchen hatte Toni mir ins Nest gelegt, das kleine Luder. Ich ächzte und ich stöhnte und ich spuckte Feuer. Widerlich.

Am Abend erzählte ich Toni, dass ihr Streich zwar eine bodenlose Frechheit, aber auch ein großer Erfolg war. Ich glaube, sie lacht immer noch.